Ein Satz, der «landläufige» Überzeugungen erschüttert: «Navigare necesse est, vivere non est necesse.» Es ist notwendig, zur See zu fahren, und es ist nicht notwendig zu leben. Der römische Feldherr Pompejus, so wird es von Plutarch überliefert, soll dies Matrosen zugerufen haben, die sich wegen eines Sturms weigerten, auf ihre Schiffe zu steigen. Aus einem Aufruhr der Natur und der Temperamente geboren, bekräftigt die Aussage, dass der Mensch dort, wo er Horizonte überschreitet, auch auf die Grenzlinie von Tod und Leben gerät.
Hätte Pompejus nur die Sache selbst, die Ausfahrt seiner Schiffe, gemeint, der Satz wäre den Beobachtern der denkwürdigen Szene als eine unerhörte Zumutung im Gedächtnis geblieben. Kein Matrose betritt ein Schiff, wenn man ihm dafür den Abschied vom Leben verspricht. Die Notwendigkeit der Seefahrt steht für ihn ausser Zweifel. Die Notwendigkeit der unversehrten Rückkehr allerdings auch.
Erst wenn man die metaphorische Seite berücksichtigt, enthüllt die Konstruktion ihren Sinn. Seefahrt als Umschreibung des Lebenswegs wird in ein Spannungsverhältnis zum Leben einzig nach unserer biologischen Ausstattung gesetzt. Als Landwesen gehört der Mensch nicht aufs Meer, sowenig wie ihn seine Anlagen dazu befähigen, in den Lüften, im Weltraum oder auch nur auf den höchsten Bergen zu leben. Dass ihm dies gelingt, unterscheidet seine Daseinsform von der anderer Lebewesen, die sich ausschliesslich innerhalb der für sie geschaffenen Räume aufhalten. Seefahrt ist, wie menschliches Leben überhaupt, eine Absage an die Schranken, die uns die Natur auferlegt.
Der zweite Teil der Aussage verwirft demnach das Beharren auf unserer Herkunft von der Natur. Dem bewusstlosen, reflexiven Agieren in von ihr ein für allemal vorgegebenen Verhältnissen spricht Pompejus die Notwendigkeit ab. Sein Aufruf ist ein Entwurf für das Leben nach der Natur, in einem zeitlichen Sinn. Wo er befolgt wird, bilden sich, als die eigentlichen Lebensfundamente, Gesellschaft, Zivilisation und Kultur. «Der Geschichte», schrieb W. L. Hertslet in seinem Anfang des Jahrhunderts noch vielgelesenen Buch «Der Treppenwitz der Weltgeschichte», «fällt, gradeso wie dem von der Audienz die Treppe herunterkommenden Bittsteller, eine dramatisch-ergreifende Gruppierung der Personen und Ereignisse in Raum und Zeit fast immer erst hinterdrein ein.» Pompejus liess sich, daran gemessen, nicht lumpen. Er wollte seinen Matrosen die Angst vor dem Aufbruch ausreden, indem er ihnen bestätigte, dass sie allen Grund hatten, solche Ängste zu hegen. Die Pointe ist aber keineswegs billig. Sie zielt darauf, dass es unsere Aufgabe ist, die Widersprüchlichkeit unserer der Natur entfremdeten Lebensführung begreifbar zu machen.
Zustimmend wird in seiner Studie von Hertslet Georg Büchmann zitiert, der, in einer Vorrede zu seinen «Geflügelten Worten», bemerkte, «dass ein untrügliches Kennzeichen eines allgemein gewordenen Citats die Veränderung seiner ursprünglichen Form» sei, «während zu gleicher Zeit die so veränderte Form hartnäckig als, die allein richtige verteidigt» werde. Als sich der Satz des Pompejus von der Notwendigkeit der Seefahrt zu verbreiten beginnt, wird zuerst die zweite, eigentlich die Begründung liefernde Hälfte für entbehrlich gehalten. «Navigare necesse est»; damit, glaubt man, sei doch alles gesagt. Freilich wird die Praxis, sich ungeliebter Bestandteile einer Aussage zu entledigen, im vorliegenden Fall immer wieder von Zweifeln beeinträchtigt. Über dem Portal des Hauses «Seefahrt» in Bremen erscheint sie 1545 in einer noch unangetasteten Übersetzung: «Zur See fahren muss man, leben muss man nicht.» Den Kostgängern der wohltätigen Stiftung, Kapitänen im Ruhestand und Witwen von Fahrensleuten, könnte auch keiner verschweigen, dass mit Notwendigkeiten, sind sie erst einmal in der Welt, auch das Lebensrisiko steigt. Insofern artikuliert der Satz des Pompejus, neben seiner metaphorischen Dimension, noch einen unmittelbar überlebenspraktisch gemeinten moralischen Vorbehalt: Wer sich in Gefahr begibt, kommt in ihr um. Mit dem Schiffbruch gerät das möglicherweise ungute Ende, zu dem die pompejanische Ermunterung führen könnte, noch einmal in den Blick. Das Zögern der reiseunwilligen Matrosen hat seinen benennbaren Grund. Allerdings überlagert auch dabei die Metaphorik den eigentlichen Anlass zur Furcht. Nicht der absehbare biologische Tod, sondern die Warnung vor der Möglichkeit katastrophischer Ereignisse in der allgemeinen Lebensführung steht im Zentrum der Aussage. Gegenstand der Rede sind die vom menschlichen Wagemut herbeigerufenen Metamorphosen des Individuums, zu denen sich philosophische Auslegungen in bunter Vielfalt herbeidenken lassen.
Bemerkenswert an der von Pompejus begründeten Tradition bleibt, dass sie bis heute nicht vollständig ins Beliebige abzustürzen vermochte. Davor bewahrt sie offenbar ihre Bindung an eine nicht bis ins letzte auszurechnende Naturgewalt. Auch mit Sarkasmus ist ihr nicht beizukommen. «Lassen Sie's sanft untergehen», riet der amerikanische Schriftsteller Elbert Hubbard auf der «Titanic» den Offizieren, die sich an der Rettung der Passagiere versuchten. Hubbard überlebte und kehrte drei Jahre später auf der «Lusitania» nach Europa zurück. Das Schiff wurde vor Bishop Rock von einem deutschen U-Boot versenkt.