NZZ Folio 01/97 - Thema: In der Krise   Inhaltsverzeichnis

Ausgemustert

Nach zwei Jahren Arbeitslosengeld ist Schluss.

Von Monika  Rosenberg

VON SPRACHLICHER SCHÖNFÄRBEREI kann bei den Ausgesteuerten keine Rede sein. Unverschämt drückt der amtsdeutsche Begriff das negative Umfeld aus, dem er seine Entstehung verdankt. Ein schwacher Trost, dass auch das Französische die «chômeurs en fin de droit» nicht in Watte packt, sondern die Situation unzimperlich auf den Punkt bringt. Nicht nur in freier Übersetzung sind die Ausgesteuerten am Ende.

Sogar die Statistik, Grundfeste staatlichen Handelns, gespickt mit Zahlen von Geburt über Heirat und Scheidung bis zum Tod und sattelfest auch in Sachen Federvieh- oder Schweinepopulation, gerät beim Stichwort «Ausgesteuerte» ins Wanken. Ungenauigkeit droht - ein Albtraum für den auf soliden Input angewiesenen Datenverwerter. «Es gibt in der Schweiz keine Statistik mit direkten Aussagemöglichkeiten zur Anzahl Personen, die sich zum <Bestand an Ausgesteuerten> auf einen bestimmten Zeitpunkt hin aufsummieren liessen», beschied der Bundesrat noch im Herbst einer Interpellantin aus dem Nationalrat.

Doch auch die Statistiker können sich den real existierenden Ausgesteuerten auf die Länge nicht verweigern. Ende 1996 rückte das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Biga) erstmals mit Zahlen zu den Aussteuerungen aus der Arbeitslosenversicherung (ALV) heraus, versehen mit einer vorsorglichen Warnung vor dem «statistischen Neuland». Danach sind 1994 gut 42 400 Personen aus der Versicherung gestrichen worden, weil sie ihren Anspruch auf Taggelder ausgeschöpft haben. In den letzten beiden Jahren dürften es rund 37 000 gewesen sein, im laufenden Jahr ist nach dem erneuten Anstieg der Arbeitslosigkeit wieder mit höheren «Abgängen» zu rechnen.

Sinnigerweise ist von einer «stromorientierten» Statistik und von «Flussdaten» die Rede, die nur festhalten, wie viele Personen in einem bestimmten Zeitraum aus der Notunterkunft namens ALV ins Bodenlose geschwemmt wurden. Wie viele sich dort inzwischen angesammelt haben, vermag niemand zu sagen. Gemäss Schätzungen soll ein Drittel der insgesamt 300 000 Fürsorgeabhängigen über den klassischen Parcours Entlassung?Stempelgeld?Aussteuerung bei den Sozialdiensten der Gemeinden gelandet sein. Nur ein Teil der Langzeitarbeitslosen folgt jedoch dieser theoretisch vorgezeichneten Abwärtsspirale. Viele versuchen über verschiedene Nebenwege, den als beschämend empfundenen Gang zur Fürsorge zu vermeiden.

V. ist 49 Jahre alt. Nach vierzehnjähriger Tätigkeit als Fernmelde-Elektroniker bei der Ascom in Bern wurde er im Rahmen einer Restrukturierung mit den besten Wünschen für eine erfolgreiche Zukunft entlassen. Inzwischen hat er die 178. Absage zu seinen Akten gelegt. Die 179. Bewerbung wird laut vorgedrucktem Bescheid «geprüft»; man bittet um Geduld. V. hat ein unkorrigierbares Handicap bei der Stellensuche: Er ist zu alt. Auf dem heutigen Arbeitsmarkt gehören Leute in den sogenannt besten Jahren von Anfang an zu den Verlierern.

Die Lebensläufe von Langzeitarbeitslosen sind Schulbeispiele für den Spruch vom Unglück, das selten allein kommt. Wer nicht bereits vor der Entlassung mit gesundheitlichen Beschwerden auf das drohende Unheil reagiert hat, wird ziemlich sicher nachher krank. Kurz nachdem V. arbeitslos geworden war, ging seine langjährige Ehe in Brüche. Und in der früheren Heimat Jugoslawien tobte ein Bürgerkrieg.

