Gesundheit und Nüchternheit: So hiess das Programm, das die französische Regierung vor vierzig Jahren startete – aus Sorge über den bordeauxroten Farbton des Landes auf der Weltkarte des Alkoholkonsums; die Bretagne hatte zusätzlich eine schwarze Schraffur erhalten. Das Motto der Kampagne, «Alkohol tötet langsam», wurde vom Volksmund mit der absehbaren Erwiderung quittiert: «Wir haben’s auch gar nicht eilig.»
Die französische Regierung hatte sich unter anderem das utopische Ziel gesetzt, den Weinkonsum erwachsener Männer auf einen Liter pro Tag zu senken. Und die Wirkung staatlicher Propaganda auf meinen empfänglichen jugendlichen Geist war offenbar so überwältigend, dass ich bis heute versuche, mich an diese Regel zu halten, nur dass mir manchmal vorher der Stoff ausgeht.
Die Frage nach dem Zusammenhang von Gesundheit und Nüchternheit hat unlängst eine neue Wendung genommen, die zum Teil auf das Périgord-Paradox zurückgeht: Zum Leidwesen mancher Leute sterben die Bewohner jenes gesegneten Landstrichs viel später, als es aufgrund ihrer Diät aus Armagnac und fetttriefender Geflügelleber eigentlich angezeigt wäre. Wissenschafter verschiedener Universitäten, meist aus der Gegend um Bordeaux, haben inzwischen beinharte Beweise vorgelegt, dass der mässige Genuss von (rotem) Wein unserer Gesundheit geradezu förderlich ist. (Mässig heisst etwa ein Drittel des utopischen Zielwerts.)
Die Bereitschaft zu einer Kosten-Nutzen-Analyse ist stets ein Anzeichen für intellektuelle Reife. In Wirklichkeit sind die Vorzüge aller gebräuchlichen Drogen enorm, und die Weigerung, sie angemessen zu würdigen, grenzt an Undankbarkeit. «Junge trifft Mädchen» wäre ungleich heikler ohne ihr Zutun. Viele von uns (die termingerecht um Ende September herum geboren wurden) verdanken ihr blankes Leben den während des Äthanoldämmers zwischen Weihnachten und Neujahr eingeleiteten, glücklichen chemischen Reaktionen.
Fast alles, was seit dem 17. Jahrhundert an Lesens- und Hörenswertem hervorgebracht wurde, geht zumindest teilweise auf die Einwirkung von Tee, Kaffee und Tabak zurück. Die Erfindung des Romans, der ersten ausschliesslich zur Unterhaltung Erwachsener bestimmten Literaturform, fällt genau mit der Einführung dieser kleinen Helfer zusammen. Ja es ist sogar die Ansicht vertreten worden, dass der ökonomische Vorsprung Britanniens gegenüber seinen europäischen Rivalen im 18. Jahrhundert in erster Linie der frühzeitigen Anwendung dieser Stimulantien geschuldet sei.
Was die Drogen damals wie heute unter den Notabeln in Verruf brachte, war, dass sie das Volk unfähig machen zur Arbeit, jenem «Fluch der trinkenden Klassen», wie Oscar Wilde ironisch bemerkte. Nach der Perfektionierung der Schnapsbrennerei verbrachte man einen Grossteil des 19. Jahrhunderts damit, die Armen davon abzubringen, sich zu Tode zu trinken, obschon der Vollrausch unter den herrschenden Verhältnissen für viele der einzig vernünftige Weg zum Glück gewesen sein dürfte.
Heute sind 90 Prozent der westlichen Bevölkerung vermutlich so reich wie das oberste Prozent im Jahr 1820. Wie sähe also eine rationale Strategie heute aus? Gesunde Gewohnheiten? Nehmen wir einmal an, eine strenge Gesundheitsdiät, verbunden mit regelmässiger Leibesertüchtigung, könnte uns eine garantierte Lebensdauer von 1000 Jahren in permanentem Glücksgefühl verschaffen: Das Smart Money flösse ohne Umwege in Tofu und Wanderstiefel. Aber zur Wahl stehen lediglich fünf oder sechs Zusatzjahre am falschen Ende des Lebens.
Jeder weiss, dass wir mit mehreren tickenden Zeitbomben in unserer DNA geboren werden, und selbst wenn die ersten fünf als Blindgänger verpuffen, so erwischt uns doch das dicke Ende (das Alter), bevor wir 110 sind. Die genetische Landschaft lässt sich womöglich durch zielgerichtete Eugenik, das heisst durch Designerbabies, verbessern, aber so wie die Dinge nach derzeitigem Erkenntnisstand verkabelt sind, können wir nur entweder den Krebs loswerden oder den Tod, aber nicht beides.
Einstweilen dürfen wir also getrost davon ausgehen, dass jeder, der heute am Leben ist, auch stirbt. Falls Sie in der Lage sind, diese Zeilen zu lesen, wissen Sie ausserdem, dass Sie nicht als Letzter dran sind.
Und das Glücksgefühl? Das wenigstens muss doch gesund sein. Wie jeder weiss, der einmal stolz geschwellt und händchenhaltend mit seiner Liebsten an einer verkehrsreichen Strassenecke stand, wird man durch Glück unverwundbar. Wohingegen Traurigkeit uns so zerbrechlich macht wie Alabaster.
