Bakhawat fällt der Länge nach hin, als sie über die Türschwelle trippelt. Noch ehe sie zu weinen beginnt, ist Benazir bei ihr, hebt sie auf und spricht ihr tröstend zu. Sie setzt sich mit ihrer Tochter an den Schreibtisch, nimmt ihre Brille wieder auf. «Es ist für mich sehr wichtig, dass meine Kinder lernen, nicht zu weinen. Sie sollen ihre Gefühle nicht preisgeben. Das heisst nicht, dass sie keine Emotionen haben sollen. Aber sie sollen lernen, sie nicht zu zeigen.» Die eigene politische Erfahrung habe ihr zur Genüge gezeigt, was es heisst, offen und verwundbar zu sein.
Doch dann straft Benazir Bhutto ihre Vorsätze Lügen. Während Bakhawat und der dreijährige Sohn Bilawal auf ihrem Schoss hin und her rutschen, Smarties verlangen und ihr ungeniert an die Wangen greifen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, lässt sie ihren Meinungen und Gefühlen freien Lauf: Sie beschuldigt die Regierung, ihr nach dem Leben zu trachten; sie erregt sich, wenn die Anschuldigungen gegen ihren Mann zur Sprache kommen, und beschimpft den Präsidenten Pakistans. Ungeachtet ihrer erzieherischen Absichten für die Kinder, für sich selbst bekennt Benazir Bhutto Farbe. Dies wird sichtbar, noch bevor man das Arbeitszimmer ihrer Residenz in Karachi betreten hat. Vom «Bilawal House» sind eben noch die zwei Fahnen zu sehen, die über der zehn Meter hohen Ringmauer wehen. Sie verkünden die Gefühle der Hausbewohnerin: die grüne Flagge Pakistans signalisiert selbstbewusst die Anwesenheit einer nationalen Persönlichkeit. Und die schwarze Fahne daneben? «Sie soll an den schwarzen Tag von Karbala erinnern», meint zunächst ihr Sekretär in Anspielung an die historische Niederlage der Schiiten im Kampf um die Nachfolge Mohammeds. Doch Benazir ist nicht Schiitin, und sie macht gleich zu Beginn des Gesprächs klar, dass ihr eigenes Karbala viel nähe liegt und viel persönlicher ist: es ist das Central Jail in Rawalpindi, in dem ihr Vater Zulfikar Ali Bhutto 1979 gehenkt wurde. Dieses Ereignis und die traumatischen Jahre davor und danach haben sie nachhaltig geprägt.
1976, nach dem Sturz ihres Vaters bei einem Militärputsch, wurde Benazir Bhutto aus ihrem akademischen Dornröschenschlaf in Oxford in die gnadenlose Politik Pakistans gerissen. Sogleich begann sie für die Freilassung und Rehabilitation ihres Vaters zu kämpfen. Redeverbote, Hausarrest und längere Inhaftierungen hatte sie dabei in Kauf zu nehmen. Als Zulfikar Ali Bhutto schliesslich am 4. April 1979 hingerichtet wurde, brach für die Tochter eine Welt zusammen. Doch statt selber daran zu zerbrechen, tat sie an seinem Grab den Schwur, sein Erbe aufzunehmen und weiter zu kämpfen.
Zehn Jahre später war sie Premierministerin Pakistans: Zia ul-Haq, der Oberbefehlshaber und Staatspräsident, war Opfer eines ungeklärten Flugunfalls geworden, die Armee in ihre Kasernen zurückgekehrt. Die 35jährige Benazir Bhutto, mit einem reichen Kaufmann verheiratet und gerade erst Mutter eines Sohnes geworden, wurde 1988 der erste weibliche Regierungschef in einem muslimischen Land. Mit ihr schienen sich nicht nur die Hoffnungen eines Volkes zu verwirklichen, das der beinahe ununterbrochenen Militärherrschaft überdrüssig war. Benazir Bhutto war zugleich eine Identifikationsfigur für die Frauen Pakistans, die in diesem von mittelalterlichen Werten geprägten Land zwar eine demographische Mehrheit darstellen, aber in der sozialen und politischen Wirklichkeit eine Randgruppe bilden. Am 5. August 1990, knapp zwei Jahre später, wurde sie von Präsident Ghulam Ishaq Khan - er warf der Regierungschefin Amtsmissbrauch und Korruption vor - abgesetzt.
Statt landesweiter Proteste gegen diesen «verfassungsmässigen Putsch» (Benazir Bhutto) blieb es in den Strassen Karachis und Lahores still. Die Frauenorganisationen waren bitter enttäuscht über Frau Bhuttos Unfähigkeit, die fundamentalistische Bewegung aufzuhalten; die städtischen Mittelklassen sahen statt einer effizienten und ehrlichen Regierung ein Weiterwuchern der Korruption, und die grosse Masse der Landbevölkerung erkannte in den einem populistischen Sozialismus huldigenden Politikern der Pakistan People's Party die alten Feudalherren wieder, die mit einem guten Gespür für politisches Timing rechtzeitig das Lager gewechselt hatten.
