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Von Tieren -- Knallharte Kapitalisten
Von Herbert Cerutti
«ZURÜCK ZUR NATUR», zum organischen Sein und Werden - das mag sich wünschen, wer vor lauter Technik, Kommerz und Bequemlichkeit die eigene Seele nicht mehr spürt. Denn das vom Menschen erworbene Wissen, das Raffinement seiner wirtschaftlichen Tätigkeit scheinen die Antithese zur Natur.
Wer sich allerdings für das Verhalten der Tiere interessiert und die neuere Forschung zur Kenntnis nimmt, stellt fest, dass die freie Wildbahn eine Welt voller Kapitalisten und knallharter Rechner ist. Dass dies so sein muss, folgt aus der Evolutionstheorie mit ihrer Lehre von der natürlichen Auswahl der Tüchtigsten. Denn nur ein konsequenter Verzicht auf jeden physiologischen und energetischen Luxus schafft jenen Vorteil im genetischen Gerangel, der schliesslich zu grosser Nachkommenschaft führt.
Die ökonomische Grundfrage des tierischen Arbeiters und Konsumenten lautet simpel: Wie viel Energieaufwand und Risiko kann ich mir leisten, um ein bestimmtes Ziel mit mehr Nutzen als Kosten zu erreichen? Sei die Tätigkeit nun das Sammeln von Nektar, das Jagen einer Beute, die Eroberung eines Geschlechtspartners oder die Aufzucht von Jungen - immer und überall zeigt die detaillierte Analyse, dass die Kreatur eine Strategie verfolgt, die eine neutrale bis positive wirtschaftliche Bilanz erbringt.
Dass sich das Tier in der Regel nichts dabei denkt, sondern sich auf Grund jahrtausendelanger genetischer Optimierung so und nicht anders verhält, tut der Grossartigkeit der natürlichen Effizienz keinen Abbruch. Vielmehr mag erstaunen, weshalb just die scheinbar intelligenteste aller Spezies in jüngerer Zeit den angeborenen Hang zu Sparsamkeit und Nachhaltigkeit so leichtfertig missachtet hat.
Zum Beispiel das Fressen. Insekten, die vom Nektar der Blütenpflanzen leben, machen für das Sammeln ein Zeit- und Energiebudget. Finden Hummeln beim Suchflug die sehr nektarreiche Goldrute, bleiben sie bis zu hundert Sekunden bei der einzelnen Blüte. Die winzigen Nektartröpfchen des Weidenröschens lohnen indes nur einen Konsumstopp von zwei Sekunden. In nektarreichen Gebieten klopft das Insekt pro Pflanze etwa ein Dutzend Blüten ab und sucht dann in der unmittelbaren Umgebung nach weiteren Pflanzen. Landet die Hummel jedoch in einer Vegetation mit niedrigem Nektargehalt, fliegt sie schon nach etwa zwei Blütenbesuchen eine tüchtige Strecke weiter, um eine ertragreichere Zone zu finden.
Muss die Hummel für lohnenswerte Blüten relativ weit fliegen, wird die Zeit zum limitierenden Faktor. Das Insekt fliegt deshalb schneller und zahlt mit höherem Treibstoffverbrauch. Ein dünneres Nahrungsangebot verlangt indes nach tieferen Flugkosten, weshalb jetzt ein energiesparender Langsamflug angebracht ist. Sinkt bei garstigem Wetter die Aussentemperatur beispielsweise auf 10 Grad Celsius, hält die Hummel die Flugmuskulatur auch während des Blütenbesuchs auf 32 Grad Betriebstemperatur, um nach dem Konsum unverzüglich weiterziehen zu können. Dies macht das Tier jedoch nur bei ergiebigen Quellen wie Rhododendronblüten, während etwa Wildkirschen den kombinierten Flug- und Heizaufwand nicht lohnen.
Der Austernfischer, ein weitverbreiteter Strandvogel, ernährt sich von Muscheln. Diese muss er erst finden und nachher mit dem Schnabel durch Hämmern und Stochern öffnen. Die meisten der Muscheln sind weniger als 30 Millimeter lang und relativ leicht zu öffnen. Berechnet man aber den Kalorienertrag pro Minute Such- und Öffnungszeit, lohnt sich für den Vogel, nach den seltenen und schwieriger zu knackenden grossen Kalibern zu suchen. Eine Modellrechnung liess auf eine bevorzugte Muschellänge von 50 Millimetern und mehr schliessen. Die Beobachtung ergab indes, dass der Austernfischer sich auf mittelgrosse Muscheln zwischen 30 und 45 Millimetern konzentriert. Nach genauerem Hinsehen merkten die Zoologen, dass die grössten Muscheln häufig mit Seepocken verkrustet und deshalb besonders schwierig zu öffnen sind.
