«AUSGEHEN» GEHÖRT zu den Wörtern, die den deutschlernenden Ausländer zur Verzweiflung treiben. Ob wir ausgehen (ins Theater) oder leer ausgehen (in der Lotterie), ob das Licht ausgeht oder der Schnapsvorrat oder ein Prozess (nämlich zum Beispiel glimpflich für den Angeklagten), ob alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht oder ob ein Politiker davon ausgeht, dass die Konjunktur sich beleben, die Kriminalität sinken, die europäische Währung kommen wird - all das wird durch dieselben Silben ausgedrückt. Kein Wunder also, dass wir keine Ahnung haben, was der Politiker gesagt hat, wenn er gesagt hat, dass er fürs nächste Jahr von einem ausgeglichenen Haushalt ausgeht. Alles und nichts hat er gesagt, und das gefällt ihm ungemein: keine Floskel verwendet er lieber.
Geht er also beispielsweise von einer sinkenden Arbeitslosenquote aus, so möchte er, dass wir die Gewissheit heraushören, die in der Redensart beschlossen sein kann, wie beim Volk und der Staatsgewalt. Der ungeheure Reiz dieser hartnäckigen Ausgeherei liegt nur eben darin, dass dasselbe Wort nicht weniger als vier schwächere Bedeutungen hat, und auf jede kann der Politiker sich berufen, wenn die Arbeitslosenquote mal wieder nicht gesunken ist.
Mit vollem sprachlichem Recht darf er erstens behaupten, er habe keine Prognose stellen, sondern nur seine Entschlossenheit ausdrücken wollen, das Mögliche gegen die Arbeitslosigkeit zu tun. Dies würde ihm freilich den Vorwurf mangelnder Tatkraft oder Fortune zuziehen. Also könnte er zweitens geltend machen, er habe nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit im Sinne gehabt: Ich vermute, ich erwarte, ich nehme an, dass die Arbeitslosenquote sinken wird. Ich muss aber, drittens, nicht einmal vermutet haben: vielleicht habe ich ja nur gehofft - wie der Lottospieler auf den Millionengewinn, den er gleichwohl nicht für wahrscheinlich halten kann. Als letzte Zuflucht eines Menschen, der mit möglichst pompösen Worten am liebsten überhaupt nichts gesagt haben möchte, bleibt schliesslich viertens: Er habe «Wenn ich mal davon ausgehe, dass . . .» gemeint, eine von einem halben Dutzend Möglichkeiten habe er angeleuchtet - wie könne man ihn nur so missverstehen! Ja: Es ist schön, dass einer, der überhaupt nichts versprochen hat, auch nichts Falsches versprochen haben kann.
Solche kalkulierte Verwirrung der Wählerschaft lässt sich noch steigern, indem der Politiker langfristig davon ausgeht, dass . . . Mit dieser Standartvokabel wird ein Wortsinn, der ohnehin wenig grösser ist als Null, noch einmal halbiert. «Langfristig» kann nämlich dreierlei heissen: ab sofort auf lange Zeit, oder an einem fernen Zeitpunkt beginnend, auf lange Zeit, oder an einem fernen Zeitpunkt beginnend, auf kurze Zeit; ja aus den drei Bedeutungen werden sechs, wenn ein Superschlauer geltend machte, er habe nie gesagt, das es übermorgen weniger Arbeitslose gebe, sondern nur, dass er übermorgen davon ausgehen werde, dass irgendwann die Arbeitslosenquote sinkt.
An den Journalisten wäre es, diesen Bedeutungsknäuel zu entwirren, dem Politiker also, falls er sich der Presse stellte, mit spitzen Fragen auf den Leib zu rücken: «Prophezeien Sie? Vermuten Sie? Hoffen Sie? Oder meinen Sie ein blosses -Mal angenommen, dass . . .?? Und ab wann und für wie lange, bitte?» Ist aber keine Nachfrage möglich, so bestünde immer noch die Chance, der Verschwommenheit der Rede durch die Verweigerung von Druckzeilen oder Sendezeit gerecht zu werden.
Aber ach! Die meisten Journalisten, sie sind nicht so. Im Drang der Geschäfte, im Dauerbad der Routine geht die penible Recherche, die kritische Distanz allzu oft verloren. Die Presse neigt dazu, den Politiker mit seinen nebulösen Redensarten davonkommen zu lassen. Er muss nicht einmal jonglieren mit den vier oder fünf Bedeutungen seines Lieblingswortes, denn man fragt ihn nicht.
Wie selten die Sprachanalyse auf dem Programm der Journalisten steht, sieht man an einem Missbrauch, den sie selber treiben, im deutschen Sprachraum flächendeckend seit Jahrzehnten: Da wird angesagt. So hiess es in der «Sonntagszeitung» über die Zürcher Street Parade vom August: «Mitmachen ist angesagt». Angesagt waren in derselben Ausgabe aber auch «Kultur» und «Mässigung der Geschwindigkeit».
Das ist bemerkenswert in zweifacher Hinsicht. Wenn wir davon ausgehen, dass die Floskel einmal gut gewesen wäre, so müsste sie doch nach den ersten fünfmal hunderttausend Verwendungen jedem Freund der Sprache auf die Nerven gehen, wie jene Beamten, Banken und Ganoven, die uns erbarmungslos «zur Kasse bitten». Doch viel schlimmer: Schon vom ersten Tage an war die Floskel schlecht. Sie ist ja ein anonymer Imperativ, eine Bevormundung aus unbekannter Quelle, sie versteckt das, worauf alles ankommt: Wer hat denn das Mitmachen «angesagt» - der Veranstalter? Eine zuständige Behörde? Oder die Redaktion in eigener Regie?
Sich hinter wabernden Redensarten verstecken und in Kauf nehmen oder gar anstreben, dass sie Verwirrung stiften: Da ist Misstrauen angesagt. Möge es denen, die solche Phrasen in Umlauf setzen, übel ausgehen, wenigstens langfristig.