Schauen Sie sich die Leute an, die in den Gesundheitsläden vor den Regalen mit den Ergänzungspillen stehen: lauter besorgte Gesichter, deren Lippen sich beim Blickkontakt kurz zu jenem ängstlichen Affengrinsen verzerren, das jeder gebildete Amerikaner bis zur Perfektion beherrscht. Vor ihnen türmt sich in essbarer Form das halbe periodische System, von Bor bis Selen. Die geringeren Götter dieses chemischen Olymps haben nicht mehr so viel Aufmerksamkeit genossen, seit sich die Wissenschafter vor 15 Dezennien um ihre Namensgebung balgten. An der Kasse treffen Sie statt auf Kaugummi und Flachmänner mit Whisky auf Magneten, die die Handystrahlung von Ihrer in Falten geworfenen Stirn ablenken sollen.
Doch schauen Sie sich um: etwas fehlt. Alles vermittelt die Vorstellung eines Gartens Eden, nur vom Baum der Erkenntnis weit und breit keine Spur, denn der wurde längst zu kontrolliert biologischen Zahnstochern verarbeitet.
Die feilgebotenen pflanzlichen Heilmittel bringen die sanitären Anlagen wieder in Ordnung (massenweise Abführmittel und Laxative), geben den Wänden einen neuen Anstrich (gute Gesichtscrèmes) und ölen die knarzenden Gelenke (Lebertran). Aber in der Videoabteilung von Gottes Schöpfung gähnt eine grosse Leere, keine brauchbare Droge in Sicht.
Bis vor kurzem konnte man in den Regalen noch Kava-Kava finden (das im Web noch erhältlich ist), aber selbst dieses mildeste aller milden Entspannungsmittel ist dank einer Gesetzgebung der Europäischen Union neuerdings tabu. Das erklärungsbedürftige Faktum ist nicht, weshalb manche Leute sich solcher Mittel bedienen, sondern, weshalb der Rest auf sie verzichtet und sie verbietet.
Eine ziemlich beängstigende (wenngleich meisterhaft geschriebene) Antwort auf diese Frage gibt David Pearce, ein unabhängiger Denker, unter hedweb.com. Ich fasse seine Gedanken zusammen: Eine aus dem Ruder gelaufene geschlechtliche Selektion hat zu der Bevorzugung von Männern geführt, die für Glücksempfindungen unempfänglich sind. Das ist leicht nachzuvollziehen: Die Vernachlässigung der Lust zugunsten der Anhäufung von Dingen ist unter Männern weit verbreitet, vom bescheidensten Simpel bis hin zu Donald Trump.
Das macht sie für Frauen attraktiv, die auf Kohle stehen und meinen, die Jungs könnten sie damit glücklich machen. Die Gene des Unglücklichseins und die Gene der Habgier werden alsdann an die nächste Generation vererbt. Man braucht nur ein paar Dutzend Generationen zu warten, und alle haben mehr als genug von allem, nur kein Vergnügen mehr. Unsere innere Südsee ist trockengelegt und durch Stuttgart ersetzt worden.
David Pearce analysiert die Konsequenzen dieser Entwicklung und kommt zum Schluss, dass wir erst dann wahrhaft glücklich sein werden, wenn die schlechten Botschaften aus der DNA ausgemerzt worden sind. Aber das ist kein Grund, den Atem anzuhalten, es sei denn, Sie hätten gerade etwas inhaliert, was Ihnen das Warten erleichtert: Pearce meint, die einzige Alternative, die wir bis dahin hätten, seien bewusstseinserweiternde Drogen.
Vielleicht muss man die Geschichte vom Garten Eden wie seinerzeit die Beatles-Langspielplatten rückwärts laufen lassen, um die verborgene Botschaft zu hören: erst die verbotenen Früchte kosten, dann eintreten.
Die Zukunft, wem also gehört sie: der Tugend oder dem Laster? Falsche Frage. Denn einer der Gründe, weshalb Technologie selbst zum Zeitpunkt ihrer flächendeckenden Ausbreitung so unpopulär geblieben ist, besteht darin, was sie aus beidem macht. In Ermangelung echter Lösungen machen wir gern die Not zur Tugend, und wo sich die Not verflüchtigt, fehlt uns die Tugend.
Vor der Einführung von Taschenrechnern galt die Benutzung von Logarithmentabellen als Tugend, sie nicht lesen zu können, als Laster. Beide verpufften 1972 mit der Ankunft des HP-35 in Schall und Rauch. Setzen Sie anstelle der Quadratwurzeln Tod und Krankheit ein, und eines Tages wird die Technologie die Gesundheit aus den Tentakeln der Lebensführung befreien. Wir werden ungesund leben und trotzdem gesund bleiben. Der Privattrainer wird verschwinden, aber ebenso der poète maudit .
Technologie besteht, wie Max Frisch einmal sagte, in der Kunst, das Wirkliche so zu arrangieren, dass wir es nicht mehr sehen. Für ihn war dies ein Grund zur Verzweiflung, aber ich kann mir kein grösseres Kompliment denken. Bis zur Ankunft jenes Tages bleibt uns das Ritual: die Kunst, das Unwirkliche so zu arrangieren, dass wir es nicht übersehen.
Es ist wie im Science-Fiction-Roman «Ubik» von Philip K. Dick, in dem die lebensrettenden Erfindungen zuerst als Trugbilder auftauchen, lange bevor sie wirksam werden.
Könnte es nicht sein, dass alles, vom Gedicht bis zum Facelift, bloss ein Schatten der Wirklichkeit ist, die auf uns zukommt? Wir werden vielleicht nicht lange genug leben, um sie mit eigenen Augen zu sehen, aber vielleicht müssen wir sie doch vor Augen haben, um zu leben.
Luca Turin wuchs in Frankreich, Italien und England auf. Bis 2000 lehrte er als Biophysiker am University College in London. Mit seiner Firma Flexitral hat er sich auf die Geruchsforschung spezialisiert. Für NZZ-Folio schreibt er die monatliche Parfumkritik «Duftnote».
Übersetzung: Robin Cackett, Berlin.