Sieben Seefahrten hatte der Eunuch Zheng He im Auftrag des chinesischen Kaisers durchgeführt. Zwischen 1405 und 1433 gelangte er mit über 300 Segelschiffen und 27 000 Seeleuten bis an die Südküste Vietnams, nach Java, Sumatra, Malakka, Ceylon, Kalikut, zur Arabischen Halbinsel und zur ostafrikanischen Küste. Nach der siebten Seefahrt beschloss der chinesische Kaiser aus ungeklärten Gründen, die Entdeckungsfahrten einzustellen und eine Abkapselungspolitik zu betreiben, die einige Jahrhunderte andauern sollte. Was wäre geschehen, wenn er stattdessen die Fortsetzung der Expeditionen befohlen hätte?
Bis Ende des 16. Jahrhunderts erreichen chinesische Segelschiffe alle Küsten dieser Erde. Überwältigt von den gewaltigen Flotten, anerkennen Stämme und Völker die Oberhoheit des chinesischen Kaisers. Kolumbus wird in Amerika von einem chinesischen Berater der dortigen Urbevölkerung begrüsst.
Als die Bevölkerung Chinas im 18. Jahrhundert unvermittelt anwächst, wandern viele Chinesen aus. Zahllose über den ganzen Globus verstreute chinesische Familienunternehmen bringen den gesamten Welthandel in ihre Hand. In die politischen und religiösen Angelegenheiten der Gastvölker mischen sie sich kaum ein. Überall residieren Reichsverweser des chinesischen Kaisers. Zur Wahrung des neutralen Scheins kopieren diese den Vatikan und lassen sich von Schweizergardisten schützen.
Von den europäischen Aufklärern bewundert, wird Konfuzius ebenso populär wie Jesus. Touristenströme aus Europa liessen Qufu, den Geburtsort des Konfuzius, nach Bethlehem zum bedeutendsten geistlichen Zentrum des Abendlandes werden.
Neuenburg wählt nach dem Aussterben der französischen Herrscherfamilie Anfang des 18. Jahrhunderts nicht den preussischen König, sondern den chinesischen Kaiser zum Oberhaupt, mit der Begründung, der sei noch weiter weg.
Im 20. Jahrhundert wüten in Europa zwei verheerende Kriege. Beide werden durch das Eingreifen chinesischer Heere beendet. Weil sich Helvetien auf der Wiener Konferenz 1815 die Schweizer Neutralität vom chinesischen Kaiser garantieren liess, übersteht das Land die Kriege unversehrt. Nach dem zweiten Europakrieg schwappt eine chinesische Kulturwelle über Europa. Chinesisch wird zur Modesprache. In Helvetien sendet das erste Programm des zentralen Radios so gut wie ausschliesslich chinesische Volkmusik, hier und da unterbrochen von helvetischen Jodelliedern. Am jährlichen europäischen Festival der Volksweisen singen allein noch die Vertreter aus Samalia, dem grossen Stammesverbund der skandinavischen Samen, in ihrer eigenen Sprache. Alle anderen Lieder werden in – zum Teil hanebüchen schlechtem – Chinesisch vorgetragen.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts besteht ein globales «Reich der Mitte» mit Beijing als strahlendem Mittelpunkt. Grosse Indianervölker beherrschen den amerikanischen Kontinent, der nach dem prächtigsten und mächtigsten Volk «Aztekia» heisst. Europa ist übervölkert, weil die Menschen nie in Kolonien auswandern konnten.
Jedes Jahr reisen Vertreter der Allhelvetischen Tagsatzung in ihren Heimattrachten mit einem eigens reservierten Transsibirischen Eisenbahnzug, vollgeladen mit Emmentalerkäse, zum chinesischen Kaiser und entbieten ihm mit Fahnenschwingen und Geisselklepfen die ergebenen Grüsse der Eidgenossen. Der Käse wird in China in parfümiertem Papier verpackt und mit hohem Gewinn nach Übersee verkauft.
Die deutsche Sprache ist durchsetzt von sogenannten Sinismen, das heisst, einzelne deutsche Wörter werden durch chinesische Schriftzeichen ersetzt. Dem Modetrend hat sich sogar die konservative grösste Zeitung der deutschen Schweiz, die «Neue Zürcher Zeitung», gebeugt, deren Titel seit dem 1. 1. 2000 die chinesischen Schriftzeichen für «neu» und «Zeitung» enthält. An vielen Wirtshäusern in Helvetien prangen die chinesischen Zeichen für Bären, Löwen und Glocke. Eingedeutschte chinesischen Wendungen nehmen überhand. So sagt man statt «sofort» neuestens «auf dem Pferderücken» (chinesisch: «mashang»). Niemand spricht mehr von «Bagatellen», sondern von «Hühnerfedern und Zwiebelschalen» (chinesisch: «jimao suanpi»).
Im Frühjahr 2008 steht ein Schweizer Juchzer zuoberst auf dem sogenannten Liädergipfeli (ein Wort wie «Hitparade» gibt es natürlich nicht). Er zeigt, dass noch gewisse Regungen der Eigenständigkeit vorhanden sind. Sein Titel ist aber aus einem chinesischen Gedicht übernommen: «Dr Himmel isch höüch, und dr Chaiser isch färn.»
Harro von Senger ist Professor für Sinologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg i. Br. Er lebt in Einsiedeln und Neuenburg.