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NZZ Folio 11/96 - Thema: Feuer, bitte!   Inhaltsverzeichnis

Rechnen mit dem Rauch

Bremen - Drehscheibe des Tabakhandels.

Von Angelika Overath

WENN IM FRÜHJAHR die grossen Schiffe aus Indonesien mit den Namen «Nol Spinel», «Almandine» oder «Amazonite» in Bremen anlegen und die Tabakmakler erste Proben aus der gedockten und verballten Fracht ziehen, kann es sein, dass ein alter Herr unter seiner Nordseebräune blass wird. Denn diese in schwere Ballen gefasste Ware, diese Blätterfächer aus Java und Sumatra sind ein Millionengeschäft und eine jährliche Überraschung. Und der Mann im Kontor, der einen Strauss von Visitenkarten vorweisen könnte - Geschäftsführer der Bremer Tabakbörse und der Deutsch-Indonesischen Tabak-Handelsgesellschaft sowie Mitinhaber der Rohtabakfirma Hellmering, Köhne & Co. -,Walter Köhne also weiss, dass nicht jede Ernte brennt. «Es gibt Tabak, der ist wie Asbest.» Der alte Herr lächelt ein wenig und übertreibt. Aber nicht sehr.

Die übermannshohen Tabakpflanzen mit ihren grossen lappenden Blättern sind das Erfolgsrisiko jedes Tabakpflanzers. Zuwenig Regen lässt die Blätter dick werden, unbiegsam und wenig ergiebig; zu starker Regen macht sie dünn und papierig. Würmer und Raupen fressen gern Löcher hinein. Unsachgemässes Pflücken mindert die Farbqualität, falsches Fermentieren verdirbt das Aroma, nachlässiges Sortieren stört die Einheitlichkeit der Ballen, und schliesslich bringt schlampiger Transport noch Wasserschäden mit sich oder Abschürfungen. Beunruhigend viel kann schiefgehen. Immerhin handelt es sich hier nicht um Stapelware wie die zerschnittene Massenfüllung für Zigarettenpapierchen. Sondern um das Rohmaterial für Einlage und Umblatt: vor allem aber um den hochsensiblen Stoff, aus dem das noble Deckblatt einer Zigarre ist.

Walter Köhne liebt diesen Hochadel Indonesiens. Und er missbilligt absteigende Linien. «Das hier», er zupft ein Blatt heraus, «ist ein ganz gemeines Blatt, so ein trockener Hund.» Und wirft das arme braune Stück beiseite: ein SR. S für Sumatra und R für die Farbe. Das stinke, aber immerhin stinke es noch blumig.

Wenn Tabakgötter sich unterhalten, kommen sterbliche Raucher nicht unbedingt mit. Haben die einen noch so gefällige Wörter wie hellbraun oder gedeckt, beige, rötlichbraun, grünlich- oder auch dunkelbraun, so buchstabieren die Initiierten ein besonderes Alphabet: A bis N gibt die imaginäre Farbpalette im hellen Bereich an, ab O sind die dunkleren Töne gemeint. Obwohl es keine genormten Farbtafeln gibt, sind die Bezeichnungen unter Experten völlig klar. Anfänger lernen die Nuancen sehen, indem sie Zigarren abspiegeln. Da gehen sie die Tische entlang mit den aufgereihten Zigarren und suchen die farbgleichen heraus, die in der Zigarrenkiste nebeneinanderliegen sollen. Viel später werden sie eine gewisse Farbspanne der Blätter auch blind bestimmen können; die dunkleren Töne fühlen sich feuchter an. Und allein an der Struktur des Blattes ertasten Fortgeschrittene, welcher Provenienz es ist.

