NZZ Folio 01/05 - Thema: Bomben   Inhaltsverzeichnis

Die Rache des Erfinders

Er suchte Glück und Gerechtigkeit. Als er sie nicht bekam, schuf er sie sich selber. Die Geschichte des ersten Briefbombenattentäters der Welt.

Von Mikael Krogerus

Seltsamerweise war das flache, auffallend schwere Kistchen in Papier gewickelt. Direktor Karl Fredrik Lundin begutachtete erstaunt das Paket auf seinem Schreibtisch. Vorsichtig löste er mit einem Brieföffner die mit Lack versiegelte Schnur und entfernte das Papier. Der an den Enden abgerundete Behälter war aus Holz, vermutlich Mahagoni, der Deckel verschlossen mit zwei kleinen Haken. Lundin schob sie beiseite und versuchte den Deckel zu öffnen. Er spürte einen Widerstand. Irritiert griff er fester zu und zog den Deckel mit einem Ruck hoch.

Die erste Briefbombe der Menschheitsgeschichte explodierte am Freitag, dem 19. August 1904, in Stockholm im Büro des Direktors der schwedischen Zentrifuggesellschaft. Sie verbrannte ihm das Gesicht, machte ihn fast blind. Das Feuer der Explosion breitete sich im ganzen ersten Stock aus, Angestellte sprangen in Panik durch die Fensterscheiben auf die Strasse. Die Briefbombe war ein 19 Zentimeter breiter und 30 Zentimeter langer Holzkasten, in die vordere Längsseite waren von innen Löcher gebohrt und mit groben Revolverpatronen bestückt worden. Der Zündmechanismus, ausgelöst durch das Anheben des Deckels, blieb den Kriminaltechnikern vorerst ein Rätsel.

Wenige Tage nach dem Attentat erreichte ein Bekennerschreiben die Geschäftsführung: «Verlassen Sie Ihre Position bei der Zentrifuggesellschaft, dies war die erste Warnung!» Bei der Analyse des Papiers entdeckten die Techniker den schwachen Abdruck eines Namenszugs, der offensichtlich von einem Dokument stammte, das als Unterlage beim Verfassen des Bekennerschreibens gedient hatte: G. Wahlenius. Es war der Name des früheren Geschäftspartners Lundins. Der Fall schien erledigt. Der Haftbefehl war bereits ausgestellt, als Gustaf Lidberg, ein junger Kriminalbeamter, das Wort ergriff. Er erklärte seinen Kollegen, der Schreiber habe mit Absicht den Abdruck des Namens unter das Schreiben gesetzt, um die Polizei auf die falsche Fährte zu locken. Verhöre bestätigten Lidbergs These und Wahlenius’ Unschuld. Lidberg wurde Chef der «Sonderkommission Briefbombe».

Fast neun Monate ruhte der Attentäter.
Am 4. Mai 1905 brachte ein Kurier dem Anwalt Alfred Valentin in Stockholm ein Paket in Form eines zylindrischen Holzbehälters. Valentin mochte das fehlende Porto nicht begleichen und verweigerte die Annahme. Zurück auf dem Postamt, öffnete der Kurier Johan Gottfried Sundvall die Sendung aus Berlin. Sie enthielt ein schlankes Parfumflacon. Neugierig versuchte er den Korkpropfen zu lösen. Die Flasche explodierte in seinen Händen. Der junge Mann verlor alle Finger der rechten Hand, hatte Glasscherben in den Augen, einen fingerdicken Holzsplitter im Kiefer. Oberbriefträger Gustaf Nyberg, der mehrere Meter von der Detonation entfernt gestanden hatte, erlitt schwere Verbrennungen am ganzen Körper.

Der von der schwedischen Presse zur «valentinschen Parfumaffäre» stilisierte Anschlag war Chefermittler Lidberg ein Rätsel. Die Glasflasche war mit Schwarzpulver gefüllt gewesen, der komplizierte Zündmechanismus, über Drähte mit dem Korken verbunden, rief bei den Sprengstoffexperten schaudernde Bewunderung hervor. Offenbar hatte allein die Reibung der Drähte am Schwarzpulver beim Herausziehen des Korkens die Detonation ausgelöst. Noch nie hätten sie eine derart raffinierte Bombe gesehen, zumal versteckt in einem Parfumflacon, dem «Gefäss der sinnlichen Weiblichkeit». Noch mehr Verwirrung stiftete das handschriftliche Bekennerschreiben; es stammte aus Deutschland von einem Antisemitischen Verein Berolina. In deutscher Sprache verfasst, hetzte es gegen den «jüdischen Parasiten» Valentin, der einem jungen böhmischen Kellner in Berlin Geld schulde. Gustaf Lidberg veranlasste eine graphologische Analyse des Briefes und einen Vergleich mit dem Bekennerschreiben des ersten Attentats. Selber eilte er unverzüglich nach Berlin. Konnte wirklich ein deutscher Kellner imstande sein, eine derart komplizierte Briefbombe zu konstruieren? Schliesslich fand man den vermeintlichen Absender, einen verwirrten Kellner namens Franz Szapek, der weder schreiben konnte noch Bomben basteln.

