NZZ Folio 08/94 - Thema: Bier   Inhaltsverzeichnis

Bierideen und Bierweisheiten

Von A. Heller, C. Seidl, K. Werker

Alkohol und Würze. Beides bestimmt den Charakter eines Bieres, doch das gleiche ist es, obwohl oft verwechselt, nicht. Da heisst es zum Beispiel, ein Bier habe zwölf Prozent - was nun: Alkoholgehalt oder Stammwürze? Der Biertrinker tut gut daran, das im voraus zu klären.

Bezieht sich die Prozentzahl auf die Stammwürze, so ist damit der Stärkeanteil vor der Vergärung gemeint. Die 12 Prozent bedeuten somit, dass in 1000 Gramm Bierwürze (das ist etwa ein Liter) vor dem Gären 120 Gramm «Extrakt» enthalten waren: Malzzucker, Eiweiss, Mineralien, Vitamine, Aromastoffe - und noch ein paar weitere Kleinigkeiten, die in Hopfen und Malz vorhanden sind. Ein Teil dieses Extrakts besteht also aus Zucker, wovon nur ein Teil vergoren wird. Zwangsläufig liegt der Alkoholgehalt eines Bieres somit weit unter dem Gehalt der Stammwürze; man geht in der Regel davon aus, dass nach der Gärung der Alkoholgehalt des Bieres ein Viertel bis ein Drittel des Stammwürzegehaltes vor der Gärung beträgt. Das heisst: Ein Bier mit 12 Prozent Stammwürze hat 3,5 bis 3,9 Prozent Alkohol.

Doch Vorsicht: Einige Länder haben besondere Systeme, vor allem auch aus steuertechnischen Gründen. In Belgien zum Beispiel verführt das Gradsystem auf den ersten Blick zur leicht optimistischen Einschätzung der Stärke, und die Briten fahren natürlich ebenfalls ein Sonderzüglein.

Das stärkste Bier. Es kommt aus der Brauerei Hürlimann, heisst Samichlaus und ist mit seinen 14 Alkoholprozenten so schwer wie kräftiger Rotwein. Serviert wird das nur am 6. Dezember hergestellte Gebräu in winzigen, likörglasgrossen Bierkrügen; es schmeckt weinig und süss, eigenartig. Aber vielleicht ist es ja gar nicht zum Trinken gemacht, sondern allein eine Bieridee, die den Eintrag ins Rekordbuch mit dem Namen Guinness bringt.

Doktor Bier. So heisst das Gebräu aus Karlsbad, dessen Wasser aus alkalisch-salinischen Quellen stammt und schwefelsaures Natron enthält - genau das, was der Brauer sonst nicht im Bier haben will, der Kurarzt aber um so lieber.

Aber auch gewöhnliches Bier wird oft genug von Medizinern gelobt. «Bier ist eine unentbehrliche Substanz zur Aufrechterhaltung des Phänomens eines gesunden Organismus und zur kontinuierlichen Wiederherstellung der Teile eines kranken Organismus», schrieb bereits vor 150 Jahren der Physiologe Claude Bernard. Heute weiss man: Bier ist dank der Hefe reich an Vitaminen, die einen positiven Einfluss auf die Nerventätigkeit, die Bildung der roten Blutkörperchen, den Kreislauf und den Stoffwechsel haben. Bier ist gut gegen Nierensteine und für die Blutbildung, enthält es doch ausserdem Eisen und Kupfer, dazu Zink und Natrium, Kalium und Kalzium, Magnesium und sogar Fluor, das bekanntlich den Zähnen gut tut. Also dann und mit gutem Gewissen: Santé!

Bier macht schön. Schon Plinius schrieb: «Die ägyptischen Frauen benutzen den Schaum des Bieres, um die Frische ihres Teints zu verbessern.» Und Johann Casimir August Christian Saugfuss, Hofapotheker des Herzogs Wilhelm von Bayern, verfasste 1541 ein «Tractat vom Bier», darin er den Frauen riet, Gesicht und Busen mit Bierschaum einzureiben. Das straffe die Haut und mache die Brust fester. In jüngerer Zeit scheint die Damenwelt allerdings die äussere Bieranwendung aufs Haupthaar zu beschränken und benutzt Bierschampoo, das sowohl als Weichspüler als auch als Festiger dienen kann.

