Am besten hält man sich, wie im Theater, an die Reihenfolge des Auftritts der Akteure. 2001: CVP-Gemeinderat Linus Dobler fälscht über hundert Wahlzettel, und CVP-Politiker Karl Kissling johlt auf einer Kneipentour antisemitische Sprüche. 2002: SVP-Kantonsrat Oswald von Arx schickt Journalisten anonyme Todesdrohungen, und SVP-Präsident Rolf Sommer wird wegen Pöbelei im Parlament gerügt.
Das Stadthaus Olten – ein Hort dunkler Kräfte? Oltens Politiker – eine Horde Wüstlinge? Oder, wie es eine Schnitzelbank an der Fasnacht 2003 ausdrückte: «Gopferdelli – gits im Stadthuus nu no Kriminelli?»
Die Achse des Bösen reicht von der CVP über die SVP bis zur FDP. Bisher verschont geblieben sind SP und Grüne. Die meisten Täter geben sich zerknirscht, können sich ihr Treiben nicht mehr erklären. Aussenstehende sind ebenso ratlos. Was bringt einen respektablen Druckereibesitzer dazu, im Abfall nach nicht gebrauchten Stimmrechtscouverts zu wühlen? Was lässt einen gestandenen Gewerbeschullehrer, verärgert über die Berichterstattung der Oltner Medien über seine Promillefahrt, zwei Journalisten mit nicht bestellter Ware terrorisieren? Sechs Monate lang schleppte ihnen die Post voluminöse Sendungen ins Haus, mal eine viertausendfränkige Kaffeemaschine für Gastrobetriebe, mal Matratzen, Aktenvernichter, Feuerlöscher. Vor Weihnachten fanden die Journalisten ihr eigenes Bild im Briefkasten, übermalt mit schwarzen Grabkreuzen. Mildernde Umstände erhoffte sich der Lehrer vor Gericht mit dem Argument, selbst schon Opfer ähnlicher Rachepraktiken geworden zu sein.
Doch Blaufahrten, Terror und Pöbelpolitiker – alles Folklore, verglichen mit den Skandalen, die Olten in den neunziger Jahren erschütterten. Damals erleichterte der Oltner CVP-Wohltäter und Baukönig Albert Heer die Pensionskassen um eine Viertelmilliarde Franken. Kaum hatte sich die Stadt vom Schock erholt, krachte die EKO-Bank zusammen. Die Bank, im Besitz der Bürgergemeinde Olten und vom Freisinn präsidiert, hatte zu leichtfertig mit Krediten um sich geworfen. Kurz vor dem Aus kaufte sie die Partizipationsscheine besonders verdienter Oltner Bürger zu besonders guten Preisen zurück.
Dazu gesellte sich der fatale Ehrgeiz vieler Politiker, Olten mit internationalen Geschäften zu Glanz zu verhelfen. Drei russische Uranfirmen und ein chinesisches Unternehmen besassen einen Briefkasten in Olten. Den Russen gefiel das Städtchen auf Anhieb; den Chinesen war weniger klar, was ihr Crevettenzucht-Futter mit Olten zu tun hatte. Der holländische Geschäftemacher Theo Cranendonk wurde, kaum an der Aare ansässig geworden, als mutmasslicher Mafioso und Waffenhändler verhaftet. Ebenso rasch verschwand die PCE Holding AG wieder aus der Stadt, als die Staatsanwaltschaft Berlin in Sachen Aushöhlung ehemaliger DDR-Betriebe zu ermitteln begann. Nach Olten gelockt hatte die PCE Stadtrat Jost Bitterli. Aus lauter Liebe zu seiner Heimat, beteuerte er im Alternativblatt «Brennessel»: «Ich habe mir gedacht, ich muss etwas tun für Olten und den Kanton.»
Keiner schwingt – seiner imposanten Figur zum Trotz – so flink und leichtfüssig zwischen Moskau und Olten hin und her wie der Architekt Massimo Hauswirth. In Moskau empfängt ihn der Bürgermeister kurzfristig, ja hat sogar Zeit für ein Mittagessen. «In Olten», hadert der Stararchitekt, «zittern die Politiker, noch bevor man sie anspricht.»
