NZZ Folio 09/92 - Thema: Der Krieg auf dem Balkan   Inhaltsverzeichnis

Titos Traum

Einheitsstreben contra Nationalitätenkonflikt.

Von Christian Kind

Der erste jugoslawische Staat, der nach dem Ersten Weltkrieg entstanden war, war an seiner inneren Uneinigkeit und eingebauten Konstruktionsfehlern gescheitert. Nach ihrem Überfall zerschlugen ihn die Deutschen 1941 und teilten ihn unter den Nachbarn auf. Italien, Ungarn, Bulgarien und das italienisch beherrschte Albanien rissen Teile an sich; Bosnien wurde Kroatien zugeschlagen, und Kroatien wurde unabhängig, jedoch nie aus dem italienischen und deutschen Besetzungsregime entlassen. In Serbien setzten die Deutschen eine deutschfreundliche Regierung unter General Nedic ein, unter dessen Regime auch die Judenverfolgungen einsetzten.

Aus dem jahrelangen Exil in Italien 1941 zurückgekehrt, suchte der kroatische Nationalistenführer Ante Pavelic mit seinen Spiessgesellen, unterstützt von der katholischen Kirche, einen Staat nach faschistischem Muster aufzubauen. Widerstand wurde mit grausamsten Mitteln beseitigt, doch dabei liess man es nicht bewenden: Kroatiens Serben, die schon vor Jahrhunderten von den Habsburgern ins Land geholt und als Wehrbauern gegen die Türken privilegiert worden waren, sollten zugunsten eines ethnisch reinen Staates verschwinden. Dies nach der brutalen Formel: ein Drittel umbringen, ein Drittel vertreiben, ein Drittel durch Zwangsbekehrung zu Katholiken und dadurch zu Kroaten machen. Der wahnwitzige Vorsatz von damals hinterliess tiefe Spuren im Bewusstsein der Serben.

Ante Pavelic hatte mit der Ustascha (Aufstand) eine faschistische Bewegung nach italienischem Vorbild geschaffen. Ihre Kommandos gingen nun systematisch ans Werk. Serbische Dörfer wurden eingekreist, ihre Bewohner teils umgebracht, teils vertrieben, die Häuser verbrannt. Tief ins Gedächtnis prägten sich Untaten wie jene von Petrinja, wo man Frauen und Kinder in die orthodoxe Kirche pferchte und in den Flammen des in Brand gesteckten Gebäudes umkommen liess. Nach deutschem Vorbild wurden Konzentrationslager errichtet, unter ihnen Jasenovac, das bekannteste, wo Zehntausende umkamen, ausser Serben auch Juden und Angehörige anderer Minderheiten. Die Zahl der Opfer der kroatischen Tötungsmaschinerie ist umstritten. Serbische Angaben reichen von 700 000 an aufwärts, der heutige Präsident Kroatiens, Franjo Tudjman, hingegen hat als dissidenter Historiker zur Ehrenrettung für sein Volk weit niedrigere Zahlen von unter 100 000 errechnet. Heutige Geschichtsexperten nehmen an, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt.

Widerstand gegen die Deutschen und ihre italienischen und kroatischen Helfer begann in Serbien, verlagerte sich aber später unter dem Druck der Besetzungsarmeen in das Bergland Bosniens und der Herzegowina. Zwei Aufstandsbewegungen kämpften nebeneinander und gegeneinander: die Tschetniks, serbisch-nationalistische Freischärler unter dem Kommando des königstreuen Generals Draza Mihailovic, sowie die kommunistischen Partisanen des ehemaligen Mechanikers Josip Broz aus dem kroatischen Kumrovec, der sich den Kriegsnamen Tito zugelegt hatte. Über die Jahre erwies sich die Partisanenarmee Titos als stärker. In verlustreichen Kämpfen vermochten sich die Kommunisten gegen den übermächtigen Druck von Deutschen, Italienern und Tschetniks zu behaupten. Immer wieder gelang es ihnen, in entbehrungsreichen Gewaltmärschen der drohenden Einkreisung und Vernichtung zu entgehen.

