NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Vätergeschichten

Waren die Schweizer Frauen keinen Mythos wert?

Von Annette Frei Berthoud

STRAHLEND, GLÄNZEND UND HART wie ein Diamant. An den Feiern zum fünfzigsten Jahrestag der Mobilmachung wurde 1989 ein Bild heraufbeschworen, das von der modernen Geschichtsschreibung demontiert worden ist. Aber die offizielle Schweiz tut sich schwer mit dem neuen Bild. Unbeirrt hält sie am Mythos einer Schweizer Armee fest, die heldenhaft den Feind vom Land fernhielt. Zur «Diamant»-Feier 1989 waren 450 000 Männer geladen. Die halbe Million Frauen, die in den Kriegsjahren die Wirtschaft des Landes aufrechterhalten hatten, wurden vergessen. Das war nur folgerichtig, denn die Leistungen der Schweizer Frauen im Krieg sind nie gewürdigt worden, so wie die Rolle von Frauen in Kriegen überhaupt stets ungewürdigt bleibt - es sei denn vielleicht als Aufmunterinnen der tapferen Soldaten, denn wie sonst wäre etwa das keusche Soldatenliebchen Gilberte de Courgenay zu seiner Legende gekommen?

Männer aus allen Schichten waren im Aktivdienst zu einer Zwangsgemeinschaft verbunden. An allen Biertischen, ob in der Bauernwirtschaft, in der Arbeiterbeiz oder an der Bar des Luxushotels, wurde dann, als alles vorüber war, am Männermythos gesponnen. Das kollektive Erleben wurde verbrämt und ausgeschmückt, die körperlichen Strapazen, die psychischen Leiden und das Gefühl, Wichtiges im Leben verpasst zu haben, wurden verdrängt. Man rechtfertigte die verlorenen Jahre, indem man sie vergoldete. Die Mühsal hatte sich gelohnt, hatte man doch die Heimat gerettet.

Der Mythos wurde auch von offizieller Seite gehegt und gepflegt. Nach dem Krieg gab der Staat, um seine Politik zu rechtfertigen, die verschiedensten «Berichte» über die Rolle der Schweiz während des Krieges in Auftrag. Lange Zeit wurden fast ausschliesslich hohe Militärkader damit betraut. Die Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg wurde so weitgehend zur Armeegeschichte aus der Sicht der Armee. Da hatten die Frauen keinen Platz. Wie sollten sie auch? Die Historiker, die an diesem Schweizbild bastelten, waren Männer. Die Armee war ein Männerbund. Der Mythos der Armee als Retterin der Schweiz bekräftigte die Vorrangstellung der Männer und ihrer Taten gegenüber den Frauen; nie war diese Vormachtstellung deutlicher als in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Die «Diamant»-Feiern von 1989 zelebrierten sie einmal mehr und entfachten damit zu Recht grosse Empörung bei den Frauen.

Erst seit den siebziger Jahren setzten sich jüngere Historikerinnen und Historiker kritisch mit dem Mythos Armee auseinander. Es war nicht zuletzt die Rebellion der Söhne und Töchter. Sie waren mit den stets von neuem aufgewärmten Vätergeschichten von kollektivem Heldentum durch individuelle Entbehrung gross geworden und kratzten nun am Lack der Geschichten, um zu sehen, was darunter war.

Kratzt man aber an einem Mythos, sind die Reaktionen emotional und irrational. Die offizielle Schweiz fühlte sich in ihren höchsten Werten verunglimpft, die ehemaligen Soldaten waren wütend und gekränkt. Plötzlich sahen sie in Frage gestellt, woran sie seit Jahrzehnten mit zunehmender Heftigkeit geglaubt hatten. «Als Einheit haben wir Mitrailleure und Füsiliere redlich zur Kampfkraft unserer Armee beigetragen, uns in harten Diensten als Kameraden bewährt und in Ehren aktiv unser Vaterland beschützt», fasst Hauptmann Paul Saxer noch 1983 im Veteranenbuch «Eine besondere Kompaniegeschichte» seine Kriegserelebnisse zusammen. Erst recht ist das Buch «Der Aktivdienst» von Andri Peer aus dem Jahr 1975 noch dieser Mentalität verhaftet. Die sechs Kriegsjahre seien von den Schweizern als eine «schwere, aber schöne Zeit» empfunden worden. Die Gefahr habe das Volk zusammengeschweisst, und alle, auch Frauen und Jugendliche, hätten sich durch die Notwendigkeit ihres Tuns «sonderbar erregt und erhöht» gefühlt. Eine einzige Seite von fünfundneunzig widmet das Buch der Rolle der Frauen. Die Überschrift dieser Seite? «Die Frau stellt ihren Mann» . . .

Die Frauen haben keine Kompaniegeschichten und veranstalten keine Veteraninnentreffen. Aber es gibt Historikerinnen wie die Lausannerin Monique Pavillon, die 1989 in ihrem Buch «Les immobilisées» die Leistungen der Frauen während des Zweiten Weltkriegs ins Licht rückt.

