NZZ Folio 12/00 - Thema: Spielzeug   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Spielerige Jahre

Von Urs Bruderer

Alleinsein war die Hölle. Lego half. Und wenn nicht Lego, dann halt Vaters Plattenspieler, das Telefon, die Vorratskammer, der Kleiderschrank meiner Mutter, Streichhölzer. Das beste Spielzeug lag nicht im Kinderzimmer, man fand es bei den Erwachsenen.

Auch die Schule brachte mich auf schöne Spielideen. Anhand einer Batterie, zweier Drähte und eines Glühbirnchens lernten wir den geschlossenen Stromkreislauf kennen. Das musste auch mit dem Strom aus der Steckdose funktionieren, dachte ich, steckte die Drähte in die Löcher und hielt sie ans Birnchen. Warum es an jenem Abend einen Knall gab und im ganzen Haus das Licht erlosch, hat nie jemand erfahren. Und warum ich überlebte, ist immer noch ein Rätsel.

Wenn ich mich an mein Lieblingsspielzeug zu erinnern versuche, kommen mir die Spielgefährten meiner Kindheit in den Sinn. Gesellschaft war wichtig, nicht Zeug. Auf Baustellen und Schulhöfen fanden wir alles, was wir brauchten, um die Zeit zu verspielen. Drinnen spielten wir am liebsten mit Tischen, Stühlen, Decken und Küchengeräten. Damit liessen sich Hütten bauen, die besten standen im Wohnzimmer. Für die Doktorspiele zogen wir uns ins Kinderzimmer zurück. Dort wurden die kleinen Mädchen zum Spielzeug der älteren Buben. Wir waren die Ärzte, sie die Patientinnen. Wenn ich daran zurückdenke, wie und wozu wir unseren Altersvorsprung ausnutzten, werde ich heute noch rot vor Scham.

Wir waren spielerig, wie ein altes Wort sagt, doch wir beschäftigten uns wenig mit Spielzeug. Haben wollten wir aber trotzdem so manches. Es waren die siebziger Jahre, unsere Eltern kauften sich rauchgläserne Clubtischchen, elektrische Saftpressen und Hollywoodschaukeln. Die Idee von Besitz musste man uns nicht lange erklären, und Spielzeug war etwas, worauf wir unsere materiellen Ansprüche richten konnten. Pädagogisch war das durchaus wertvoll: Die Schlümpfe haben mich die zwingende Logik von Wollen, Bekommen und Vergessen gelehrt - eine Lektion fürs Leben.


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