Der militärische Erfolg der Kommunisten bewog die Alliierten, ihre ursprünglich den Einheiten Mihailovics gewährte Unterstützung einzustellen und Verbindung mit Tito aufzunehmen. Dieser bemühte sich seinerseits, seine Anhängerschaft als nationale Befreiungsbewegung du deklarieren. Gegen den Willen der Sowjets und der westlichen Alliierten, die nach wie vor die Exilregierung des vor dem deutschen Überfall nach England geflohenen Königs anerkannten, legte Tito 1943 im bosnischen Jajce den Grundstein zu einem neuen, auf föderativer Grundlage zu errichtenden Jugoslawien und bildete eine provisorische Regierung.

Den sowjetischen Mentoren gegenüber zeigte Tito grosse Selbstsicherheit. Seine Partisanen hatten sich ohne Hilfe von aussen gegen die Übermacht durchgesetzt, und so war er nicht bereit, Weisungen aus Moskau entgegenzunehmen. Doch für die Gestaltung des neuen Staatswesens griff er auf das Vorbild Lenins und Stalins zurück. Jugoslawien sollte nach dem sowjetischen Beispiel eine sozialistische Föderativrepublik mit weitgehender kultureller Autonomie für die Minderheiten werden. Den Teilstaaten sollte formal Selbständigkeit gewährt, das Ganze jedoch von der Klammer der Partei zusammengehalten werden.

Erstes Ziel waren zunächst die blutige Abrechnung mit dem Faschismus und die Errichtung der Herrschaft des Proletariats. Wer zur besitzenden Klasse gehörte oder der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt wurde, konnte ohne weiteres umgebracht werden. Die Grausamkeit der Rache an den Besiegten stand jener der deutschen Besetzer und der kroatischen Ustascha in nichts nach. Zu Zehntausenden wurden am Ende des Kriegs kroatische und slowenische Heimwehrsoldaten ermordet, die auf der Seite der Besetzungsmacht gekämpft und dann vergeblich versucht hatten, über die Grenze nach Österreich zu entkommen. Die britischen Streitkräfte, die Kärnten besetzt hatten, schickten sie auf Grund von Abmachungen mit Titos Regierung zurück in den Tod.

Nach dem Krieg wurden nichtkommunistische Parteien nur eine kurze Zeit lang toleriert. Sie erhielten im Rahmen einer «Volksfront» ein eingeschränktes und überwachtes Betätigungsfeld. Schneller als in den übrigen Volksdemokratien Osteuropas, wo die Kommunisten im Kielwasser der Roten Armee und nicht aus eigener Kraft an die Macht gelangt waren, etablierte sich in Jugoslawien die kommunistische Parteiherrschaft, begleitet von der sogenannten sozialistischen Umgestaltung der Wirtschaft. Zuerst wurde das Vermögen der schon seit Jahrhunderten in Jugoslawien lebenden Deutschen - sie wurden allesamt vertrieben - und der «Kollaborateure» verstaatlicht, kurz darauf auch der verbleibende Rest. Auf dem enteigneten Boden der deutschstämmigen Bauern entstanden Kollektivbetriebe, doch im übrigen blieb die Bauernschaft, abgesehen von Eigentumsbeschränkungen, verschont, wahrscheinlich weil die Bauern das Gros der Partisanenarmee gestellt und die Hauptlast des Krieges getragen hatten.