Aufschlussreicher war die Schriftanalyse. Die Urheber der beiden Briefe waren identisch, die Handschrift verriet überdies: Das Wort «Tisdag» (Dienstag) war, für das Schwedische untypisch, mit grossem Anfangsbuchstaben geschrieben und der Beginn des Wortes korrigiert worden, als ob der Schreiber ursprünglich Tuesday habe schreiben wollen. Die Graphologen schlossen unter anderem daraus, dass der Mann schwedischer Muttersprache, aber vermutlich seit längerem im englischsprachigen Raum beheimatet sei. Statt des im Deutschen üblichen i-Punkts hatte der Schreiber ein nur im Schwedischen übliches umgekehrtes Kommazeichen über dem i verwendet. Auch fehlte der damals deutschtypische Querstrich über dem u, der es vom ü unterscheidet. Die Experten waren sich einig: Dieser Brief war von einem wahrscheinlich in England lebenden Schweden mit sehr guten Deutschkenntnissen, nicht aber von einem Deutschen geschrieben worden.

Als der Fall aufgeklärt war, schrieb Lidberg 1919 seine Erinnerungen an die Jagd auf den Täter nieder, «Das Genie, der Verbrecher». Eines der seltenen erhaltenen Exemplare dieses Buches ist in der Königlichen Bibliothek Stockholm zur Ansicht aufbewahrt. Detektiv Lidberg beschreibt die lähmende Fahndung nach dem Briefbomber: «Das Dunkel um die beiden Attentate schien mir immer undurchdring licher. Bis ein mit unglaublicher Dreistigkeit durchgeführtes Attentat mit einem Mal den Schleier von den systematisch geplanten Verbrechen lüftete und die grausamen Hintergründe zutage treten liess.»

Kurz nach den grossen Streiks im Oktober 1909, in einem für das moderate Schweden aussergewöhnlich verbitterten politischen Klima, meldete sich der Attentäter nach vier Jahren zurück. Die Boulevardzeitung «Aftonbladet» erhielt einen Brief, geschrieben von einem bis dahin unbekannten «Sozialdemokratischen Gerichtshof»: «Wir nehmen es in die Hand, die gesellschaftlichen Verbrecher, Bankiers, Redaktoren zu bestrafen. Wir glauben an die wundersame Wirkung einer Bombe hie und da. Die Todesstrafen werden nun vollstreckt, die Reihenfolge ist per Los bestimmt.» Unterzeichnet war der Brief mit Justus Felix.

Zwei Tage später traf es John Hammar, Direktor der schwedischen Exportvereinigung. In seinem schlanken Päckchen befand sich ein etwa 15 Zentimeter langer, schwarzer Pappzylinder mit einem kleinen Etikett: «Tabellen. Das Francsystem und Gehälter.» Der Hinweis auf das Francsystem – den Versuch, nordeuropaweit eine einheitliche Währung einzuführen, für die er leidenschaftlich eingetreten war – machte Hammar neugierig. Er öffnete die Verschlusskappe des Zylinders, fand ein blaugelbes Seidenband und zog kräftig daran. Der Zylinder explodierte. Erblindet stürzte Hammar aus seinem Büro, mit versengtem Gesicht, zerrissener Kleidung. «Ich bin angeschossen», schrie er, seine blutenden Stümpfe in die Höhe haltend und «ein schmerzvolles Zittern in der Stimme unterdrückend», wie seine Sekretärin später der Polizei zu Protokoll gab. Das Bekennerschreiben ging wenig später bei der Stockholmer Tageszeitung «Dagen» ein. Handgeschrieben. Es sollte dem Briefbomber zum Verhängnis werden.

Der Abdruck des Briefes in «Dagen» löste eine Angst in der Bevölkerung aus, wie sie sich in der vorbildlich ruhigen schwedischen Demokratie später, im 20. Jahrhundert, immer wieder mal ausbreiten sollte: bei der Exekution streikender Arbeiter 1931 in Ådalen, nach dem Olof-Palme-Mord, nach dem Attentat auf Anna Lindh – oder Anfang der 90er Jahre, als John Ausenius, der Lasermann, innerhalb eines Jahres wahllos zwölf Einwanderer erschoss. Die Schweden gingen damals selbst im tiefen Winter ohne Mütze auf die Strasse, um sich dem Täter als blond und also als Nichteinwanderer kenntlich zu machen.