Heute ist Benazir Bhutto wieder dort, wo sie den grössten Teil ihrer Karriere verbracht hat: im politischen Abseits. Die hohen Mauern um ihre Residenz, die Wachttürme und die Zutrittskontrollen sind nicht mehr wie noch ein Jahr zuvor die architektonischen Symbole der Machtausübung, sondern eher Zeichen der Isolation.
Seit dem gewaltsamen Tod ihres Vaters wird Benazir eine Verfolgungsangst nachgesagt, die vom Gegner geschickt geschürt wird, um sie endlich dorthin zu bringen, wo sie keinen Schaden mehr anrichten kann - ins ausländische Exil. Doch Benazir spielt, trotz den massiven Einschüchterungsversuchen des Staates, nicht mit. Jeden Monat verbringt sie eine Woche in Gerichtssälen an verschiedenen Orten des Landes, um sich gegen Anklagen - von mangelhafter Amtsführung bis zum Betrug - zu wehren, welche die Regierung von Nawaz Sharif gegen sie erhoben hat. Ihr Ehemann Asif Zardari ist bereits im Gefängnis, konfrontiert mit zwölf Anklagen, darunter einer Mordanklage, die ihm die Todesstrafe eintragen könnte. Benazir Bhutto lässt sich - hier folgt sie der Anweisung an ihre Tochter - keine Emotion anmerken, wenn sie davon berichtet, wie ihre Kinder Telefongespräche mit ihrem Vater simulieren, wie sie ihn einmal in der Woche entweder im Gefängnis oder im Gerichtssaal begrüssen, wie sie versucht, ihnen das zu geben, was sie am meisten brauchen: Zutrauen und Sicherheit. Da sie nicht weiss, ob und wann sie wieder eingesperrt wird, baut sie auf den Zusammenhalt der asiatischen Grossfamilie. Die Kinder sollen dann bei Verwandten jene Zuneigung finden, die sie ihnen als Mutter geben würde.
Doch die Rolle als politisch Verfemte scheint Benazir beinahe mehr zu behagen als jene der Oppositionsführerin im Parlament, für welches sie nur das Epithet «irrelevant» übrig hat. Während eines Jahrzehnts hatte sie ihre persönliche Stärke und politische Wirkung aus der Negation geschöpft - der bitteren Feindschaft gegen den «Kriegsrechtsadministrator» Zia ul-Haq und seine Mitläufer - sowie aus dem Misstrauen gegen die alten Mitkämpfer ihres Vaters, die sie nach dessen Tod an den Rand gedrängt und sich damit zu Feinden gemacht hatte. In ihrem über ein Jahrzehnt lang gehärteten Willen, nicht zu zerbrechen, begann sie, im politischen Gegner nur noch den bedrohlichen Feind zu sehen. Und wie ein fotografisches Negativ gesellt sich zu dieser Ablehnung die unbedingte Treue zu Menschen und Werten, die für sie überlebenswichtig sind: Ihr Vater Zulfikar Ali Bhutto ist nicht etwa der Demagoge, als den ihn heute viele aufgeklärte Pakistaner sehen, sondern «the most wonderful man in the world», und sie wird zornig, wie sie die Frage hört, ob ihr Ehemann Zardari mit der skrupellosen Ausnützung ihres Amtes nicht eine politische Belastung geworden sei. Unter der verletzlichen Offenheit, mit der sie ihre Gefühle und Meinungen zum Ausdruck bringt, verbirgt sich ein rigides Denkmuster, das die Welt stets in Freund und Feind unterteilt. Plötzlich wird der Ratschlag der Mutter an ihr Kind, seine Tränen zu unterdrücken, verständlich, ebenso wie der Mut, mit dem diese Frau der Staatsmacht trotzt.
Allerdings: In einer Welt unbedingter Freundschaft und Feindschaft drohen die Menschen dazwischen irrelevant zu werden. Die eigene politische Rolle erscheint nicht mehr als Verkörperung eines kollektiven Zieles, sondern als Erfüllung eines privaten Vermächtnisses: als Spross einer der grossen aristokratischen Familien aus der Provinz Sind sieht sich Benazir in einer Mission, dem Land zu dienen. «Glauben Sie, ich hätte die Wahl? Andere Leute vielleicht - ich nicht . . . Mein Vater war Premierminister, mein Grossvater war Premierminister. Ich trage ein riesiges Familienerbe. Mein Vater gab sein Leben für die Demokratie. Ich kann mich nicht davonstehlen - es würde nur bedeuten, dass sein Nachkomme nicht den Mut hatte, den Machthabern die Stirn zu bieten.»
Hinter Erregung und Zorn, hinter einem je nachdem mütterlichen, leutseligen oder unbeteiligten Gesicht wird plötzlich eine Härte spürbar, die keine Emotionen verrät ausser den archaischen Überlebensinstinkten von Hass und Treue. Erst nach diesem Monolog, auf den keine Frage mehr nötig scheint, bemerkt Benazir in der plötzlichen Stille, dass Bakhawat und Bilawal das Zimmer verlassen haben. Sie beugt sich sofort über das Intercom. Ruft das Filipino-Kindermädchen auf, um sich zu vergewissern, dass sie bei ihr in Sicherheit sind.