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NZZ Folio 04/07 - Thema: Heiraten   Inhaltsverzeichnis

Willst du mit mir gehen?

© Julian Salinas
Michael Schneider (35), Financial Controller aus Zürich, und Lea Ullmann (30), Modedesignerin aus New York. Das Hochzeitsfest wird in der Provence stattfinden. Es ist für beide die erste Ehe; sie sind seit sieben Jahren zusammen.
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Persönliche Überlegungen zum Heiratsantrag.

Von Mikael Krogerus

«Heirate mich!» Es war mehr ein Flehen als ein Antrag und verriet augenblicklich, wie es um mich stand. Ich wusste, dass ich keine Chance hatte, dass unerwiderte Liebe alles war, was ich von dieser Frau erwarten konnte.

Mein erster Heiratsantrag fiel auf den Tag, an dem die Von-Bengelsdorff-Familie in Helsinki zu einem ihrer Dinners lud – die halbe finnisch-schwedische Aristokratie war anwesend, man servierte das Nationalgericht: Krebse. Ich bewohnte in dem herrschaftlichen Haus das alte Küchenmädchenzimmer; die Miete war ein Witz, im Gegenzug verlangte die Hausherrin, dass ich bei den gesellschaftlichen Anlässen zugegen war und mit den deutschsprachigen Gästen parlierte. An diesem Abend sass ich zwischen zwei deutschen Stipendiaten und gegenüber einer katholischen Schönheit. Die 30-jährige Römerin mit israelischem Blut in den Adern sah aus wie eine reife Piemontkirsche, und als sie lächelte, brannte es in meinem Herzen. Ihr Name war Caterina Cederone. Was für ein Name! Was für eine Frau! Ich war überwältigt.

Nach dem dritten Krebs und dem vierten Trinkspruch spürte ich eine Berührung an meinem Bein. Ich blickte auf und sah in die dunklen Augen der Piemontkirsche. Das Leben hätte nicht besser sein können. Zumindest an der Oberfläche. Innen drin war ich ein nervöses Wrack. Ich hatte erst wenig Erfahrung mit Frauen und war nicht in der Lage, den international gültigen Code für zufällige Berührungen unter Tischen zu dechiffrieren. Statt an schnellen Sex dachte ich an ewige Liebe. Der Abend wurde länger und ich immer betrunkener und redseliger und dümmer.

Irgendwann standen wir beide vor dem Haus. Sie wartete auf ein Taxi und sagte: «Ich fahre jetzt.» Mit sperrangelweit geöffnetem Herzen sagte ich: «Heirate mich.» Die Piemontkirsche schaute mich lange an und notierte dann etwas auf der Rückseite eines Couverts: «Das Schlimmste im Leben: zu gefallen suchen und nicht gefallen.» Ich schwor mir, nie mehr mein Herz zu öffnen.

Die Frau, die mich 13 Jahre später dazu veranlasste, meinen Schwur zu brechen, beschrieb ein Freund so: «Sie ist stolz und klug, und wenn sie mit dir spricht, denkt sie an dich, und ausserdem ist sie so unglaublich schön.» Der gleiche Freund sagte mir später noch: «Ich habe dich immer für einen guten Typen gehalten, aber es bleibt mir bis heute ein Rätsel, wie ausgerechnet du sie rumgekriegt hast.» – Wie macht man einer solchen Frau einen Heiratsantrag? Einer Frau, die gelangweilt ist von den ständigen Avancen der Männer und an der Bar schon mal die Einladung zu einem Drink abweist mit den Worten: «Sag doch mal was anderes, es muss nicht gut sein, nur anders.» Einer Frau, die in sich Widersprüche vereint, von denen andere Frauen nur gelesen haben?

Es ist wohl so, dass dem Antrag drei Ängste im Weg stehen. Die vor der Ablehnung und jene, nicht mehr zurückzukönnen. So sehr ich befürchte, dass sie Nein sagen könnte – was wäre, wenn sie Ja sagte? Hiesse das bei aller Freude nicht auch Abschied nehmen vom Zauber unerfüllter Sehnsüchte? Die Person, die wir zu sein glaubten, ist uns plötzlich fremd, wenn wir bekommen, was wir erhofften. Denn in der atemlosen Verheissung des Unerfüllten gab es unendlich viel Raum für ebenso vielversprechende wie trügerische Vorstellungen über uns selbst.

Zu der Angst, enttäuscht zu werden, kommt die Angst, zu enttäuschen. Nicht den Erwartungen zu entsprechen, die man im anderen gesät hat. Würde ich mich mit dem Antrag lächerlich machen? Oder schlimmer noch: mich verraten? Würde sie mich durchschauen und erkennen, dass ich eigentlich ganz anders bin? Ein schlechter Liebhaber und lausiger Koch, ein gemeines Schlitzohr, ein auf Sicherheit bedachter Spiesser, ein zerstreuter Mann? Statt einen Heiratsantrag zu machen, sollte ich eine Kündigung schreiben, in der ich alles, was ich sie habe glauben lassen, zurücknehme. Sie wäre unterschrieben mit Kierkegaards Worten: «Der, der ich bin, grüsst den, der ich gern wäre.»

Wenn sich die New Yorker Untergrundbahn nach einer Ewigkeit wie ein Wurm aus dem Tunnelsystem von Brooklyn windet, blickt man rechts über die Docks hinweg aufs Meer, in der Ferne das runtergerockte Riesenrad von Coney Island. Ausser uns waren nur noch eine Handvoll Spaziergänger an dem dunklen Strand. Es war November, der Himmel sah aus wie bei William Turner, und die einzige geöffnete Hotdogbude löschte ihre Reklametafel und liess die Rollläden herunter; am Strand grosses Schweigen und das Rauschen des Meeres. Hinter uns glühte und pulsierte die Stadt. Ich hatte das Gefühl, dies sei die erste ruhige Minute in meinem Leben.

Wir spazierten langsam auf den breiten Bohlen des Piers. Ich holte tief Luft und setzte an. «Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass wir beide Scheidungskinder sind?» fragte sie, bevor ich etwas sagen konnte. Wir wanderten weiter. Der Pier ist ungefähr 50 Meter lang, mir blieben noch 10 Meter, Wind kam auf, es stank nach Fisch. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sagte: «Willst du mich heiraten? Also, ich meine, rein rhetorisch?» Ich hatte «theoretisch» sagen wollen, aber in meiner Aufregung hatte ich «rhetorisch» gesagt. Ihre Antwort war ein Lachen. Es gibt nichts Schöneres, als die Frau, die man liebt, zum Lachen zu bringen.

Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.


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