Als Walter Köhne nach Arbeitsdienst, Krieg und Gefangenschaft wieder nach Bremen zurückkam, stand er zunächst etwas ratlos vor den braunen Ballen. Sein Vater war Rohtabakhändler. Um die Jahrhundertwende hatte er mit «hanseatischen» Tabaken gehandelt, wie die über Bremen verkauften «Exoten» paradoxerweise genannt wurden, Blätter aus Brasilien, Kolumbien, der Dominikanischen Republik und Kuba. Die Kriege zerrütteten die Handelsbeziehungen, und so hatte sich der Vater verstärkt nach Holland gewandt, wo in den Häfen von Rotterdam und Amsterdam grosse Mengen eines besonderen, hellen Tabaks verkauft wurden: Ware aus dem riesigen indonesischen Inselarchipel, der holländischen Kronkolonie. Auch der Sohn reiste nach Holland und lernte die drei exportierten Sorten kennen. Da waren die Vorstenlanden-Tabake aus dem südlichen Java, deren beste Blätter das Stumpenmaterial ergaben, und zwar als Umblatt, das die Füllung zum Wickel fixiert, wie als Deckblatt, das die Zigarre abrundet. Daneben die Besuki-Tabake aus Ostjava, deren schönste Exemplare Deckblatt sein konnten, häufiger jedoch als Umblatt in Frage kamen. Ihre unteren Grade waren beliebt als Einlage und in der Mischung mit Exoten oder deutschem Tabak. Spitzenzigarren sind Kompositionen, deren Aufbau Fabrikanten nicht verraten. Als die Vollendung nicht nur aller indonesischen Tabake, ja als ideale Verkörperung dessen, was die Tabakpflanze hervorzubringen vermag, erkannte Walter Köhne das Sandblatt der Sumatra-Tabake. Es war ihm das edelste Deckblatt der edelsten Zigarren der Welt. «Brasil? Havanna?» Er lächelt milde. Liebe macht parteiisch.

Mit pergamentenen Händen streicht der alte Herr zwei befeuchtete Blätter aus. Eines gibt elastisch nach. Er zündet beide an. Sie glimmen. Nur eins beisst nicht in der Nase. Seine Blattstruktur ist eine unregelmässige Wüstenlandschaft, von Trockenläufen durchquert. Gegen das Licht gehalten, leuchtet sie. Solcher Tabak braucht einen speziellen Markt.

In der Börse im Bremer Freihafen herrscht Terrariumsatmosphäre mit Rauch. Zweimal im Jahr, Ende Mai und Ende Juni, füllen sich Kastenkuchenformen auf den Tischen mit Asche und Stumpen. Die Räume haben keine Heizung, aber eine Klimaanlage, die sich an 24 Grad Celsius und indonesische Luftfeuchtigkeit hält. Direktoren der Plantagen aus Java und Sumatra sind gekommen. Sie haben Frauen und Kinder in Seide mitgebracht und indonesische Freunde, Händler in Gummi, Tee oder Kaffee. Und manchmal zeigt sich auch ein Botschafter oder ein Landwirtschaftsminister. Sie durchschreiten die Hallen mit ihren auf Lattentischen ausgebreiteten Proben und schauen in die Boxen, wo Kunden noch in weissen Schürzen testen und beraten. Dann ziehen sie sich in die Klausur eines kleinen Raumes zurück, der mit der Aussenwelt der Börsenhalle verbunden ist durch eine Briefkastenklappe mit der Aufschrift «Gebote».

Bereits vier Wochen vor dem Verkauf -  der «Einschreibung» - hatten Zigarrenfabrikanten und Rohtabakhändler Listen zugeschickt bekommen, die das Angebot der neuen Ernte grob aufschlüsselten. Die Fabrikanten und Einkäufer waren mit ihren Obermeistern in der Börse erschienen, wo Makler Proben auf Bastmatten bereithielten. Manche Blätter gehen nur so durch die Hand, bis bei einem die Finger innehalten und der Makler hört: «Diese Partie will ich befeuchtet sehen.» Da sitzen dann ernste Männer in kleinen Boxen vor schrägen Taxierpulten und zerteilen auf dem eingelassenen Resopalplättchen ein Tabakblatt, ziehen, fühlen, riechen, zünden an und schnuppern. Mit einer schnellen gedrehten Handbewegung wird ein anderes Blatt entrippt und in drei Streifen geschnitten. Vorbereitete Wickel für die Probezigarren liegen bereit. Wird sich der Deckblattstreifen gut spannen lassen und in der Schräge um den Wickel fügen? Gibt er nach oder reisst er? Er reisst nicht und wird vorne wie ein Bonbonpapier zusammengedreht und abgeschnitten. Nun das Gasfeuerzeug. Wie schmeckt der eingezogene Rauch, wie riecht er ausgeblasen, und wie weiss steigt er auf am Rand der Glut? In der Fabrik wird weiter getestet, befeuchtet, gewickelt, geraucht. Manchmal paffen nur Maschinen, die prüfen, ob eine Zigarre den weissgrauen Zylinder der Asche ansetzen und halten kann. Danach kalkulieren Fabrikanten: Welche Zigarren will ich herstellen, welchen Tabak brauche ich dafür, und was bin ich zu zahlen bereit? Und Rohtabakhändler, die ihre Fabrikanten kennen, überlegen dasselbe in der dritten Person. Keiner weiss genau, was der Tabak einem anderen wert ist.

