DIE FRAGE mag trivial erscheinen. Sex ist doch das Naturprinzip, dank dem sich die Lebewesen fortpflanzen; der biologische Mechanismus, wodurch Eltern zu Kindern kommen und so trotz physischem Tod genetisch weiterleben. Und wenn man sieht, mit welcher Hingabe und welchem Raffinement Sex von den unterschiedlichsten Lebewesen jahrein, jahraus betrieben wird, kann an der Wichtigkeit der Sache kein Zweifel sein.
Und doch. Was für die Biologen früherer Zeiten keiner Erklärung bedurfte, löste in den letzten Jahrzehnten grundsätzliche Diskussionen aus. So bezeichnete der englische Zoologe Colin Tudge unlängst in seinem Buch «Wir Herren der Schöpfung» Sex als eine der abartigsten Erfindungen der Biologie, denn als Mittel zur Fortpflanzung sei er nicht nur ineffizient, sondern auch gefährlich. Zum Zweck der Fortpflanzung genügt tatsächlich ein Zweiteilen des Individuums, wie es etwa die Amöbe sehr erfolgreich praktiziert. Bei dieser ungeschlechtlichen Fortpflanzung werden aus einer Zelle zwei - simpel, logisch und ohne langwieriges Händchenhalten. Tun sich aber Elefanten oder Menschen zwecks Reproduktion zusammen, entsteht, trotz grossem Theater, aus zwei Zellen nur ein Nachkomme, was nicht sehr produktiv ist.
Sex ist zudem gefährlich. Allein die Zeit, die es braucht, um einen Geschlechtspartner zu finden und mindestens bis nach dem Vergnügen bei der Stange zu halten, ist enorm. Wertvolle Zeit, während deren man sich nicht dem Fressen widmen kann. Gefährliche Zeit auch, denn die Balz macht die Verliebten für Risiken blind. Die Freier leisten sich allerhand Putz, von den protzigen Schwanzfedern des Pfaus über das umständliche Geweih des Hirsches bis zum leuchtenden Farbenkleid so mancher Fisch- und Vogelart - eine Auffälligkeit, die das Verstecken vor Räubern erschwert und auf der Flucht zur tödlichen Behinderung werden kann.
Der Kiltgang selber ist dann alles andere als ein Bummel: Meist bewerben sich mehrere Kandidaten um einen potentiellen Geschlechtspartner, was kräftezehrende Rauferei und gelegentlich sogar mörderischen Waffengang nötig macht. Und ist die Kopulation glücklich überstanden, kann es dem Liebhaber passieren, dass ihn sein Schatz kurzerhand auffrisst, wie etwa bei manchen räuberischen Spinnen und Skorpionen. Nicht genug der Unbill, wird Sex durch den Körperkontakt zur feuchten und klebrigen Sache - ein perfektes Milieu für Parasiten und ein idealer Nährboden für die Ausbreitung von Infektionen.
Sex als Fortpflanzungstechnik hat ausserdem das Handicap, dass er nur funktioniert, wenn in der Tat ein Partner gefunden wird. Ein ziemliches Problem für Tiere wie die Entenmuschel, eine Krebsart, die als ausgewachsenes Tier fest an Treibholz oder Schiffen sitzt. Da hier Männchen und Weibchen nicht zueinander kommen können, legt sich das Weibchen in der Jugendzeit ein parasitisches Männchen zu: eine Samentasche, die dauerhaft am Körper der Weibchen festgemacht ist.
Bei einem solchen Rattenschwanz von Nachteilen kann man über die Beliebtheit von Sex nur den Kopf schütteln. Und wer als Neunmalkluger meint, Sex sei in der Natur so verbreitet, weil er (uns) Tieren halt Spass mache, vergisst, dass die Lust nur ein Trick der Natur ist, die Akteure für die höchst heikle Angelegenheit zu motivieren.
Wozu also Sex? Schon Darwin wusste, dass Sex jener Mechanismus ist, der überhaupt erst die heutige Vielfalt pflanzlichen und tierischen Lebens ermöglichte. Zwar kann sich eine Tierart auch ungeschlechtlich verändern, indem im Genmaterial laufend Mutationen passieren. Solche zufälligen Einzelmutationen sind aber fast immer für das Lebewesen nachteilig. Erst wenn Mutationen in geeigneter Kombination zusammenspielen, ist ein Vorteil für das Individuum zu erwarten. Während sich nun bei der ungeschlechtlichen Vermehrung nur immer die Mutationen des einen Lebewesens aneinanderreihen, wird mit Sex bei jeder Generation das Erbgut verschiedener Individuen neu kombiniert - ein gewaltiges Spielfeld genetischer Vorschläge, von denen dann der eine oder andere etwas besser in die jeweilige Umwelt passt. Eine natürliche Selektion wird möglich.