Das Zittern hat Gründe. Solange das Stadthaus unter so scharfer Beobachtung wie jetzt steht, hält man sich lieber von Machern wie Massimo fern. Zu gerne baut er dort, wo schon alte, schöne Häuser stehen, gräbt im Eifer auch mal einen Stock zu tief und neigt zum gewaltsamen Umpflügen ganzer Quartiere. Damit möchten Oltens Politiker jetzt lieber nicht in Zusammenhang gebracht werden. Massimo passt ohnehin nicht mehr recht ins Städtchen. Der Sohn eines Oltner Eisenbahners fährt Rolls-Royce, raucht dicke Zigarren und liess eben ein monumentales Buch mit seinen Bauten auf vier Kontinenten erscheinen.
Das Misstrauen beruht auf Gegenseitigkeit: «Niemand mehr will entscheiden!», donnert Massimo Hauswirth und denkt sehnsüchtig zurück an die Zeiten, als er noch selbst für die CVP in der städtischen Baukommission sass. Dann versucht er vergeblich, seine erloschene Zigarre wieder zum Glühen zu bringen, was seinen Groll über die neue Verzagtheit noch erhöht: «Olten ist die Stadt der Fixbesoldeten. In Olten halten die conductores noch immer die Löchlizange des Kondukteurs in der Hand.»
«Blick»-Chefredaktor Werner De Schepper sieht das ähnlich. «Die Sache mit den Oltner Politikern ist die, dass sie sich als Tiger auf dem Sprung fühlen und als Bettvorleger enden.» Nicht nur Werner De Schepper, auch sein Nachrichtenchef Clemens Studer sind Berufsoltner. Diese geballte Oltner Präsenz, verbunden mit profundem Insiderwissen, hat zur Folge, dass das Zürcher Boulevardblatt Oltens Skandale oft früher bringt als die Lokalpresse. Die Strafe blieb nicht aus: Olten liess De Scheppers Baugesuch monatelang liegen. Erkundigte er sich nach dem Stand der Dinge, zeichneten die Beamten, sagt De Schepper, spielerisch am Plan herum, malten mal hier ein kleineres Fenster, mal dort einen flacheren Bogen. Bis sich schliesslich einer zur schelmischen Erklärung durchrang: «Es isch halt e chli politisch.»
Für «e chli blau» dagegen zeigt Olten viel Verständnis. Brüderlich riet ein Stadtrat seinen Mitzechern zum späteren Aufbruch: Seine Polizei mache bis ein Uhr Jagd auf Blaufahrer. Mitfühlend erfüllten die Richter den Wunsch eines wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand angeklagten CVP-Präsidenten, Publikum und Presse vor die Tür zu schicken. «Selbst das schriftliche Urteil», sagt Markus Dietler, damals beim «Oltner Tagblatt», «verlangten wir vergeblich.»
Inzwischen hat der Journalist Markus Dietler die Seiten gewechselt; er ist jetzt Stadtschreiber. Was seinen Berufsalltag einst belebte, betrübt ihn heute. Keinesfalls, warnt er, dürfe man von diesen Taten Einzelner auf Oltens Politik im Allgemeinen schliessen: «Die Häufung ist Zufall.» Ein Zufall freilich, den die Presse ebenso lustvoll ausschlachtete wie den Umstand, dass Dulliken, Schauplatz eines Doppelmordes, in Oltens Nachbarschaft liegt. Nie fehlte, klagt Markus Dietler, in der Berichterstattung über den Doppelmord der boshafte Zusatz «bei Olten». Und noch ist kein Ende von Oltens Leidenszeit abzusehen. Gerade wieder vermeldet der «Blick»: «Ex-Finanzchef des Eishockeyclubs Olten betrog Oltens Stadtgrössen um 33 Millionen Franken.» Der Stadtschreiber stöhnt auf: «Ausgerechnet!» und legt das Blatt verkehrtherum auf den Tisch.