Tito ging zwar mit stalinistischen Methoden vor, doch er hielt sich nicht an die Instruktionen Moskaus. Deswegen stiess er in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in Moskau auf immer grösseres Misstrauen. Stalin wollte kein zweites Entscheidungszentrum innerhalb des Weltkommunismus dulden und versuchte mit allen Mitteln, durch wirtschaftlichen Druck und Unterwanderung mit Beratern und Agenten die jugoslawische Politik gleichzuschalten. Aber Tito gab nicht nach, und als es 1948 zum Bruch und zum Ausschluss Jugoslawiens aus der kommunistischen Weltorganisation, der Kominform, kam, scheute er sich nicht, auf westliche Hilfe in Gestalt von Krediten und später Waffenlieferungen zurückzugreifen. Das war für Moskau Verrat. Es folgte eine Periode schärfster Beschimpfungen und Drohungen. Eine gewisse Entspannung trat erst nach dem Tod Stalins 1953 ein. Doch der Konflikt und die potentielle Bedrohung durch die Sowjetarmee blieben ein bestimmender Faktor der ganzen Lebens- und Regierungszeit Titos und sorgten dafür, dass Jugoslawien ständig eine der stärksten Armeen Europas unter Waffen hielt.

Die jugoslawischen Kommunisten sahen sich gezwungen, ihre Selbstbehauptung gegenüber Stalin auch ideologisch zu untermauern. Sie kritisierten den von den Sowjets praktizierten Kommunismus als bürokratische Zwangsherrschaft einer Grossmacht mit imperialen Zielen. Als bessere Marxisten wollten sie auf das Absterben des Staates hinarbeiten, Demokratie verwirklichen und an die Stelle einer von oben gelenkten Staatswirtschaft eine von den Arbeitern selbst verwaltete Industrie setzen. Der junge montenegrinische Partisanenheld Milovan Djilas trieb diese Kritik am weitesten - bis zu einem Punkt, an dem Tito einsah, dass eine Fortsetzung dieses Kurses schliesslich den Bestand der eigenen Parteiherrschaft gefährden würde. Mittlerweile war Stalin gestorben, und aus Moskau kamen Zeichen der Versöhnungsbereitschaft. Djilas wurde aus dem Zentralkomitee ausgestossen und, als er mit der Verbreitung seiner Überzeugungen nicht aufhörte, für drei Jahre ins Gefängnis gesteckt. Dort schrieb er seine berühmte Anklageschrift gegen die «Neue Klasse», die 1957 in den USA erschien und ihrem Autor die Verurteilung zu weiteren sieben Jahren Gefängnis eintrug.

Mit einem Besuch des sowjetischen Generalsekretärs Chruschtschew wurden 1955 die Beziehungen zwischen Moskaus und Belgrads Kommunisten wiederhergestellt. Beide Seiten verpflichteten sich auf friedliche Koexistenz, wahrten aber ihre ideologischen Positionen. Das gegenseitige Verhältnis blieb schwankend, Jugoslawiens Standort war einmal näher beim Sowjetblock, dann wieder näher beim Westen. Aussenpolitisch suchte es Unterstützung in der Dritten Welt. Zusammen mit dem indischen Premierminister Nehru, dem ägyptischen Präsidenten Nasser und seinem indonesischen Amtskollegen Sukarno trat Tito an der ersten Gipfelkonferenz der Blockfreien 1961 als einer der Begründer dieser Bewegung auf. Sie versuchte neue Massstäbe friedlichen Zusammenlebens verschieden gearteter Staatswesen zu setzen.

Tito herrschte über Jugoslawien wie ein Monarch. Von seinen über das Land verteilten Residenzen, am liebsten von der Insel Brioni aus, steuerte er die Regierungstätigkeit auf Distanz. Er liess den Dingen lange ihren Lauf, beobachtete die Rivalitäten unter den ehemaligen Partisanengenerälen und griff jeweils entschieden ein, wenn er Gegensteuer für notwendig hielt. An inneren Spannungen fehlte es nicht. Die nationale Frage galt offiziell als gelöst, und die Geheimpolizei sorgte dafür, dass kein Bürger es wagen konnte, nationalistische Argumente in der Öffentlichkeit vorzubringen. Über das Blut, das zwischen den jugoslawischen Nationen im Zweiten Weltkrieg geflossen war, durfte bei strenger Strafe nicht gesprochen werden.

