NZZ Folio 10/96 - Thema: Jenseits von Washington   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Lonesome George

Von Herbert Cerutti

ZEITLUPENGLEICH schiebt sich der grauglänzende Hügel durch das Aussengehege der Charles-Darwin-Forschungsstation auf der Galápagos-Insel Santa Cruz. Aus dem mächtigen Panzer ragt, einem Elefantenrüssel ähnlich, ein schrumpeliger Hals. Das Tier ist vermutlich gegen hundert Jahre alt. Man gab dem Männchen den Namen Lonesome George - weil es wohl das letzte Exemplar der Rasse Geochelone elephantopus abingdoni ist.

Die Entdeckung dieser Riesenschildkröte im Jahre 1972 auf der Insel Pinta war eine Sensation, denn man hatte hier zum letztenmal Elefantenschildkröten vor mehr als sechzig Jahren gesehen. Das nur 60 Quadratkilometer grosse Eiland im Norden des Galápagos-Archipels hatte in früheren Zeiten eine eigene Unterart des Reptils beherbergt. Und wie auf Pinta gab es an insgesamt 14 verschiedenen Galápagos-Orten spezifische Rassen. Sie alle stammten von einer vermutlich vor Jahrmillionen vom südamerikanischen Festland herübergedrifteten Urmutter ab.

Die Evolution passte die Tiere der spezifischen Vegetation der neuen Heimat an: Auf niedrigen, trockenen Inseln brauchen die Schildkröten, um an Büsche und Kakteen heranzukommen, einen langen, beweglichen Hals, was einen vorne wie einen Sattel hochgewölbten Panzer erfordert. Auf Inseln mit regenreichem Hochland dagegen gibt es Kräuterwiesen und dichtes Unterholz, wo sich vorteilhafter mit kuppelförmig gewölbtem Panzer leben lässt. Wie selektiv die Geographie beim Entstehen neuer Rassen sein kann, zeigt die Insel Isabela. Dort bildet eine Kette erloschener Vulkane grüne Bergkegel mit dazwischen liegenden Lavatälern. Die vegetationslosen Lavafelder wirken für die Reptilien wie Barrieren, weshalb heute jeder der fünf Hauptvulkane auf Isabela seine eigene Schildkrötenrasse hat. In den Tümpeln der Caldera des 1000 Meter hohen Vulkans Alcedo kann der Tourist nach einer beschwerlichen Tageswanderung die Tiere noch in ihrer urtümlichen Umgebung erleben.

Nachdem vor 400 Jahren ein Bischof die 1000 Kilometer vor der südamerikanischen Küste im Pazifik schlummernde Inselwelt entdeckt hatte und dort bald auch Seeräuber und Walfänger auftauchten, war es um den Frieden der sanften Riesen geschehen. Die Seefahrer packten jeweils Dutzende der bis zu 270 Kilogramm schweren und anscheinend sehr schmackhaften Tiere als Lebendkonserve in den Schiffsbauch - die Schildkröten können bis zu einem Jahr ohne Nahrung und Wasser vegetieren. So soll allein die amerikanische Walfängerflotte zwischen 1830 und 1900 über 100 000 Elefantenschildkröten konsumiert haben. Zudem richteten sich im 19. Jahrhundert erste Siedler auf Galápagos ein: Sie lauerten den Schildkröten an den Tränken auf, massakrierten die wehrlosen Tiere und kochten aus dem Speck ihrer Opfer Öl.

Im Jahre 1959 erklärte Ecuador 97 Prozent der Galápagos-Landfläche zum Nationalpark. Mittlerweile waren 3 der 14 Rassen von Elefantenschildkröten ausgestorben. Zur Verfolgung durch den Menschen war in neuerer Zeit die Bedrohung durch verwilderte Haustiere oder eingeschleppte Ratten gekommen. Katzen, Hunde und Ratten vergriffen sich an den jungen Schildkröten; Ziegen, Schweine und Esel zertrampelten die Nester und machten den Kriechtieren das Grünfutter streitig. Wie fulminant solche Fremdlinge ein Ökosystem besetzen, zeigt das Beispiel der Heimat von Lonesome George. Fischer hatten Ende der fünfziger Jahre auf Pinta eine männliche und zwei weibliche Ziegen ausgesetzt, damit bei späteren Besuchen ein leckerer Braten zu holen sei. Innert nur 20 Jahren vermehrte sich die Ziegenfamilie zur 40 000köpfigen Herde; aus der vegetationsreichen Insel war eine Wüste geworden. Um den einheimischen Pflanzen und Tieren eine Überlebenschance zu geben, lancierten die Parkbehörden etliche Ausrottungskampagnen gegen die fremde Fauna. Dank intensiver Jagd sind heute einige der kleineren Inseln wenigstens von den Ziegen wieder befreit.

Anfang der sechziger Jahre schlugen die Forscher Alarm. Auf manchen der Inseln gab es zwar noch Elefantenschildkröten; die Populationen bestanden aber fast ausschliesslich aus älteren Tieren. Vor allem die Ratten schnappen sich den Nachwuchs, sobald er aus den Eiern schlüpft. Eine Rettung war nur möglich, wenn es gelang, die jungen Schildkröten während der ersten paar Lebensjahre zu schützen. 1965 startete die Charles-Darwin-Forschungsstation ein Aufzuchtprogramm. In einer ersten Aktion sammelte man auf der Insel Pinzón Schildkröteneier und brütete sie auf der Station künstlich aus. 1971 konnte bereits ein halbes Hundert junger Tiere auf die Insel zurückgebracht werden. Aus den beim Schlüpfen kaum hundert Gramm schweren Winzlingen waren innert fünf Jahren Kerle von bis zu fünf Kilogramm Gewicht geworden.