Dennoch will V. es nochmals wissen. Nachdem er in einem Beschäftigungsprogramm ausgediente Velos für den Einsatz in armen Ländern aufgemöbelt hat, versucht er es heute wie andere Schicksalsgenossen mit einem selbständigen Erwerb. Noch nie wurden so viele Einzelfirmen gegründet wie im letzten Jahr. Fachleute befürchten allerdings, dass der zuweilen geradezu euphorisch eingeschlagene Ausweg in die Selbständigkeit für manche in einem weiteren Fiasko enden könnte. V. macht sich denn auch keine Illusionen, dass er mit seiner kunsthandwerklichen Tätigkeit, die ihm früher Ausgleich zum Beruf war, langfristig über die Runden kommt. Vorläufig zehrt er noch von seiner Pensionskasse. Andere leben vom Ersparten oder werden von Verwandten unterstützt.

Die materielle Bedrängnis ist das eine. Als noch schlimmer wird aber die gesellschaftliche Ausgrenzung empfunden. In der Arbeitslosenzentrifuge werden die aus Arbeitswelt und Versicherung Ausgesteuerten rundum an den Rand geschleudert. Als V. sich einmal mit einer Frau traf und ihr sagte, er sei erwerbslos, stand sie auf und ging. Mit der steigenden Arbeitslosigkeit gehört zwar die Floskel «es könnte ja auch mich treffen» fast schon zum guten Ton. Noch kennt aber nicht jeder einen Arbeitslosen im Bekanntenkreis, und taucht einer auf, wird aus Scheu der Kontakt gemieden. Dass der gleiche Rückzugsmechanismus auch bei den Betroffenen spielt, macht den Teufelskreis perfekt. Arbeitslosigkeit wird, wenn immer möglich, vertuscht. Der gut gekleidete Mann, der wie zu Erwerbszeiten morgens pünktlich zum Bus geht, ist kein Einzelfall.

Auch der Kirchgemeindepräsident einer Solothurner Gemeinde, der ausserhalb der ordentlichen Schalteröffnungszeiten stempeln wollte, ist mit seinem Problem nicht allein. Arbeitslose möchten möglichst nichts mit anderen Hinausgespülten zu tun haben. In den Arbeitslosentreffs sammeln sich denn auch vorab jene Randexistenzen, die jede Hoffnung auf einen Platz unter den Erwerbstätigen aufgegeben haben. Wer aber den eigenen Fall lediglich als Betriebsunfall sieht und möglichst rasch wieder «dazugehören» will, schottet sich mit der täglichen Lektüre von Stelleninseraten ab und verliert dabei zuweilen den Boden unter den Füssen. Es wird von geradezu verzweifelten Bewerbungen berichtet, in denen sich Stellenlose als jene dynamischen Idealtypen anpreisen, nach denen allerorts gefahndet wird - was wiederum die Akzeptanz für Arbeitslose in den Personalabteilungen kaum vergrössert.

Dieser mangelnde Realitätsbezug steht in seltsamem Widerspruch zum Einbruch des Selbstwertgefühls, der an längere Arbeitslosigkeit gekoppelt scheint. Mit der Tatsache, nicht mehr gebraucht zu werden, wird ein ehemaliger Journalist «in den besten Jahren» genausowenig fertig wie der 61jährige, der vierzig Jahre lang in der gleichen Firma als Ausläufer tätig war und nach seiner Entlassung nicht nur materiellen Trost bei einer kirchlichen Beratungsstelle sucht.

Urs Strub ist Leiter der in einer ausgedienten Fabrik untergebrachten regionalen Arbeitsvermittlung in Olten. Er stellt immer wieder fest, dass sich die Handschrift der Betroffenen bereits nach wenigen Monaten Arbeitslosigkeit verändert, gleichsam auflöst. Dabei sind die Ansprüche keineswegs vermessen. Die meisten möchten einfach eine «normale» Arbeit, sie suchen, wie Strub bemerkt, weder nach ständig neuen Herausforderungen, noch haben sie Lust, zwölf Stunden zum Preis von neun zu arbeiten. Im Verhältnis zur aktiven Bevölkerung sind Frauen, Ausländer und Personen mittleren Alters überdurchschnittlich von Aussteuerungen betroffen, wobei das Altershandicap auf dem Arbeitsmarkt bereits für unter Vierzigjährige gilt. Zu diesen faktisch mit der Geburt eingehandelten Nachteilen kommen bei den genannten Risikogruppen die ungenügende oder fehlende Berufsausbildung sowie Sprachprobleme als weitere Erschwernisse hinzu.

