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NZZ Folio 09/07 - Thema: Sicherheit   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Wie der Flussaal die Forscher narrt

© Dr. Martin Mildenberger, Berli...
Von den Bahamas nach Berlin: Flussaal im Schlachtensee. Linktext
Aristoteles vermutete, der Aal krieche «aus den Eingeweiden der Erde». Heute weiss man etwas mehr: Die Wiege steht in 5000 Metern Tiefe.

Von Herbert Cerutti

Der Europäische Flussaal (Anguilla anguilla) wird seit Urzeiten mit Netzen und Reusen gefangen. Geräuchert ist der fettreiche Fisch eine Delikatesse. Wie der Aal lebt, ist jedoch noch heute geheimnisvoll. Zwar wusste man schon früh, dass kleine Aale vom Meer her die Flüsse hochsteigen und grosse Aale aus den Binnen­gewässern zum Meer ziehen. Wo und wie sie sich aber vermehren, war bis ins 19. Jahrhundert völlig rätselhaft. Aristoteles verkündete, der Aal krieche «aus den Eingeweiden der Erde». Plinius meinte, Aale entstünden aus Hautfetzen, die erwachsene Tiere an scharfen Felskanten zurückliessen. Populär war auch der Glaube, Aale entwickelten sich aus den Schwanzhaaren von Pferden.

1896 fingen italienische Zoologen einige Exemplare des Leptocephalus breviroistris im offenen Meer und setzten sie in einem Aquarium aus. Der kleine Fisch, der wie ein durchsichtiges Weidenblatt aussieht, war hundert Jahre zuvor in der Irischen See entdeckt worden. Zur grossen Überraschung verwandelte sich der vermeintliche Fisch alsbald in einen jungen Aal! Die Forscher hatten per Zufall die Larvenform des Europäischen Flussaals gefunden.

Der Zoologe Johannes Schmidt aus Dänemark wollte es genauer wissen. 1904 begann er entlang der Atlantikküste mit der systematischen Suche nach den Aal­larven. So ergiebig die Sammelaktion auch war – alle Exemplare waren mindestens 60 Millimeter gross. Als Schmidt ­seine Fangtouren aber ins offene Meer Richtung Westen ausdehnte, wurden die Larven kleiner und kleiner. Bis er 1922 in der Sargassosee die mit etwa 5 Millimetern nun kleinsten und somit jüngsten Larven fand.

Das unter Algenwäldern ruhende, 5000 Meter tiefe Tropenmeer südlich der Bermudas ist offenbar die Wiege unserer Aale. Aber bis heute hat man dort weder einen erwachsenen Aal noch die Eier, aus denen die Larven schlüpfen, gefunden.

Die Wanderung der Larven ist mittlerweile gut dokumentiert. Von der Sargassosee treiben sie erst westwärts Richtung amerikanische Küste, wo sie in den Golfstrom geraten und über den Atlantik nach Europa driften. Dort verteilen sie sich in den atlantischen Küstengewässern von Norwegen bis Marokko, finden aber auch den Weg in die Ostsee und ins Mittelmeer. Für die 8000 Kilometer lange Reise brauchen die Winzlinge drei Jahre. Jetzt findet die Metamorphose statt – aus der «Weidenblattlarve» wird ein schlangenförmiger und immer noch durchsichtiger Jungaal.

Warum Aale sich im Gras aalen
Diese «Glasaale» erschnüffeln mit extrem feinem Geruchssinn die vom Süsswasser der Flüsse ins Meer getragenen organischen Stoffe, etwa die Abbauprodukte verfaulender Blätter, und steuern entlang der Duftspur zur nächstbesten Flussmündung. Während die männlichen Jung­aale im Brackwasser der Flussmündung bleiben, kämpfen sich die Weibchen als «Steigaale» in grossen Schwärmen die Flüsse hoch, wobei sie auch Stromschnellen und kleine Wasserfälle überwinden. Wo ein Staudamm den Weg blockiert, kann sich der Aal sogar im feuchten Gras bergwärts schlängeln.

Im Oberlauf der Flüsse und am Grund von Seen jagen die Aale nachts nach Krebsen, Schnecken, Fischen und Würmern. Für den Winter buddeln sie sich in den schützenden Schlamm. Der Leib wird im Laufe der Zeit dunkel mit gelbem Bauch, weshalb der Fischer das Tier jetzt «Gelbaal» nennt. Nach acht bis zehn Jahren sind die Weibchen geschlechtsreif, bis zu 1,5 Meter lang, 6 Kilogramm schwer und mit 30 Prozent Körperfett ausgestattet. Eines Spätsommers färbt sich der Bauch silberweiss, die Augen vergrössern sich, Maul, Magen, Darm und After verkümmern, und im Leib wachsen riesige Geschlechtsorgane. Mit der gleichen Rastlosigkeit wie vor Jahren als «Steigaal» sucht sich der «Blankaal» nun den Weg zurück ins Meer und trifft in der Flussmündung die höchstens 40 Zentimeter gross gewordenen Männchen. Zusammen machen sich die beiden Geschlechter auf die Reise in die ferne Sargassosee, ein halbes Jahr lang unterwegs, ohne Nahrung, nur von den Fettreserven zehrend.

Um die Fernwanderung zu erforschen, hat man vor zwanzig Jahren Aale mit ­Ultraschallsendern ausgerüstet. So liess sich die Route hinaus in die Küsten­gewässer verfolgen. Am Rand des Kontinentalschelfs aber, dort wo die Tiefsee beginnt, tauchten die Aale in jene Finsternis, von wo kein Signal mehr nach oben dringt. Und so weiss man bis heute nicht, auf welchem Weg die Europäischen Flussaale in die Sargassosee ziehen und wie sie dort Hochzeit feiern.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.

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