1949, als Walter Köhne begann, die seidige Haut von Sumatra-Sandblättern zu prüfen, dürfte er kaum daran gedacht haben, dass sein persönlicher Lebensweg eng mit der Nationalisierung eines asiatischen Inselarchipels verknüpft sein würde und mit diesem einzigen Stoff. Aber knapp zehn Jahre später stand er als 43jähriger Rohtabakhändler in einer Bremer Bank und sagte: «Ich brauche 80 Millionen Mark.»

«Das», sagt Herr Köhne heute, «war damals sehr viel Geld.» Der Bankier hörte ihn an und warf ihn nicht hinaus. Er begriff, dass es in einer Aufbauphase wie der Nachkriegszeit darum ging, einen Warenmarkt zu gewinnen. Im Zuge der nationalen Emanzipation wollte der junge indonesische Staat nicht unbedingt mit der alten Kolonialmacht Holland Geschäfte machen. Beim Verkauf der 1957er Ernte hatte es Unregelmässigkeiten gegeben; danach war der indonesische Botschafter aus Bonn zu dem jungen Bremer gekommen, der seit Jahren in Holland grosse Mengen indonesischen Tabaks kaufte. Er solle ihm doch einmal den neuen Hafen von Bremen zeigen.

«Alleine können wir das nicht machen», sagte der Bankier und dachte nach. Ein Bankenkonsortium wurde gebildet und ein Versicherungsschutz konstruiert, bei dem fünfzig verschiedene Versicherungen beteiligt waren, darunter Lloyd's of London. Die Bremer Tabakhonoratioren waren skeptisch. Aber Walter Köhne dachte, wenn es in Rotterdam klappt, klappt es in Bremen auch. Worauf Holland den Boykott des neuen Marktes ankündigte und, als sich der erste Tabakdampfer «Ulysses» von Indonesien auf den Weg nach Bremen machte, eine einstweilige Verfügung einreichte: Der kommende Tabak sei holländischer Tabak. Er müsse beschlagnahmt werden. Indonesien setzte sich zur Wehr und präsentierte plötzlich ein Nationalisierungsgesetz als Rechtsgrundlage für sein Vorgehen. In Windeseile schlossen derweil die Bremer Importeure mit den drei staatlichen indonesischen Tabakgesellschaften ein Abkommen über die zukünftige gemeinsame Vermarktung der Exporte.

1959, bei den ersten Versteigerungen indonesischen Tabaks in Bremen, wechselten 136 405 Ballen ihren Besitzer. Der Gesamtwert betrug rund 146,7 Millionen Mark. Je nach Sichtweise ist die Bremer Tabakbörse ein spätes Echo des Kolonialismus oder eine emanzipatorische Handreichung kundiger Kaufleute.

Schon die Ernte von 1961 wurde nicht mehr in Schuppen 6 hinter Pappwänden verkauft, sondern in einem eigens für diese Börse errichteten Gebäude im Europahafen, Speicherhof 1. Das Sägedach ist so ausgerichtet, dass durch seine Oberfenster nur gleichmässiges Nordlicht in die Räume fällt; der Innenanstrich lässt keine Reflexe zu. Und für Fabrikanten, die besonderen Wert auf die Farbnuancen ihrer Deckblätter legen, wurde in den für sie reservierten Boxen Kunstlicht installiert, das dem ihrer Fabriken entspricht.