Zwischen 1939 und 1945 leisteten 450 000 Schweizer Männer durchschnittlich sechshundert Tage Dienst. Mehr als eine halbe Million Frauen waren derweil im «Hinterland» tätig. Der Verdienstausfall der Männer war nur ungenügend gedeckt, und viele der Frauen mussten notgedrungen den Ernährer ersetzen. Sie arbeiteten in den Büros, im öffentlichen Dienst und in grosser Zahl in den Fabriken. Sie schufteten auf dem Feld, schleppten zu mehreren schwere Graswagen, weil man nicht nur die Männer, sondern auch die Gäule eingezogen hatte. Weder vor dem Krieg noch danach hatten die Frauen dieselben Rechte und denselben Lohn wie die Männer. Genauso selbstverständlich, wie sie in der Kriegszeit wichtige Aufgaben übernahmen und Wesentliches zur Aufrechterhaltung einer Volkswirtschaft beitrugen, genauso selbstverständlich spielten sie nach dem Krieg wieder die zweite Geige. Schon vor dem Krieg waren sehr viele Frauen in der Industrie beschäftigt gewesen. Nach Kriegsausbruch nahm diese Zahl noch zu, denn die Industrie, die eine Chance darin sah, dass die kriegsführenden Länder nicht mehr konkurrenzfähig waren, war auf die Arbeit der Frauen angewiesen.

Gerade in den Betrieben, die Kriegsmaterial produzierten und an Deutschland verkauften, waren viele Frauen beschäftigt. Von 1940 bis 1944 wurden für rund eine Milliarde Franken Waffen nach Nazideutschland exportiert. Ab 1940 wurde zwar keine Aussenhandelsstatistik mehr veröffentlicht, doch ist die Zusammenarbeit der schweizerischen mit der deutschen Industrie und der rege Handel heute ebenso bekannt wie die Tatsache, dass dies unter anderem die Deutschen vom Einmarsch in die Schweiz abhielt. Haben die Frauen also nicht nur den relativen Wohlstand der Schweiz während des Krieges geschaffen, sondern - die Historikerin Pavillon stellt diese These auf - das Land auch vor dem Einmarsch der Nazis bewahrt? Das wäre dann ja in der Tat einen Mythos wert gewesen.

Ein Bild von Frauen, die die Wirtschaft eines Landes aufrechterhalten, das mit dem Feind kooperiert? Wie ketzerisch! Da kam einer Schweiz, die ihr Lavieren zwischen den Mächten verheimlichte, das Bild von der Armee, die heldenmütig den Feind von der Heimat fernhält, denn schon weit eher entgegen.

Wenn schon ein Frauenmythos, dann hätte er allenfalls noch um die karitative Arbeit der Frauen entstehen können, um dienende, sich aufopfernde Frauen, die so ganz dem traditionellen Frauenbild entsprachen. Der Zivile Frauenhilfsdienst unter der Führung von Frauenverbänden hatte in fast militärischer Weise Soldatenfürsorge, Zivilschutz, Bäuerinnenhilfe und Quartierhilfe für Familien in Not organisiert. Er setzte sich aus lauter freiwilligen Helferinnen zusammen, die ohne Sold «in aller Einfachheit und Schlichtheit die Aufgabe, die uns gegeben ist» erfüllten, wie der Zivile Frauenhilfsdienst Zürich zu Anfang des Krieges schrieb. Die Heimat brauche Frauen, die nicht jammerten und klagten, sondern Entbehrungen willig auf sich nähmen, «Frauen mit starken Armen, die säen und pflanzen auf der Heimat Boden», hiess es im «Dienstbüchlein für die Schweizer Frau».

Aber ob Bäuerin, Arbeiterin oder unbezahlte Helferin: für ihre Leistungen bekamen die Frauen nichts. Keinen Mythos und auch kein Stimmrecht, was ihnen weit lieber gewesen wäre. Die Frauen hatten keine Lobby; man brauchte nicht zu fürchten, dass sie Unruhen vom Zaun rissen und man sie dann mit Reformen zu besänftigen hätte wie etwa die Arbeiter. Da sie nicht wählen konnten, waren sie auch kein Wählerpotential, das gehätschelt werden musste wie die Bauern, die fast alles erreichten, was sie anstrebten.

Und wie sieht die Kriegsgeneration selbst ihre Rolle in jener Zeit? Die Historikerin Simone Chiquet hat in ihrem Buch «Es war halt Krieg» (1992) die Berichte von Männern und Frauen der Kriegsgeneration verarbeitet und geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wertung der damaligen Zeit entdeckt. Wenn die Männer sich auch nüchterner äussern, als es in den Veteranenbüchern zu lesen ist (immerhin sprachen sie auch von kriegsbedingten Versäumnissen, von verpassten Gelegenheiten): für sie waren die Aktivdienstjahre das entscheidende, einmalige Erlebnis in ihrem Leben. Die Frauen hingegen bagatellisierten ihre Leistung, fanden, sie hätten nichts Aussergewöhnliches getan, und verwiesen auf ihre Ehemänner oder Brüder, die Dienst geleistet hatten und «gewiss Ausserordentliches» zu berichten wüssten.

Frauen nahmen das Leben, wie es kam. Männer aber hatten Pläne, die durch die Mobilisation zunichte gemacht wurden; sie hatten durch den Krieg vieles verpasst und versuchten diesen Lebenslücken im nachhinein mit Hilfe des Mythos Sinn zu geben. Die Männer hatten Lebensträume, die Frauen keine Wahl.

Annette Frei Berthoud, Historikerin und Redaktorin beim Schweizer Fernsehen DRS lebt in Zürich.


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