Kein Wunder, fühlt sich Olten vom Rest der Schweiz verfolgt. «Niemand hat uns gern», klagt die grüne Gemeinderätin Iris Schelbert. Wie viele Frauen sieht sie die Quelle manchen Übels in Oltens mächtigen Männerbünden. Dort schanzt man sich gegenseitig Aufträge zu und fühlt sich dabei so sicher und unangreifbar wie ein Bubenrudel in der Baumhöhle: Schützenverein, Hilari-Zunft und St.-Martins-Bruderschaft, ein katholischer Hilfsverein.
Andere Einheimische schieben alles Ungemach auf Kilometer null, den Nebel und die Nähe der weit glamouröseren Kantonshauptstadt Solothurn. Nur zu verständlich, dass Olten, nach Schweizeraart, seinen Minderwertigkeitskomplex mit Grossmannssucht kompensiert – eine explosive Mischung, auf die sich manches Schweizer Grounding zurückführen lässt, nicht nur dasjenige der Swissair. Mit anderen Worten: Olten – das sind wir alle.
Als Folge ist in Olten vieles ein bisschen grösser geraten als anderswo. Die Oltner leisteten sich ein zehnstöckiges Stadthaus, das stur aus dem traulichen Dächermeer pfeilt. Sieben Stadträte und 50 Parlamentarier rangeln sich ums Regieren der 16 000 Oltner; manche Ämter sind derart grosszügig mit Personal bestückt, dass gewissen Beamten viel Freizeit bleibt.
So zuverlässig wandern sie, spotten Insider, die Beizen ab, dass man die Uhr danach stellen kann. Ab drei Uhr nachmittags finde man sie im «Astoria» oder im «Magazin», ab fünf im «Löwen» oder im «Rathskeller». Besonders im «Rathskeller», dem sogenannten Kübel, lassen sich gut Blessuren lecken und neue Zuversicht tanken.
Sicher und warm umfängt das dunkle Gebälk die Gäste, vor den Fenstern strömt die Aare still und stetig, fern ist die böse Welt, und am Politikerstammtisch beugen sich die Köpfe verschwörerisch zur Mitte, umwabert von dichtem blauem Rauch. Hin und wieder fliegen Sprachfetzen an den Nachbartisch: «Ich hab schon immer gesagt, das fressen die nicht.» Und, mit bedeutungsvollem Nachdruck: «Alles kommt darauf an, die Sache der Presse richtig zu kommunizieren.» Rasche Blicke überprüfen das Lokal auf Spione, Hände werden beim Sprechen vor den Mund gehalten. Nach so viel Lagerfeuerkomplott wirkt die offizielle Gemeinderatssitzung im Stadthaus so harmlos wie der sonntägliche Familienausflug eines Gewerbevereins.
Zwar versinken die Politiker nach jedem Skandal in Halbtrauer. Doch sie erholen sich rasch. Zwar schimpfen die Oltner mit Inbrunst über Filz und Kleingeist. Doch kaum kommen sie auf die Lebensqualität ihrer Stadt zu sprechen, überzieht stilles Glänzen ihre eben noch verzweifelten Mienen. Selbst Einheimische, die zermürbt nach Luzern oder Zürich auswanderten, kehren früher oder später zurück: erst an die Chilbi, dann an die Fasnacht, ans Schulfest und schliesslich für immer. «Olten ist eine Stadt, die verzeiht», sagt Werner De Schepper. «Niemand wird richtig bös.»
Mit andern Worten: Happy End für alle. Auch Wahlfälscher Linus Dobler schwimmt wieder obenauf. Klar hat ihn die Sache Hunderttausende gekostet, und sicher war er «ein Alpenkalb». «Aber ich habe niemanden krumm und lahm geschlagen; es kam niemand ernsthaft zu Schaden.» Inzwischen darf seine Druckerei sogar erneut mit Staatsaufträgen rechnen. «Heute sehen wir uns alle wieder, und das Leben geht weiter.» Nur so viel möchte er zu dieser Angelegenheit sagen: «Damals haben noch ganz andere Wahlzettel manipuliert.» Tout Olten wisse, wer das war.
Warum wird dieser Skandal vertuscht …? Wer deckt hier wen …? Und bange fragt sich der teilnahmsvolle Beobachter: Was, um Himmels willen, braut sich schon wieder über Olten zusammen?
Margrit Sprecher ist Reporterin der «Weltwoche»; sie lebt in Zürich.