Ähnliches muss sich 1909 zugetragen haben, als die Leute panisch Pakete retournierten und Geschenke ungeöffnet zur Polizei brachten. Mitten in dieser Hysterie entschied sich der Bomber, sein Repertoire auszuweiten: Eine raffinierte Minibombe, versteckt in einem Füllfederhalter, schickte er an Direktor Johan Sjöholm in Göteborg. Der «Sozialdemokratische Gerichtshof» hatte Direktor Sjöholm der «Verbrechen an der Arbeiterklasse» für schuldig befunden, wie ein Schreiben an die «Göteborg Handels- und Seefahrtszeitung» kundtat. Sjöholms Sohn fand das Paket auf dem Schreibtisch des Vaters, öffnete es, untersuchte neugierig den Füllfederhalter, schraubte ihn auseinander. Wie durch ein Wunder detonierte die Bombe nicht.

Die linke Presse sympathisierte mit dem «Gentleman-Bomber», die bürgerliche verdächtigte mal Kommunisten, mal russische Anarchisten, mal einen Feind in den eigenen Reihen und dann wieder den leitenden Redaktor der Konkurrenzzeitung. Chefermittler Lidberg fasste den Ermittlungsstand zusammen: Der Briefbomber war ein Serientäter, der die Opfer offenbar persönlich kannte; ihm fehlte aber der Wille, ihnen gegenüberzustehen, und er verspürte keinen Zwang, sie mit eigenen Augen leiden zu sehen. Vermutlich genoss er die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und die Angst der Bevölkerung. Er schien ein belesener, gereister Mann zu sein, der fliessend Deutsch sprach und sich vielleicht immer noch im englischsprachigen Raum aufhielt. Weiter hatte der Täter ein enormes technisches Talent und eine an Leichtsinn grenzende Freude, die Ermittler durch falsche Bekennerschreiben zu täuschen.

Dann kam der Sonntagabend des 10. Oktober 1909. Alf Larsson sah in der Zeitung «Nya Dagligt Allehanda» die handschriftliche Drohung an das dritte Opfer, John Hammar. Larsson fiel sofort die geschwungene Schrift auf – sie erinnerte ihn an die Handschrift eines alten Freundes und Geschäftspartners. Buchstabe für Buchstabe verglich Larsson sie mit einem Schreiben, das er von Doktor Martin Ekenberg erhalten hatte: Sie stimmten überein.

Kurz darauf wurde der Haftbefehl gegen Martin Ekenberg ausgestellt. Der Schwede, promoviert in Deutschland, lebte in London. Zwei schwedische Ermittler reisten nach England zur Einvernahme. Ekenberg, überrascht, aber besonnen, stritt alles ab. Die «Englandschweden», eine Clique gutsituierter Londoner Geschäftsmänner, stellten sich geschlossen hinter ihren Freund Ekenberg und vermittelten ihm den königlichen Berater Bodkin, einen der tüchtigsten Anwälte Londons. Beschämt telegrafierten die Detektive nach Stockholm, der Doktor mache «nicht im Geringsten» den Eindruck eines Serientäters. Doch Ermittler Gustaf Lidberg glaubte weder seinen Detektiven noch Ekenberg: Lüge setzt die Kenntnis der Wahrheit voraus, notierte er in seinen Almanach. Und machte sich auf nach London.

Kaum war er dort, schien der Verdächtige Ekenberg wie verwandelt. Er klagte, seine Kopfhaut sei so weich, dass er seine Finger «bis ins Hirn stossen» könne. Ein besorgter Freund wies ihn in eine Anstalt ein. Lidberg dachte: Das angeschossene Tier täuscht Geistesschwäche vor! Er verschaffte sich Zutritt zu Ekenbergs Wohnung – und fand eine Bombenwerkstatt: Zündköpfe, Patronen, sauber archi vierte Zeitungsausschnitte über die Attentate und eine kleine Druckerei, die Ekenberg für den Briefkopf des «Sozial demokratischen Gerichtshofs» benutzt haben könnte. Ein klarer Fall. Doch Martin Ekenberg leugnete weiter.

Wenige Stunden nach der ersten erfolglosen Anhörung legte Detektiv Lidberg ein weisses Blatt Papier auf seinen Schreibtisch. Mit sauberer Schrift schrieb er: «Wer ist Martin Ekenberg?» Es dauerte ein halbes Jahr, bis er die Fakten zusammengetragen hatte. Dabei zeigte er ein für die damalige Zeit erstaunlich weitsichtiges Interesse an den Motiven und dem sozialen Hintergrund des Täters.