Anders war es auf der Führungsebene. Dort gab es permanente Auseinandersetzungen um die Rechte der einzelnen Republiken, vor allem um die hohen Abgaben, die die stärker industrialisierten Republiken Slowenien und Kroatien an die weniger entwickelten Republiken im Süden, an Mazedonien, Montenegro und das serbische Kosovo, zu leisten hatten. Unter der Oberfläche aber schwelten nationalistische Emotionen, Hass und Neid weiter, und gerade weil nicht darüber diskutiert werden durfte, bleiben die Erinnerungen an das Böse, das seinerzeit geschehen war, allgegenwärtig.

Das verletzte Nationalgefühl der Kroaten, die wegen ihrer Ustascha-Vergangenheit unter besonders strenger Kontrolle standen, durfte sich während einer kurzen Zeit, am Übergang zu den siebziger Jahren, Luft machen. Tito liess es zu, dass eine fortschrittliche Parteiführung in Zagreb lebhafte Diskussionen über eine Reform des Systems erlaubte und kroatisches Kulturbewusstsein förderte. Bis sie ihm zu weit gingen. Nun schlug er zu, liess die Verantwortlichen ab- und linientreue Kommunisten an ihre Stelle setzen. Auf den «kroatischen Frühling» folgte ein Winter des Missbehagens unter strenger, meist von Serben ausgeübter Aufsicht.

Nach dem Tod des Staatschefs 1980 erlebte auch Serbien unter der von Tito für seine Nachfolge eingerichteten kollektiven Führung eine Phase der Liberalisierung. Genutzt wurde sie aber nicht, um mehr Demokratie zu fordern, sondern um serbischen Gefühlen der Zurücksetzung gegenüber den andern Republiken Ausdruck zu geben. In der Tat hatte Tito das historisch von Serbien beanspruchte Mazedonien zu einer selbständigen Republik gemacht und den Gebieten Kosovo und Vojvodina um der dort lebenden albanischen, ungarischen und andern Minderheiten willen Autonomie verliehen. Sie blieben im serbischen Staatsverband, erhielten aber eine eigene Vertretung im jugoslawischen Staatspräsidium. Durch diese Verkleinerung wurde Serbien, das sich schon vor dem Ersten Weltkrieg als die staatsbildende Macht im Westen des Balkans gefühlt hatte, in den Status einer Republik neben andern versetzt.

In einem zunächst geheim zirkulierenden, dann aber öffentlich verbreiteten Memorandum machten sich Mitte der achtziger Jahre Schriftsteller und Professoren der traditionsreichen Serbischen Akademie zu Anwälten einer Politik, mit der sie die alte Grösse Serbiens wiederherstellen wollten. Durch Vereinigung aller inner- und ausserhalb der Republik lebenden Serben in einem Staat sollte das Ziel erreicht werden. Damit war der Boden für den Auftritt des neuen kommunistischen Parteichefs Slobodan Milosevic im Jahr 1987 bereitet. Dieser, ein aus der Selbstverwaltungswirtschaft hervorgegangener Manager, passte sich sogleich der herrschenden Stimmung an. Er ergriff begierig die Chance, dem Bund der Kommunisten Serbiens, der im Zeichen von Gorbatschew und der Perestroika zum Niedergang verurteilt schien, mit einer kräftigen Injektion nationalistischer Parolen wieder auf die Beine zu helfen. Das serbische Volk folgte ihm geschlossen. Den wachsenden Abspaltungstendenzen in den westlichen Republiken trat, als Titos Jugoslawien am Ende war, ein erneuerter Machtanspruch Serbiens aggressiv entgegen.

Christian Kind war bis zu seiner Pensionierung Ende Juli Leiter des NZZ-Auslandressorts.


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