Eine Rettung quasi in letzter Minute gelang bei der Unterart hoodensis der Insel Española. Eine Bestandesaufnahme Ende der sechziger Jahre ergab nur noch zwei Männchen und zwölf Weibchen, die auf der Insel jedoch so verstreut lebten, dass sich die Tiere nicht mehr paarten - auf dem Rücken der Weibchen wuchsen bereits Flechten. Man dislozierte die aussterbende Rasse für ein Aufzuchtprogramm auf die Darwin-Station und eliminierte auf der Insel sämtliche Ziegen. Auch dieses Experiment gelang. Bis heute konnten gegen 700 junge Española-Schildkröten auf die Heimatinsel zurückgebracht werden. Mittlerweile ist der Nachwuchs zwischen zwanzig und dreissig Jahre alt und damit geschlechtsreif geworden. 1990 fand man auf Española ein frischgeschlüpftes Schildkrötchen - Geochelone elephantopus hoodensis hat an seinem Ursprungsort wieder genetisch Fuss gefasst.

Das Ergebnis des gesamten Aufzuchtprogramms ist beeindruckend. Innert eines Vierteljahrhunderts konnten beinahe 2000 Elefantenschildkröten von acht verschiedenen Inselrassen in ihre Heimat entlassen werden. Mit 80 Prozent ist die Überlebensrate der freigesetzten Tiere erfreulich hoch. Trotzdem ist der Gesamtbestand von heute knapp 15 000 Elefantenschildkröten im Vergleich zu den ursprünglich vermutlich 250 000 Tieren noch immer dürftig. Auch haben in jüngster Zeit Siedler und Fischer wieder vermehrt Schildkröten gewildert. 1994 fanden die Parkwächter auf der Insel Isabela die Überreste von 81 geschlachteten Tieren. Die auf wenige Tiere dezimierten Bestände von Cazuela und Cerro Paloma im Süden der Insel sind jetzt in eine eigene Aufzuchtstation beim Dorf Puerto Villamil evakuiert worden.

Der Erfolg wurde den Biologen nicht geschenkt, denn anfangs gelang das künstliche Bebrüten nur bei etwa einem Viertel der Eier. Dann merkte man, dass beim gelegten Ei immer die gleiche Seite oben bleiben muss. Jedes für die Aufzucht gesammelte Ei bekam nun für den Transport als Positionsmarke oben auf die Schale ein Bleistiftkreuz. Noch heikler erwies sich die richtige Bruttemperatur. Das Schildkrötenweibchen gräbt mit den Hinterbeinen eine bis 40 Zentimeter tiefe Mulde in die Erde, legt zwischen zwei und zwanzig billardkugelgrosse Eier ins Nest und deckt die Mulde wieder fest mit Erde zu. Zwar fanden die Forscher bald einmal eine günstige Brutschranktemperatur um die 30 Grad. Sie merkten jedoch erst nach etlichen Jahren, dass je nach Temperatur vorwiegend Männchen oder vorwiegend Weibchen schlüpfen. Heute inkubiert man auf der Darwin-Station ein Drittel der Eier bei 28 Grad für Männchen und zwei Drittel bei 29,5 Grad für Weibchen, mit einem Zuchterfolg von etwa 70 Prozent.

Für Lonesome George sind die Aussichten weniger erfreulich. Nachdem sich auf Pinta trotz intensiver Suche kein weiteres Tier hatte finden lassen, offerierte man den Zoos in aller Welt eine Prämie von 10 000 Dollar, falls sie ein Pinta-Weibchen in ihrer Sammlung fänden. Vergeblich. Jetzt hat man dem alten Knaben zwei Weibchen vom Vulkan Wolf beigesellt, da diese Rasse der Pinta-Rasse noch am ähnlichsten ist. Bisher allerdings zeigte Lonesome George kein Interesse am andern Geschlecht.

Zurzeit nimmt sich eine junge Biologin aus Zürich der Sexmuffel an. Der Zürcher Zoo gilt mit seiner Gruppe von 4 erwachsenen Galápagos-Schildkröten und einem Nachwuchs von mittlerweile 23 Tieren als die in Europa führende Zuchtstation. Beatrice Schramm untersucht nun im Rahmen ihrer Dissertation auf der Darwin-Station den Fortpflanzungszyklus der Elefantenschildkröten. Dazu sammelt sie von einer Reihe von Tieren täglich Kot und analysiert, welche Mengen der verschiedenen Sexualhormone in den Proben enthalten sind. Gleichzeitig misst sie mit einem portablen Ultraschallgerät, wie sich die Eier im Weibchen entwickeln. Mit den Hormonmessungen lässt sich auch feststellen, ob bei Lonesome George dem mangelnden Trieb allenfalls ein abnormer Hormonhaushalt zugrunde liegt. Alles Bemühen wird aber kaum etwas ändern können: Mit Lonesome George verschwindet ein weiterer Zweig am Baum der Evolution.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.