WER DAS FACHMÄNNISCHE Entkorken einer Flasche, das Dekantieren, Degustieren und Debattieren über einen Wein für eine eigentümliche Marotte einiger unverbesserlicher Weinfexen hält, wer nicht «Prosit!» wünschen mag und schon gar nichts von Trinksprüchen hält, wer glücklich ist, dass diese Kolumne nun ein Ende hat - der mag vielleicht ehrenwerte Gründe dafür haben, ein Mensch von höherer Kultur ist er wohl nicht.
Erkannten nicht bereits die alten Griechen (die abgegriffene Redewendung sei in diesem besonderen Fall erlaubt), dass zum Weintrinken ein bisschen Zeremonie gehört, weil der Wein nun einmal kein gewöhnlicher Saft ist, sondern vielmehr ein Nektar von nahezu sakramentaler Bedeutung? «Die Völker des Mittelmeeres», schrieb Thukydides am Ende des 5. Jh. v. Chr., «begannen dem Barbarentum zu entwachsen, als sie den Ölbaum und den Wein zu kultivieren lernten.»
Und so wurde bereits im alten Griechenland das Weintrinken ein Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens. Die Griechen veranstalteten Symposien, was nichts anderes bedeutete als «miteinander trinken», und an Trinkwettkämpfen huldigten sie ausgiebig Dionysos, dem Gott der Ekstase und der Fruchtbarkeit. Die Römer führten den Brauch fort; sie verehrten Bacchus.
Was Wein und seine Kulturgeschichte von anderen Landwirtschaftserzeugnissen, von der Kartoffel beispielsweise, unterscheidet: es ist seine kultische Ausstrahlung, es sind die Zeremonien um ihn. Wie kein anderes Nahrungs- oder Genussmittel ist der Wein im Lauf der Geschichte zum Anlass und Ausdruck der Festlichkeit geworden. In der jüdischen Religion beginnt der Sabbat mit dem über einem Becher Wein gesprochenen Segen oder einem Weihespruch; im Christentum symbolisiert er das Blut Jesu. Ungezählt sind schliesslich die Bräuche der Weinbruderschaften, die Riten an Erntedankfesten - sie reichen vom Heurigen bis zu orgiastischen Wein- und Schlammschlachten, wie sie am San-Pedro-Tag im Riojagebiet geschlagen werden.
Freilich: Für den Alltag sind derlei Weinkulte weniger geeignet. Mässigung ist hier das Gebot, und so begnügt man sich in der Regel mit den bekannten kleinen Zeremonien, die einen gewöhnlichen Anlass zu einem besonderen erheben. Im deutschsprachigen Raum ist es seit dem 18. Jahrhundert Sitte, beim Zutrinken Wunschformeln wie «Prosit» auszustossen und die Gläser klirren zu lassen. Südländer finden derlei Bräuche hingegen eher irritierend, das Prosten bleibt da für Geburtstage und die Silvesternacht vorbehalten. In jedem Weinzirkel zelebriert man das Entkorken und das Dekantieren, obschon man die Mehrzahl aller Weine, ohne ein Wort zu verlieren, aus dem Tetrapack kredenzen könnte. Der eine trinkt einen besonderen Tropfen mit Vorliebe bei Kerzenlicht, die andere legt zum Mouton-Rothschild eine Verdi-Oper auf.
Es gibt Leute, die am liebsten Portwein servieren, weil beim Portwein die Entkorkungszeremonie besonders hingebungsvoll zelebriert wird (dem kundigen Gastgeber obliegt es, mit einer glühenden Zange der Flasche den Hals zu brechen).
Das Zeitalter des Individualismus, will es, dass jede Zeremonie erlaubt ist - sofern dies der Tafelrunde den Genuss erhöht. So darf jeder entscheiden, was er mit Wein anstellt. Zu beachten hat er einzig, dass sein Umgang mit dem edlen Saft ein bisschen auch sein Wesen und einen Teil seines Charakters offenbart.
Ob Trinkbarbar, falstaffischer Trunkenbold oder stiller Geniesser, ob Prahlhans oder demütiger Weinenthusiast: Beim Trinken geben wir uns zu erkennen. Wie heisst es noch: in vino veritas.