Drei Wochen vor der Einschreibung kommen leinengebundene Oktavbücher in die Häuser der Eingeweihten. Sie geben Auskunft darüber, welcher Frachter mit welcher Ladung gekommen ist. Wenn insgesamt 5000 Ballen Sumatra-Tabak angelandet werden, dann füllen sie zunächst einmal 150 Seiten mit Tabellen, Buchstaben und Zahlen, Siglen für Plantagen oder Farbspezifizierungen oder Blattlängen. So sind die 50 Ballen Sandblatt der Plantage Batang Kwis aufgeschlüsselt in 25 Qualitätsgruppen. Nach der Versteigerung sind die Büchlein wertvolle Sammlerstücke. Handschriftliche Notizen werden dann Preise (von einer bis zu beinahe 100 Mark pro Pfund Tabak) und Käufer festgehalten haben: sensible Erfahrungsdaten für die nächste Einschreibung. Kurz vor dem Tag des Tabaks verkündet ein einfaches Faltblatt die Reihenfolge des Partienverkaufs. Vier Makler der Börse haben jetzt Orientierungstaxen festgelegt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Interessenten diese Preisvorschläge in ihrem geheimen Gebot um das Doppelte überbieten. Während der Einschreibung, das heisst während des viertelstündigen «Tempos», das bis zu dreimal verlängert werden kann, halten die Gewährsmänner der Deutsch-Indonesischen Tabak-Handelsgesellschaft die Gebote fest, die durch den Briefkastenschlitz auf ein Holztablett fallen.

Ein Ballen Sumatratabak kann so viel kosten wie ein Mittelklassewagen; der Preis mancher Partien geht in Millionenhöhe. Bezahlt wird bar innerhalb von 14 Tagen. Die Käufer entrichten eine Einschreibgebühr; von den Verkäufern nimmt die Börse eine Kommission. Leuchtet die rote Lampe vor dem Klausurraum auf, ist das Tempo beendet, und ein Lautsprecher verkündet die Ergebnisse. Oder auch nicht. Denn manch ein Käufer will nicht öffentlich machen, wenn er grosse Mengen nicht ganz so hochwertigen Tabaks gekauft hat, oder möchte nicht eingestehen, welch überhöhte Summe er auszugeben bereit war, um die Blätter seiner Wahl zu bekommen. Nach der Lautsprecherdurchsage erhöht sich die Laufgeschwindigkeit in den Gängen der Börse kurzfristig. Wer sich verkalkuliert hat, versucht nun schnell aus zweiter Hand zu kaufen.

Dann ist die Börse wieder leer. In der Halle und in den Gängen mit den Möbeln im Fünfziger-Jahre-Schwung aus gutem Holz und gutem Kunstleder hält sich der Geruch von Tabak und Rauch. Es bleiben auch die Namen an den verschlossenen Türen der Boxen: Tabaksfabriek de Olifant, Burger, Agio, Cadena, EBAS-Gruppe, André, Seita, Tabacalera, Villiger, Dannemann. Ein Paket mit ledrig ausgetrockneten Blättern ist am Boden stehengeblieben, Fülltabak, von einer roten Schleife zusammengehalten, als handle es sich um alte Briefe.

Indonesien hat sich auch von der Börse emanzipiert. Nur noch 20 Prozent der Java-Tabake gehen über Bremen. Die Plantagen dürfen und wollen inzwischen direkt verkaufen, ohne hanseatische Kaufleute, die einen gediegenen Service anbieten, der vielleicht nur unnötig Geld kostet. Aber was ist nötig in dieser wahren Kunst? Die Bremer Tabakbörse ist heute noch die Adresse für die Sumatra-Spitzenqualität; nur hier kann man sie bekommen.

Manchmal fallen Walter Köhne die wunderbaren Zigarrenraucherinnen von Kopenhagen ein, die einst berühmt waren in Europa. Auch sie sind den aufgeklärten Anti-Rauch-Kampagnen erlegen. Rauchen muss ja nicht sein. Müssen Zigarren sein? Deckblätter jedenfalls müssen nicht sein. Da kann man künstliche Tabakfolien nehmen aus Tabakstaub und Gelatine. Die Amerikaner prägen sogar Adern hinein. Vieles geht, und vieles lässt sich vereinfachen. Auch der Sumatra-Markt liesse sich vereinfachen. Man könnte die edlen SA-Blätter aller Plantagen zusammennehmen, dann hätte man grössere Mischmengen höchster Qualität, aber eben nicht diese aufwendige und interessante Spezifizierung. Diese Ware ist exklusiv und befriedigt exklusive Bedürfnisse. Noch setzen die Lieferanten der indonesischen Insel darauf, über die Bremer Börse europäische Liebhaberpreise erzielen zu können. Walter Köhne öffnet ein Zedernholzkistchen mit genau abgespiegelten Zigarillos und sagt, dass dieser Markt der wertvollsten und schönsten Tabake der Welt eigentlich ja ins Museum gehöre. Für bedrohte Kostbarkeiten.

Angelika Overath, Tübingen, ist freie Journalistin.


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