NZZ Folio 07/98 - Thema: Privacy   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Ende des Privaten?

Von Daniel Weber

Wissen ist Macht. Der Satz, den der Philosoph Francis Bacon vor vierhundert Jahren prägte, ist im Zeitalter der Informationsrevolution gültiger denn je. Und er hat zudem einen drohenden Unterton bekommen: Wer etwas über uns weiss, hat Macht über uns. Nie zuvor haben wir so viele Datenspuren hinterlassen, und nie zuvor wurden sie so umfassend registriert und ausgewertet.

Das kann uns egal sein, solange dieses Wissen nicht gegen uns verwendet wird. Aber wer garantiert uns das? Wenn sensible Personendaten von Arbeitslosen, die beim Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit registriert sind, im Internet von jedermann abgerufen werden können, wie es letzten Herbst geschehen ist, steckt dahinter wohl eher Schlamperei als böse Absicht. Wenn aber Spitäler den Krankenversicherungen geheime Patienteninformationen liefern, wie die kantonalen Datenschutzbeauftragten besorgt mitteilen, wird es ungemütlich.

Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, über die Polizei und Staatsschutz verfügen, wenn sie in unsere Privatsphäre eindringen wollen. Im Namen der Verbrechensbekämpfung wird auch in den westlichen Ländern immer eifriger abgehört und immer raffinierter überwacht; und seit das Europäische Parlament Anfang Jahr seinen Bericht über die «Techniken der politischen Kontrolle» publizierte, ist allgemein bekannt, was zuvor als Hirngespinst von Verschwörungstheoretikern abgetan wurde: der US-Geheimdienst National Security Agency belauscht schon jahrelang weltweit alle Kommunikationskanäle.

Die digitale Technologie macht Eingriffe in unsere Privatsphäre immer leichter, die anschwellenden Datenströme zu sichern wird immer schwieriger. Droht das Ende des Privaten? Oder ist alles halb so wild, laufen wir vielmehr Gefahr, der Datenschutz-Hysterie zu erliegen? Der Ausgang der Auseinandersetzung, die in den USA unter dem Stichwort Privacy ungleich heftiger ausgetragen wird als hierzulande, ist offen. Beruhigt in unsere vier Wände zurückziehen können wir uns jedenfalls nicht. Selbst wenn wir nichts zu verbergen haben, müsste uns daran liegen, frei entscheiden zu können, was wir von uns preisgeben und was nicht.




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