NZZ Folio 02/02 - Thema: Total Digital   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Frau Lothar, wann sind Sie Sie selbst?

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Susanne Lothar Linktext
Von Ursula von Arx
SUSANNE LOTHAR, 1960 in Hamburg geboren, ist Schauspielerin, und zwar eine der meistgelobten. Sie hat praktisch alle Preise, die man als Schauspielerin in Deutschland bekommen kann, bekommen. Mit der Titelrolle in Peter Zadeks Inszenierung von Frank Wedekinds «Lulu» wurde sie berühmt, sie hat unter anderem mit Luc Bondy, Jürgen Flimm, Thomas Langhoff gearbeitet, im Film mit Michael Haneke, Markus Imhoof, Constantin Costa-Gavras. «Erfolg macht hart», sagt Susanne Lothar.


Susanne Lothar, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.

Als kleines Mädchen wollte ich vieles werden. Meeresbiologin, Tierärztin, Lehrerin, Journalistin, Bäuerin. An Schauspielerin habe ich nicht gedacht.

Ihre Eltern sind beide Schauspieler.

Aber sie haben mich nicht in diese Richtung gedrängt. Der Schauspielwunsch erwachte bei mir spät, so mit 17. Wir hatten einen guten Deutschunterricht, wir lasen Theaterstücke, manchmal wurde eines in Hamburg gespielt, dann ging ich hin. So fing es an. Ich liess mich dann an einer der staatlichen Schauspielschulen prüfen, und die prüften mich besonders hart, sie liessen mich vor allem improvisieren. Sie wollten wohl wissen, ob mein Talent ein mit Mutterns Hilfe einstudiertes oder mein eigenes war.

Sie überzeugten die Prüfer von sich.

Sie waren begeistert.

Was denken Sie, warum ist Schauspielerin der Traumberuf aller Mädchen?

Nicht aller. Die jungen Mädchen von heute wollen Model werden.

Model, aber auch Schauspielerin.

Berufe mit Glanz halt. Man sieht den Ruhm, nicht aber die Disziplin und die Arbeit dahinter.

Simone de Beauvoir meinte, Schauspielerin sei deshalb der ideale Frauenberuf, weil die Frau darin das leben könne, wozu sie erzogen werde, nämlich anderen zu gefallen.

Ich glaube nicht, dass das so stimmt. Denn es gibt nicht nur sympathische Rollen. Manchmal sind die interessanten Rollen ambivalente. Man weiss selber nicht, ob man die Figur, die man spielt, mag oder nicht. Eine gute Schauspielerin braucht Mut zur Hässlichkeit. Ich glaube nicht, dass ich in meiner Rolle in Michael Hanekes «Funny Games», wo meine Augen fast während des ganzen Films verheult und verquollen sind, einen Schönheitswettbewerb gewinnen könnte.

Ist es wichtig für Sie, schön zu sein?

Auf eine Art, ja. Ich will, dass die Leute mich gerne anschauen. Ich bin darauf angewiesen. Wobei «schön» im Film viel mit dem Licht zu tun hat, im Theater mit körperlicher Präsenz.

Sie sind sehr trainiert.

Der Körper ist ein Arbeitsinstrument für mich.

Spielt man eigentlich immer sich selber, wenn man eine Rolle spielt?

Nein, das wäre öde, für einen selber wie auch für das Publikum. Sagen wir es so: Man kann schlecht etwas zeigen, was man selber nicht irgendwie kennt. Aber in der Zusammenarbeit mit anderen kann daraus Neues entstehen. Man erfährt seine Grenzen, überschreitet sie. Dann ist man glücklich. Das ist Glück in meinem Beruf.

Sie spielen die Corinne in Luc Bondys «Auf dem Land», das auch im Schauspielhaus Zürich aufgeführt wird. Wie erarbeiteten Sie sich diese Figur?

Wir hatten nur kurze Probenzeit, so habe ich den Text vorher auswendig gelernt. Das ging spröde, denn es ist ein komplizierter Text, und wenn man dafür noch keinen Raum hat und kein Körpergedächtnis, sitzt man lange daran. Ja, und danach habe ich die Figur mit Luc Bondy zusammen erfunden. Luc interessiert sich genau für das, was mir am meisten Spass macht, nämlich eine Figur verändern, ständig neu erfinden. Mit ihm ist es ein schönes, aufregendes Arbeiten.

Jean-Luc Godard stellte sich den perfekten Schauspieler als einen Roboter vor. Schauspieler müssten in erster Linie gute Soldaten sein, meinte er.

Es mag ja sein, dass manche Regisseure sich wie Diktatoren aufführen. Und es mag auch Schauspieler geben, die damit kein Problem haben. Ich für mich glaube an gegenseitigen Respekt. Mit Luc Bondy zum Beispiel fühlte ich mich sehr frei. Ich traute mich, Dinge zu tun, für die ich mich nachher fast entschuldigte. Er aber sagte, nein, nein, wir müssen alles ausprobieren.

Bondy ist ein sanfter Regisseur?

Er kann schon auch bestimmt sein. In «Drei Mal Leben» etwa, einem Stück von Yasmina Reza, das wir in Wien spielten, gab es eine Szene, wo ich still sitzen sollte und wo ich dachte, nein, das kann und will ich nicht. Aber Bondy sagte: Doch. Du bleibst da sitzen und bist verletzend, stolz, verzweifelt, ruhig und schön. Es ging.

Sie arbeiteten mit vielen Regisseuren.

Ja, aber nur mit Bondy und Zadek ist wirklich etwas passiert. Und auch Michael Haneke hat mich über meine Grenzen gepeitscht. Dafür bin ich ihm dankbar. Mein Beruf ist ganz stark ein Beruf der Begegnung, der Sympathie, des Vertrauens.

Kennen Sie Neid?

Wenn jemand etwas Gutes macht, freue ich mich. Doch ich habe keine wirklich ernsthafte Konkurrenz. Ich glaube, das darf ich so sagen.

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