NZZ Folio 01/01 - Thema: Wein   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Mister Murphys Moment

Von Franz Zauner

JEDER REAGIERT ANDERS, wenn der Mauszeiger über dem Setup-Icon steht. Aber Wirkung zeigen alle. Nichts darf übersehen werden, jede Kleinigkeit zählt. Kleinigkeiten entscheiden darüber, ob ein Techniker katastrophenfrei in Pension geht oder nicht. Beim Hamburger Bahnchaos genügten ein paar überzählige Bytes, damit Hunderttausende Passagiere ihren Anschluss verpassten. Das Berliner Bahnchaos entstand, weil ein paar Bytes fehlten. Computer sind Porzellanläden, die aus Mücken automatisch Elefanten machen.

Wenn in einer Branche, in der sich stets alles ändert, ausgerechnet der Augenblick des Wandels der kritische Punkt ist, wird jeder Setup zum Abenteuer. Der Tower des Flughafens Los Angeles musste alle Flugzeuge auf den Boden holen, weil dem Mainframe-Computer der Federal Aviation Agency nach einem leistungssteigernden Software-Upgrade sofort die Luft ausging. Bei der Bank of Montreal stoppte die neue Programmversion auf der Stelle die Kreditkartentransaktionen, für deren Beschleunigung sie erdacht wurde. In einer Studie namens Chaos, verfasst von der amerikanischen Beratungsfirma Standish Group, trägt selbst die gute Nachricht Züge einer Hiobsbotschaft: 16 Prozent aller Software-Einführungen gelingen bravourös! Ein Drittel aller grösseren Projekte scheitert kläglich, die Hälfte kostet doppelt so viel wie ausgemacht.

Egal, ob es um ein grosses Enterprise Resource Planning System (ERP) im Konzernverbund geht oder einen kleinen Virenscanner für den Mailserver: Ohne Schlachtplan kein Lorbeer, so viel steht fest. Korrespondiert das Anforderungsprofil mit der Problemanalyse? Entspricht der Prototyp den Erwartungen? Sind die Prioritäten richtig gesetzt? Die Checklisten werden immer länger, die Büros verwahrlosen. Lose Blätter überall, verstreut wie Herbstlaub. Buchseiten nicht mit einem, sondern gleich vier Eselsohren als Merkhilfe. Bücherstapel neigen sich schräger als der Turm von Pisa.

Ob Modell und Wirklichkeit zusammenpassen, weiss man trotzdem erst nach dem Doppelklick. Der Pharmakonzern FoxMeyer ging kurz danach mit seinem neuen ERP-System pleite. Bei Virenscannern wird mit etwas Glück nur die Geschäftspost gelöscht. Das sind die Momente, in denen sich der amerikanische Ingenieur Edward A. Murphy aufdrängt: Was passieren kann, passiert auch. Und manchmal will auch O'Tooles Kommentar dazu zitiert sein: Murphy war ein Optimist.


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