All diese Leute wurden noch vor wenigen Jahren gebraucht - und zwar Schweizer wie Ausländer. Heute alimentieren sie die Rubrik der Schwervermittelbaren und werden an Hilfswerke und Sozialämter abgeschoben, die ihre Rolle eigentlich nicht im Ausbügeln wirtschaftlichen Versagens sehen. Ruedi Heutschi, Leiter der Inlandstelle Solothurn des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) und Sozialvorstand der Stadt Olten, berichtet von einem Spanier, der während über achtzehn Jahren in der Schweiz als Bauhandlanger tätig war - bei gerade zwei Arbeitgebern und zu deren Zufriedenheit. Nun wurde ihm gekündigt mit der Begründung, er könne nicht Deutsch. Was durchaus stimmt, nur hatte noch nie jemand solches verlangt.

Der Kanton Solothurn müsste nach dem massiven Abbau von unqualifizierten Arbeitsplätzen in der Industrie - Von Roll, Biber, Sulzer - eine Grosszahl von Ausgesteuerten aufweisen. Dass er aber trotz einer der höchsten Arbeitslosenquoten der Deutschschweiz im Ausgesteuertenbereich unter dem Durchschnitt liegt, spricht für die Wirksamkeit der Massnahmen, die mit dem revidierten Arbeitslosenversicherungsgesetz nun landesweit verstärkt werden: Regionale Arbeitsvermittlungszentren, wie sie die Kantone bis Anfang 1998 einrichten müssen, betreibt Solothurn schon seit zwei Jahren, und auch das Soll an Plätzen in Beschäftigungsprogrammen, die der Kanton zu den gesamtschweizerischen 25 000 Programmplätzen beizusteuern hat, ist bereits überboten.

Entlassene mit gezielter Vermittlung und Schulung gar nicht erst zu Langzeitarbeitslosen werden zu lassen, sondern sie frühzeitig wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern - diese versicherungstechnische Neuorientierung ist zweifellos sinnvoll. Trotzdem sehen Praktiker eine Verschlechterung der Situation der Ausgesteuerten voraus: Nach einer zweijährigen Rahmenfrist erlischt nämlich der Anspruch auf Taggelder definitiv und kann nicht wie bisher durch die Teilnahme an Beschäftigungsprogrammen erneuert werden. Schlimmer noch, bereits Ausgesteuerte können ab diesem Jahr gar nicht mehr in die vom Bund finanzierten Programme aufgenommen werden, sondern gelten fortan ausschliesslich als Fall für Kantone und Gemeinden, als Sozialfall also.

In der früheren Eisenbahnergemeinde Trimbach bei Olten ist der wirtschaftliche Niedergang an den Budgetzahlen abzulesen. Während die Steuereinnahmen sinken, haben sich die Fürsorgekosten in den letzten Jahren vervielfacht und sind im laufenden Jahr erneut um einen Fünftel höher veranschlagt. Es gibt zwar Neuzuzüger, doch sind es keine steuerkräftigen Bürger, sondern Arme, die ihrer Bedürftigkeit wegen vom Land in die anonymere städtische Umgebung ziehen. Zu den Armen gehören auch jene Familien, die bisher mit zwei kleinen Einkommen knapp über die Runde kamen, mit dem Verlust des Arbeitsplatzes der Frau nun aber auf die Fürsorge angewiesen sind. Ernst Gomm hat als Gemeindeammann resigniert. Für ihn bahnt sich mit dem anhaltenden Abbau unqualifizierter Arbeitsplätze eine Katastrophe an.

Vorläufig herrscht aber noch eher Gründer- denn Katerstimmung. In den nächsten Wochen werden an verschiedenen Orten Firmen der besonderen Art entstehen, die unter dem Motto «Lohn statt Sozialhilfe» gezielt Arbeitsplätze für Ausgesteuerte anbieten. Auf den 1. Januar 1997 hat beispielsweise die Oltech GmbH in Olten ihren Betrieb aufgenommen, die in den Bereichen Metall- und Holzverarbeitung, Schlosserei, Recycling, Reparaturen und Montage tätig ist. In Dietikon im Kanton Zürich werden zurzeit Leute für ein neu geschaffenes Brockenhaus angestellt, im März geht in Luzern ein Schuhladen mit billigen Liquidationsposten auf. Gemeinsam ist diesen zumeist von der Caritas angeschobenen Projekten, dass der Lohn der Angestellten grundsätzlich von der Fürsorge bezahlt wird.