Bier macht schlapp. Dass Hopfen beruhigt und den Stress löst, wussten wir, dass er die Männer zu Sexmuffeln mache, verkündete das Schweizer Blatt mit den grossen Buchstaben diesen Sommer: «Der Hopfen im Bier raubt dem Mann den sexuellen Appetit. Er wird lustlos.» Tatsächlich kommen in einem Liter Bier etwa 0,001 bis 0,036 mg vom Hopfen herrührende pflanzliche Hormone vor, die dem weiblichen Östrogen ähnlich sind. Genug Substanz, um muntere Männer müde zu machen? Genug Substanz für eine Sommergeschichte!

Pulverbier. Ob es dem hohen Renommee der Tschechischen Republik unter den Biertrinkern zuträglich ist, bleibe dahingestellt. Tatsache ist, dass eine Brauerei in der nordmährischen Stadt Freudenthal das erste Bier in Pulverform auf den Markt gebracht hat. Die neue Sorte wird nach Anleitung in Wasser aufgelöst, und nach zehn Tagen Reifezeit ist das kühle Blonde bereits fertig. «Es sieht aus wie Bier, es schmeckt wie Bier, und es hat sogar eine Blume», rühmen die Freudenthaler ihre Bieridee.

Flott gemixt. Manche traditionsbewussten Bierliebhaber waren ziemlich schockiert, als vor ein paar Jahren junge Leute begannen, ein äusserst geschmacksarmes mexikanisches Bier mit einer Limettenscheibe, die in den Flaschenhals gezwängt wurde, zu geniessen. Ein bisschen Nachforschung aber zeigt: Alles schon dagewesen, Bier ist schon früher für allerlei Mischungen herangezogen worden. Etwa für jenen teuflisch süffigen Cocktail, der unter der Bezeichnung «Billiger Jakob» vor etwa 20 Jahren modern und gefürchtet war: Helles Bier und trockener Sekt ergaben eine enorm angenehme und erfrischende Mischung - allerdings auf Grund der verschiedenen Gärungsnebenprodukte auch eine Garantie für Kopfschmerzen am nächsten Tag.

In England mixt man klüger, dort haben Biermischungen ja Tradition - das Porter ist der bekannteste Bierstil, der aus einer Mischung hervorgegangen ist: Aus Stale Ale, einem säuerlichen, über ein Jahr gereiften Ale, und einem sehr jungen Bier wurde das «Intire» zusammengemischt; das Zeichen «P» auf dem Fass stand für das lateinische «porta» (= fertig zum Expedit bei der Tür hinaus) und wurde später als «Porter» missinterpretiert.

Kenner wissen aber auch von Rezepten, Stout und Cider zusammenzukippen, oder Old Ale und Bitter (das Ergebnis heisst in diesem Fall putzigerweise Mother in Law, also Schwiegermutter). Auch von den deutschen Reinheitsgebot-Fanatikern ist bekannt, dass sie seit 1922 den sogenannten Radler kennen - eine 1:1-Mischung von Limonade und Bier, die der Wirt Xaver Kugler an einem schönen Sonntag erfand, als ihm die Münchner Radler die Biervorräte wegzusaufen drohten.

Der Weg in die Flasche. Noch bis zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war Flaschenbier beinahe unbekannt. Wer Bier trinken wollte, der musste sich in eine Gaststätte bemühen, wo das Bier unter den Augen des Wirtes reifte und ausgeschenkt wurde. Das war nicht viel anders als das Bier in den Pubs von England: kaum gekühlt und für unsere Begriffe zumindest recht seltsam im Geschmack. An Haltbarkeit war nicht zu denken, allenfalls konnte man sich in einer Kanne einen Schlummertrunk mit heimnehmen. Zwar hatten schon die ältesten Kulturvölker gebraut und das Bier in Tongefässen verschlossen - aber diese Krüge hatten mit der heutigen Bierflasche noch kaum etwas gemeinsam. Selbst die im 16. Jahrhundert auftauchenden ersten Glasgefässe für Bier waren noch eher verschliessbare Krüge als Flaschen im modernen Sinne: Glas war und blieb teuer, bis eine moderne Glasindustrie massenweise Flaschen herstellen konnte. Nur dunkles, nicht zu dünnwandiges Glas kann Bier «portionsweise» lichtgeschützt und kühl verpacken und damit für jede Gelegenheit bereithalten. Mit der Flasche wandelte sich aber nicht nur die Art des Biergenusses, sondern auch der Biergeschmack selbst. Hauptproblem der Bierflaschen war, dass sie dicht sein mussten, vor allem wenn das Bier in der Flasche noch nachreifen sollte oder wenn es von vorneherein mit hohem Kohlensäuregehalt abgefüllt wurde. Um diesem Druck standhalten zu können, mussten Bierflaschen ähnlich wie Champagnerflaschen mit Pfropfen oder Korken verschlossen und mit einem Bindfaden oder Drahtkorb gesichert werden. Brüsseler Brauer greifen dazu noch heute auf echte Champagnerflaschen und ihre traditionellen Korkverschlüsse zurück, im deutschen Sprachraum entwickelte man Gummipfropfen, die in ein Innengewinde im Flaschenhals geschraubt wurden, oder die Bügelverschlüsse mit Porzellanpfropfen und Gummidichtung.

