NZZ Folio 11/08 - Thema: Image   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Nicht ganz ungeniert

Von Daniel Weber
Selten hat ein Berufsstand in so kurzer Zeit einen so vernichtenden Image­schaden erlitten wie jüngst jener der Investmentbanker: In den Jahren des Erfolgs posierten sie mit siegesgewissem Grinsen als «Masters of the Universe» und erweckten eine Mischung von Bewunderung und Neid; seit die Finanzmärkte weltweit darniederliegen, gelten sie nur noch als üble Zocker und bonusgeile Versager. Die Investmentbanken sind inzwischen von der Bildfläche verschwunden, aber die Banken generell müssen sich einiges einfallen lassen, um ihr im Sog der Krise ramponiertes Ansehen wiederherzustellen; auf ihre Kommunikations- und Imageberater wartet Schwerstarbeit.

Denn wo immer etwas schiefgeht, stehen Heerscharen von Beratern bereit, um die Imageprobleme von Unternehmen, Organisationen oder Politikern zu lösen. Nicht immer sind sie erfolgreich. Dieses Heft liefert dafür reichliches Anschauungsmaterial: Es ruft die grössten Tiefschläge der Krisenkommunikation in Erinnerung; macht Korrekturvorschläge für die Irrungen und Wirrungen der Schweizer Aussenpolitik; schildert die Versuche Grenchens, endlich den Ruf abzuschütteln, die Stadt mit der schlechtesten Lebensqualität der Schweiz zu sein.

Nicht nur Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen – wie die in die Jahre gekommenen Punkrocker Die Ärzte oder die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel –, müssen hart an ihrem Image arbeiten. Zunehmend sind auch Private mit fast unlösbaren Imageproblemen konfrontiert. Vor allem das Internet bietet unendlich viele Möglichkeiten, sich einen schlechten Ruf zu erwerben. Google findet alles, was über eine Person im Internet kursiert – auch jede Verleumdung; sie wieder zu entfernen, gelingt selbst spezialisierten Online-Imagepflegern nicht immer.

Natürlich ist unser Image kein getreues Abbild unserer selbst, sondern ein Trugbild, das wir nur zum Teil selbst formen und verändern können. Unser ­öffentliches Gesicht ist eine Konstruktion – aber das macht es nicht weniger schlimm, wenn wir es verlieren. «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz un­geniert»: der Spruch kommt in unserer imagefixierten Gesellschaft keinem mehr so locker über die Lippen.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Nicht ganz ungeniert - NZZ-Folio Image (11/08)

Im letzten Heft hätte ich sehr einen Beitrag begrüsst, der die Aktivitäten der grossen PR-Agenturen wie Burson-Marsteller, Hill and Knowlton, Ruder Finn, Waterman and Associates usw. unter die Lupe nimmt und etwas erhellt, wie diese am Image und im Interesse von Staaten, Organisationen, Firmen usw. arbeiten und auf nationaler wie internationaler Ebene grossen und wenig thematisieren Einfluss ausüben. Dafür hätte man getrost auf den Beitrag von Thomas Gsella zu Angela Merkel verzichten können, der keinerlei Informations- oder anderen Wert hat und nur peinlich ist, unter anderem dadurch, dass es der Autor fertig bringt, auf nur eineinhalb Seiten sein eigenes Blatt unzählige Male zu zitieren.
Nada Boškovska, Zürich



Zu Editorial -- Nicht ganz ungeniert - NZZ-Folio Image (11/08)

Köstlich, wie die Jungs von der Folio Redaktion (die Damen sind mitgemeint) das Thema zur Festigung des eigenen Images nutzen: zwölf Jungs aus der Werbung dürfen sich zu Richtern aufschwingen, ein alter Herr, der sich - quasi als Abgangsentschädigung - kurz vor seiner Pensionierung im Micheline-Bashing austoben durfte, wird aus der Versenkung geholt und nochmals auf unsere Aussenministerin losgelassen, und die Bildredaktion haut gleich drei Politikerinnen in die Pfanne. Zum Glück gibt's noch Mitarbeiter wie Gerhard Glück, der auch dem blödsten Folio ein pfiffiges Schwänzchen anzuhängen versteht.
Yvonne Lenzlinger, Zürich



Zu Editorial -- Nicht ganz ungeniert - NZZ-Folio Image (11/08)

Selten habe ich so kluge und erfrischende Geschichten in Sachen «Image» gelesen. Ich lebe seit 1998 hier. Man möge Nachsicht mit mir haben, auch wenn ich mich nicht als «Gummihals» fühle oder sehe. Ist eben alles eine Frage des Images, oder?
Michael Barney, per E-Mail



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.