Martin Ekenberg wurde 1870 im südwestschwedischen Töreborda geboren. Der Sohn einer Zigeunerin und eines Krämers war ein hochbegabtes, ein schwieriges Kind. Als er einmal auf einem Schiff eine Silberuhr stahl, entdeckt wurde und dann mit Hilfe seines Vaters die Schuld dem besten Freund in die Schuhe schob, war Martin Ekenberg nur gerade elf Jahre alt. Aus dem Sohn wurde ein Chemiker, aus dem Vater ein Nichts. Und doch prägte der Alte, ein Mitglied der freikirchlichen Waldenström-Bewegung, bis zuletzt seinen einzigen Nachkommen. Das Pseudonym unter einigen Bekennerschreiben, Justus Felix, war eine Figur aus den zahlreichen Publikationen des Priesters Peter Waldenström und somit, wie Detektiv Lidberg folgerte, eine Hommage an den geliebten Vater. Im damals deutschen Königsberg promovierte Ekenberg in nur einem Jahr mit einer Arbeit über den «Fettgehalt der Kuhmilch». Zurück in Schweden, kämpfte der hochbegabte Sonderling um Anerkennung in dem Stand, den er im Geiste nie verlassen hatte, ohne ihm je angehört zu haben: der Kapitalistenelite des Fin de siècle, der Welt der Alfred Nobels und eben der Lundins, Valentins, Hammars und Sjöholms.

Immer wieder tauchte der junge Mann beim Patentamt auf mit originellen Einfällen, die oft gut waren, manchmal genial, aber unausgereift. Heute sind unter dem Namen Martin Ekenberg dennoch 34 Erfindungen registriert, un ter anderem die Ekenbergsche Trockenmilch und die schwim mende Fischfabrik für direkte Fangverarbeitung auf See.

Für die schwedische Separator AG wollte Ekenberg eine neue Methode zur Messung des Fettgehalts von Milch entwickeln. Er forschte wie ein Besessener an einer Versuchsanlage, bis dem Direktor das Vorhaben plötzlich unsinnig erschien und er das Projekt stoppte. Der Direktor war Karl Fredrik Lundin. Ekenberg merkte sich den Namen und stürzte sich in ein neues Projekt: Er wollte aus Heringöl billiges Maschinenöl raffinieren. Die Idee liess sich nicht umsetzen, weil jemand den Financier vor Geschäften mit Ekenberg gewarnt hatte. Der Jemand war John Hammar. Ekenberg merkte sich auch diesen Namen.

Nach weiteren aussichtslosen Erfindungen zog sich Ekenberg nach London zurück, wo er als Geschäftsmann dann doch noch erfolgreich wurde. Aber das Glück genügte ihm nicht, er wollte auch Gerechtigkeit: Als Justus Felix begab er sich auf seinen Rachefeldzug. Getrieben von unbändigem Hass auf jene, die sein Talent verkannt und seinen Aufstieg verhindert hatten, begann der Chemiker in seinem Londoner Labor die Arbeit an seiner erfolgreichsten Erfindung: der Briefbombe.

Detektiv Lidberg sah bei aller Abscheu in dem Täter Martin Ekenberg einen Menschen, der litt, der verzweifelt und einsam war und der ausser seinen Talenten nichts zu bieten hatte. Als auch diese ihm keinen Ruhm einbrachten, als er befürchten musste, dass seine Erfindungen Geschichten, aber keine Geschichte schreiben würden, sah er sich im Recht, sein ganzes Genie gegen die Menschheit zu richten. Seine Biographie handelte von der dunklen Seite des Fin de siècle, von der Verlorenheit des Verlierers in einer Welt der Gewinner. Bücher, schrieb Kafka, seien die Axt für das gefrorene Meer in uns. Für Ekenberg waren es Bomben.

Dr. Martin Ekenberg wurde nie verurteilt. Er starb am 7. Februar 1910 in seiner Zelle in Brixton. Die Obduktion ergab eine natürliche Todesursache, doch Detektiv Gustav Lidberg war zeitlebens überzeugt, dass Ekenberg sich selbst vergiftet hatte. Die «Times» würdigte ihn in einem Nachruf nicht als Schöpfer der Briefbombe, sondern als verkanntes Genie: «Der Mann ist vergangen, doch werden seine Erfindungen Bestand haben und möglicherweise zu neuen Industrien führen.»

Mikael Krogerus ist Mitglied der NZZ-Folio-Redaktion.


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