Bügelverschlüsse werden noch heute von mancher traditionsbewussten Brauerei verwendet. Diese Flaschen waren die ersten Massenprodukte der modernen Verpackungsindustrie - und sie waren so praktisch, dass die Brauereien vielfach drohen mussten, ihre Zweckentfremdung gerichtlich verfolgen zu lassen. Tatsächlich waren die Bierflaschen mit dem Patentverschluss in den Haushalten bald für alle möglichen Zwecke in Verwendung - ob zur Aufbewahrung von Spiritus oder von Milch, die damals ja noch mit der Kanne nach Hause geholt wurde. Die «Tageszeitung für Brauerei» vermeldete immer wieder, welch tragische Folgen durch den Missbrauch von Bierflaschen entstehen konnten - mehrfach sind Leute gestorben, die irrtümlich einen grossen Schluck aus Bierflaschen tranken, in die sie vorher Benzin oder Putzmittel gefüllt hatten.

Bierstädte. Wie wichtig das Bier im deutschen Sprachraum ist, beweisen unter anderem die Familien- (Biermann, Bierwirth, Bierling) sowie die Orts- und Flurnamen. Halbwegs zwischen der Stadt Wolfsburg in Niedersachsen und der Stadt Salzwedel liegt Bierstedt. Im Dreieck von Hildesheim, Salzgitter und Peine ist Bierbergen. Auf dem Weg von Osnabrück nach Minden in Westfalen kommt man durch Bieren und dann nach Biersdorf. Bierfeld liegt im Saarland, und an der Grenze nahe Waldshut ist Bierbronnen gelegen; Württemberg hat ein Bierstetten, ein Bierlingen und ein Bieringen vorzuweisen, und in Bayern gibt es Bierwinkl, Biering und Bierdorf. Da kann die Schweiz, halb Bier-, halb Weinland, freilich nicht mithalten. Wir haben - und erst noch in der Westschweiz ? nur das Garnisonsstädtchen Bière. Dessen Name allerdings geht, wie die Sprachforscher versichern, nicht etwa auf grossen Soldatendurst zurück. Es soll vielmehr lateinischen oder gar arabischen Ursprungs sein.

Kein Bier. In den flotten Fuffzigern war's, in jener Zeit, als der Bikini, der Rock'n'roll, der Hula-Hoop, der Toast Hawaii und anderes mehr nach Europa schwappten - und das Wertesystem der Alten Welt erschütterten. Die Reaktion blieb nicht aus, auch nicht in der bodenständigen Unterhaltungsgilde des guten alten Schunkel-schlagers: Josua Röckelein (Pseudonym für Wolfgang Neukirchner) textete, der belgische Komponist Jean Rolle (Pseudonym für Jean Kluger) schrieb die Musik, und Paul Kuhn sang 1963 die liebenswürdigen Zeilen, mit denen er uns riet, doch besser daheim zu bleiben und heimisches Schaffen zu würdigen:

Es gibt kein Bier auf Hawaii,
es gibt kein Bier.
Drum fahr ich nicht nach Hawaii,
drum bleib ich hier.
Es ist so heiss auf Hawaii,
kein kühler Fleck,
und nur von Hula Hula
geht der Durst nicht weg.

Bierherz. So nennen Mediziner laut Lexikon die krankhafte Herzerweiterung, wie sie infolge ständiger Herzbelastung durch grosse Flüssigkeitsmengen (zum Beispiel Bier) entstehen kann.

Bierranzen. Seine Existenz zeigt, dass Bier, wenn halt das Mass nicht stimmt, nicht unbedingt gesund sein muss und nicht unbedingt immer schön macht. Und dass es durchaus Gründe gibt, nach Hawaii zu fahren - zur Kur.




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