Die Optimierungsrechnung der an der nordamerikanischen Pazifikküste lebenden Sundkrähe hat eine flugtechnische Komponente. Dieser Vogel schätzt Wellhornschnecken, deren Schale er durch Fallenlassen auf einen Felsen knackt. Die Sundkrähe wählt nur grosse Schnecken und steigt für den Abwurf etwa 5 Meter hoch. Knackt der erste Aufprall die Schale nicht, versucht der Vogel es immer wieder mit dem gleichen Exemplar. Um hinter die Krähenökonomie zu kommen, baute der Verhaltensforscher Reto Zach einen 15 Meter hohen Turm und liess verschieden grosse Wellhornschnecken aus unterschiedlicher Höhe fallen.
Das Ergebnis: Für jede der getesteten Höhen benötigten die grossen Schnecken am wenigsten und die kleinen am meisten Abwürfe, bis sie zerschmetterten. Für grosse Exemplare nimmt unterhalb einer Abwurfhöhe von etwa 5 Metern die Bruchwahrscheinlichkeit stark ab; grössere Höhen aber bringen nur noch kleine Verbesserungen.
Und weshalb hält die Krähe nach erfolglosem Bombardement am Objekt fest? Der Versuch zeigte, dass eine grosse Schnecke aus 5 Metern Höhe mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent zerschmettert - und zwar unabhängig davon, wie oft sie schon den Aufprall erdulden musste.
Optimierung auch beim Nicht-Gefressenwerden. In Costa Rica mass man das Flugtempo verschiedener Schmetterlingsarten mit Hochgeschwindigkeits-Filmaufnahmen, und man bestimmte die Häufigkeit, mit der die einzelne Art erbeutet wird. Von den schnellen Schmetterlingen konnten bis zu 80 Prozent dem Vogelangriff ausweichen; die langsamsten erlagen meist dem ersten Angriff.
Die Geschwindigkeit hat indes ihren Preis. Die Schnellflieger müssen über 40 Prozent ihres Körpergewichts in die Flugmuskulatur investieren und haben einen entsprechend mageren Hinterleib. Bei den Langsamfliegern dagegen entwickeln die Weibchen im Abdomen viel grössere Eierstöcke, sie kompensieren das kürzere Leben durch eine höhere Fortpflanzungsrate.
Ein spezifisches Verhalten im Tierreich mag noch so unverständlich sein, genaueres Erforschen zeigt fast immer eine austarierte Bilanz von Aufwand und Ertrag. So lässt sich das Spinnenmännchen noch während der Kopulation vom Weibchen fressen - denn sein eigener Körper ist eine valable Investition in die Ernährung der heranwachsenden Brut.
Wirtschaftlichkeit ist auch dort wichtig, wo extreme Aktivität die körperlichen Reserven aufzehrt. Etwa beim Kampf um Territorien und Geschlechtspartner. Männchen, die sich für das gleiche Weibchen interessieren, wenden erst viel Energie für Brüllen, Stampfen, Scheinattacken auf. Nur wenn sie sich ebenbürtig fühlen, investieren sie in den kräfteraubenden, manchmal fatalen Nahkampf.
Sind Tiere in ihren wirtschaftlichen Entscheiden unfehlbar? Vor dreissig Jahren entbrannte unter Evolutionstheoretikern die Diskussion, ob Tiere gelegentlich den gleichen Fehler machen wie jene Menschen, die sich bei wirtschaftlichen Entscheiden eher an den erlittenen Verlusten als an künftigen Gewinnchancen orientieren. Gemäss Evolutionslogik dürfte es dieses Verhalten eigentlich nicht geben.
Untersucht wurde das Phänomen, ob und wie stark sich Tiere für ihre Brut wehren. Bei Spatzen wurde beobachtet, dass die Brut im Verlauf ihrer Entwicklung immer heftiger verteidigt wird. Als Erklärung mag man zwar an die getätigte Investition denken. Letztlich erhält aber der künftige Nutzen das Übergewicht, denn bei der heranwachsenden Brut werden die verbleibenden Aufzuchtkosten laufend kleiner. Wie zukunftsbezogen das animalische Verhalten ist, zeigt auch die Hausmausmutter, die eine kleinere Jungenschar weniger heftig verteidigt als eine grössere - selbst wenn die kleine Schar der Rest eines ehemals grossen Wurfs ist und somit in beiden Fällen die ursprüngliche Investition ähnlich gross gewesen ist.
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