Es gibt Leute im Land, die lassen an ManU kein gutes Haar. Eines müssen aber auch sie zugeben: Nirgends wird schöner gegrölt, gejault, geschrien, geplärrt und, ja, gesungen, als bei ManU. Mehr noch: Während mindere Teams zur banalen Melodie von «Hey Baby» oder «Ferry Across the Mersey» auf den Rasen schleichen, erfreut der gemischte Chor von ManU die Ohren der Spieler jede Woche mit neuen Schlagern. Das ist Boyles Verdienst. Peter Boyle kann weder singen noch Gitarre spielen, noch Melodien erfinden, noch gar tanzen, was ihn weder vom Singen noch vom Reimen, noch vom Tanzen abhält. Seine durchgeschüttelten Reime tun der schönen englischen Sprache viel Gewalt an. Wenn es um die siegbringende Stimmung seiner Idole geht, kennt er keine Schamgefühle.
Ein überragendes Talent hat er nämlich: er ist ein gesegneter Exhibitionist. Einer, der es nicht versäumt, in Sachen Spass konsequent auf den eigenen Vorteil zu schauen. «Ich bin ein verhinderter Rockstar!», dröhnt es durch den Pub, den für ein Treffen mit ihm obligaten Ort. «Wenn ich schon kein richtiger Rock’n’Roll-Star sein kann, dann will ich wenigstens ein Rock’n’Roll-Leben führen. Und glaub mir – das tue ich!» Ein bisschen richtiger Rockstar ist er sowieso: Wenn Boyle im Stadion ankommt und sich auf den Sitz zubewegt, in den er kaum passt, johlt es ihm von rundum zu: «Boooyle, give us a song!» Das erfüllt den Star und Volkshelden mit Stolz. «Meine Tochter, sie heisst übrigens Laura Jane Cantona Boyle, meinte jahrelang, mein richtiger Name laute Peter Boyle-give-us-a-song!»
Geboren 1970, wuchs Peter Boyle in einer «typischen Arbeiterfamilie» auf, die seit Generationen die Geschicke von ManU verfolgt hatte. Für seinen Vater hat er Respekt, nur eins habe er nicht getan: dem Sohn die Vorteile von Tatendrang beizubringen. Mit vier Jahren besuchte Peter sein erstes Spiel in Old Trafford. Mit sieben hatte er sein Team bei zwei Cup-Finals in Wembley bewundern können. Mit dreizehn stand er währ end des Spieles erstmals auf und sang ein Lied.
1993 gewann ManU den Meistertitel. Es war das Jahr, als Boyle seine ersten Schritte Richtung Starruhm tat. Er hatte angefangen, Pophits und Volkslieder mit neuen Texten für ManU-Supporter zu versehen. Jetzt veröffentlichte er die erste Kassette – betitelt «Songs from the Bathtub», weil ihm die Lieder alle in der Badewanne eingefallen waren. Es schadete seiner Publicity nicht, dass er kurz darauf einer Wette zuliebe nackt über den Rasen von Crystal Palace rollte. Er fing an, seine flotten Texte zu vervielfältigen und vor dem Match im Pub zu verteilen.
Nach einer weiteren Kassette – «Bathtub Revisited» – kam 1995 der Durchbruch. Am 23. Januar 1995 flog der allseits angehimmelte Eric Cantona bei Crystal Palace ins Publikum, um einen unflätigen Supporter mittels Kung-Fu-Kicks mundtot zu machen. Das restliche Land verlangte lautstark eine lange Sperre für den Franzosen. Boyle aber schleppte einen Haufen Freunde und Bierdosen ins Studio und nahm die Single «Eric the King» auf. Sie schaffte es auf Rang 82 in den Popcharts. Boyle fuhr für Cantonas Gerichtstermine zwecks moralischer Unterstützung nach London, verfolgte die Verhandlungen und unterhielt in den Pausen die versammelte Presse mit Faxen. Man wusste es ihm zu danken. «Beim Gedenkspiel für die Opfer von München lehnte sich Isabelle Cantona, Erics Frau, zu mir herüber und sagte: ‹’ello Peter›», erzählt er.
Dann folgten «From Beyond the Shower Curtain» und «Chantin’ Boozey in a Jacuzzi». Boyles Methode blieb dieselbe. Als enzyklopädischer Fan von englischer Gitarrenmusik aus den 80er Jahren verfügte er über einen reichen Schatz von Melodien. So wurde etwa aus «Love Will Tear Us Apart» von Joy Division «Giggs Will Tear You Apart». Die Stars von ManU wissen seine Liebesmühe zu schätzen, sie spielen ihm Zutrittskarten für die Players’ Lounge zu. Brian McClair trifft er regelmässig zum Bier. Die Brüder Neville haben es immer gut mit ihm gemeint. Teddy Sheringham, Raimond van der Gouw und viele andere hätten auch schon in die Tasche gegriffen. «Mit David Beckham spreche ich zwar selten, aber noch jedes Mal war er freundlich zu mir. Seine Eltern, Ted und Sandra – für die bin ich Familie.»
Jetzt, rechtzeitig auf ManU gegen den FC Basel, erscheint Boyles neueste Kassette, «Pete’s Plughole Pleasers». Beim Hinspiel hatte der Teilzeit-DJ in einer Basler Iren-Bar seine Lieblingsplatten gespielt und seine Lieblingslieder gesungen. Er hofft, mit der Idee eine neue Einnahmenquelle für Auswärtsspiele geortet zu haben. Denn eine solche braucht er dringend. Nach sieben Jahren verlor er seinen Bürojob. Seine Partnerin hat ihn nach der Geburt einer zweiten Tochter verlassen. Die Zeiten seien hart, sagt er. «Die neue Kassette wird mich ein paar Monate über Wasser halten.»
Aber letztlich ist ihm in seinem Rock’n’Roll-Leben nur eines wichtig: «Wenn ich das Geld habe, jeden ManU-Match zu sehen, bin ich glücklich.»
Der Kulturjournalist Hanspeter Künzler lebt in London.