Dank dieser genetischen Wandelbarkeit kann Leben aber auch ungewohnte Lebensräume erobern und sich über die zahlreichen Generationen hinweg höher entwickeln. So einleuchtend sexuelle Fortpflanzung als Vorbedingung für die Evolution ist, erklären lässt sich Sex damit trotzdem nicht. Denn entgegen der lange verkündeten Meinung, Männchen und Weibchen pflegten das anspruchsvolle genetische Joint venture aus Gruppeninteresse mit dem Ziel, ihre Art gegenüber andern Tierarten tüchtiger zu machen, sind sich die Biologen heute einig, dass ein Lebewesen immer nur den Erfolg seiner persönlichen Gene sucht. Das Individuum weiss nichts von all den prächtigen Modellverbesserungen, die künftigen Generationen zukommen mögen, falls es anstelle der ungeschlechtlichen Fortpflanzung die Karte Sex spielt.
In der Tat war in den frühen biologischen Zeiten die ungeschlechtliche Reproduktion die Regel. Und auch heute noch gibt es neben Mikroorganismen wie den Bakterien mehr als 15 000 Tierarten, die sich mit Vorliebe ungeschlechtlich fortpflanzen und nur gelegentlich eine Sexrunde einschieben. So sind alle Blattläuse auf der Knospe eines Rosenzweigs genetisch identische Mitglieder eines Klons, der auf eine einzige (sexuell gezeugte) Blattlaus zurückgeht. Auch Ameisen und Bienen und sogar Truthühner können sich ohne Zufuhr fremder Gene vermehren.
Etwa tausend Tierarten, darunter manche Fische und Echsen, sind sogar völlig asexuell, und die Weibchen produzieren den Nachwuchs per Jungfernzeugung. Eine zumindest kurzfristig lohnende Sache, denn durch den Verzicht auf Männchen, die nur fressen und kopulieren und sich nicht um die Aufzucht der Jungen kümmern, kann die nur aus Weibchen bestehende Tierpopulation sich verstärkt auf das Muttersein konzentrieren. Der Vergleich eingeschlechtlicher Eidechsenpopulationen mit zweigeschlechtlichen Arten ergibt bereits nach drei Jahren einen fast dreimal so grossen Zuwachs. Dass solches Ausschalten der Männerwelt bei der einzelnen Tierart allerdings nicht sehr alt sein kann, zeigt das Verhalten zölibatärer Eidechsenweibchen: Bei 6 der 15 eingeschlechtlichen Rennechsenarten kann sich ein Weibchen erst fortpflanzen, wenn es von einem andern Weibchen mit typisch männlichem Balzritual, einschliesslich einer Pseudokopulation, bedient worden ist.
Langfristig jedoch schlittert jede asexuelle Tierart in die Sackgasse der genetischen Degeneration und geht nach weniger als 100 000 Generationen an der Häufung nachteiliger Mutationen zugrunde. Trotzdem hat in den Flüssen Mittel- und Südamerikas der Amazonenkärpfling überlebt, eine Fischart mit ausschliesslich Weibchen, die bereits seit über 500 000 Generationen Jungfernzeugung betreiben. Untersuchungen brachten zutage, dass sich die Amazonen gelegentlich kleinste Mengen fremden Genmaterials bei den Männchen verwandter Fischarten ausleihen.
So vorteilhaft und nötig Sex für eine langfristige Weiterentwicklung auch ist - um als Variante zur ungeschlechtlichen Fortpflanzung in der Natur überhaupt Fuss fassen zu können, musste er dem Individuum auch kurzfristigen Vorteil bieten. Plausible Antworten haben die Biologen erst in den letzten zwanzig Jahren geliefert.
Die heute am meisten favorisierte Hypothese schlug Ende der siebziger Jahre der Engländer William Hamilton vor: Lebewesen stehen nicht nur im Kampf mit ihren äusseren Konkurrenten und Feinden, sie müssen sich auch ständig nach innen wehren. Pausenlos versuchen Parasiten den Körper zu besiedeln; nur ein tüchtiges Immunsystem kann die mikrobische Attacke parieren. Da Parasiten aber rasch mutieren, sich schnell vermehren und ihre Eigenschaften durch Gentausch immer wieder ändern, ist es für den Wirt wichtig, sein genetisches Inventar (und damit seine Abwehrmöglichkeiten) ebenfalls schnell und vielseitig zu variieren. Da sexuelle Fortpflanzung die Kinder sowohl von den Eltern als auch innerhalb der eigenen Generation genetisch unterschiedlich prägt, stehen die Parasiten laufend vor neuen Aufgaben.
Mittlerweile haben Computersimulationen wie auch Naturbeobachtungen Hamiltons Hypothese erhärtet. Sex fand also höchstwahrscheinlich seinen Weg in die Welt als Überlebensstrategie gegen Bakterien, Viren, Pilze und Würmer. Warum auf dem prosaischen Fundament jetzt beim Homo sapiens ganze Paläste mehr oder weniger edler Gefühle ruhen, ist eine andere Geschichte.