Sinn der Firmengründungen ist es nicht nur, den Ausgesteuerten statt blosser Beschäftigung «richtige» Arbeit zu bieten und sie damit wieder auf einen strukturierten Arbeitsalltag zu trimmen. Handfester Hintergedanke ist auch, sie erneut versicherungstauglich zu machen, krasser gesagt, sie in die Arbeitslosenkasse zu rezyklieren und damit wiederum die Fürsorge zu entlasten. Gemäss dem revidierten Gesetz können nach Ablauf der zweijährigen Rahmenfrist erst wieder Stempelgelder bezogen werden, wenn ein ganzes Jahr Erwerbsarbeit nachgewiesen wird. Dass die Leute zum Jahresende, falls sie nicht anderswo Arbeit gefunden haben, somit auch von diesen «Sozialfirmen» gezielt wieder in die Arbeitslosenversicherung entlassen werden, mag zynisch anmuten. Für den Oltech-Werkstattleiter Viktor Bürgi geht es jedoch darum, auch anderen Ausgesteuerten eine weitere Chance zu bieten.

Bildlich gesprochen soll verhindert werden, dass im ständig mit neuen Arbeitslosen gefüllten Fass immer die gleichen am Boden bleiben, kurz, das Unglück soll gerechter verteilt werden. Denn langfristig stabile Arbeitsplätze in grosser Zahl werden weder mit diesen Firmen noch mit den Beschäftigungsnischen geschaffen, wie sie im Rahmen eines sogenannten ergänzenden Arbeitsmarkts vor allem in grösseren Städten für Langzeitarbeitslose und die Empfänger von Sozialhilfe eingerichtet werden. Es geht dabei um gesellschaftlich nützliche Arbeitsplätze etwa in den Bereichen Recycling oder Reinigung, die zu heutigen Arbeitskosten nicht rentabel sind. Die Unternehmen werden deshalb mit besonderen Zuschüssen geködert: In Bern übernimmt die Fürsorge ab diesem Jahr 50 bis 80 Prozent des Lohns, wenn ein Ausgesteuerter für einen zusätzlichen Job eingestellt wird, und in Solothurn sollen dem Betrieb, der einen Ausgesteuerten ein Jahr lang beschäftigte, 20 000 Franken bezahlt werden.

Es sind dies erste Schritte zu einer staatlichen Subventionierung niedriger Erwerbseinkommen und zur Rettung von weniger produktiven Arbeitsplätzen für weniger produktive Menschen. Noch wird von Kantonen und Gemeinden darauf geachtet, dass es sich bei den subventionierten Tätigkeiten um bisher nicht geleistete Arbeit handelt und nicht einfach bestehende Stellen mit billigeren Arbeitslosen besetzt werden. Gewisse Arbeitgeber schlagen allerdings gerade diesen Weg zur Kostensenkung systematisch ein. Eine Firma entliess beispielsweise mehrere Frauen, weil ihnen zur Ausführung neuer Aufträge die Kenntnisse im Löten fehlten. Die Arbeitsvermittlung organisierte auf Versicherungskosten einen Lötkurs, und die Frauen wurden zu tieferem Lohn wieder angestellt. Kurz und schlecht: Die Wirtschaft sondert aus, wen sie nicht mehr brauchen kann; über die Versicherung werden bestehende Ausbildungsdefizite repariert; die so Aufgemöbelten finden auf tieferem Lohnniveau wieder Arbeit - dafür fliegen andere hinaus. Arbeitslose sollen bereits zu Stundenlöhnen von zehn Franken vermittelt werden.

Gemäss einer Untersuchung bei Ausgesteuerten hat etwa die Hälfte nach über einem Jahr wieder Arbeit gefunden, jedoch zu Löhnen, die nicht einmal den Existenzbedarf decken. Neben diesen Absteigern gibt es allerdings auch Aufsteiger. Im Management der Arbeitslosigkeit sind es beispielsweise die Sozialarbeiter, die zu Personalvermittlern mutieren. Damit geht auch eine markante Veränderung der Optik einher, die ein Mitarbeiter einer Arbeitslosenberatungsstelle so umschreibt: Während in den siebziger Jahren neue Bedürfnisse geweckt wurden, müssten heute die Klienten angeleitet werden, sich mit ihren begrenzten Möglichkeiten zurechtzufinden. Mindestens in Sachen Lebenserfahrung könnten sich aber auch manche Arbeitslose zu den Aufsteigern zählen. Nicht umsonst meinte ein renommierter Headhunter: «Wer nie entlassen wurde, ist kein guter Chef.» Die einschlägige Kompetenz wäre reichlich vorhanden - doch so viele Vorgesetzte braucht wohl nicht einmal die Schweiz.

Monika Rosenberg, Bern, ist Mitarbeiterin der NZZ.


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