Der «Held der Antimafia» verlässt Palermo, die Hauptstadt de Cosa Nostra: ein böses Omen? Trotz dem Signalcharakter dieses Entscheids hat niemand in Italien gewagt, ihn als Zeichen der Resignation oder Feigheit zu deuten. Niemand, der Giovanni Falcone kennt, den «Feind Nummer eins der Mafia», den Mann, der seit 1979 ein streng abgeschirmtes Leben in seinem Büro im Justizpalast von Palermo geführt hatte, der nicht ausging ohne seine achtköpfige Leibwache - niemand sagte: «Falcone streckt die Waffen», «Falcone hat resigniert», «Falcone hat den Rückzug angetreten».
Richter Falcone, 52 Jahre alt, hat am 5. Mai 1991 ein geräumiges und komfortables Büro im vierten Stock des Justizministeriums in Rom bezogen. Jeden Gegenstand darin hat er selbst ausgewählt. Nicht aus ästhetischen Gründen, sondern weil er seit je gewohnt ist, für seine eigene Sicherheit zu sorgen. Und er weiss, dass er sich heute so gut wie früher in der Schlusslinie befindet: «Meine offenen Rechnungen mit der Cosa Nostra werden erst mit meinem Tod beglichen sein. Sei es ein natürlicher oder nicht . . .» Die Gründe seines Wegzugs aus Palermo, wo er sich während zwölf Jahren als unversöhnlichster und sachkundigster Gegner der «Ehrenwerten Gesellschaft» ausgezeichnet hat? Er deutet sie eher an, als dass er sie ausspricht: Seine Untersuchungen wurden immer wieder durch bürokratische Hemmnisse behindert, und er fühlte sich zusehends als Symbol- oder Alibifigur im halbherzig geführten Kampf gegen die Mafia missbraucht; die Koordination zwischen den Richtern des Antimafia-Pools war mangelhaft, was die Ermittlungen zusätzlich erschwerte; und sein mit zuwenig Vollmachten ausgestattetes Amt als stellvertretender Generalstaatsanwalt der Republik liess ihm zuwenig Handlungsspielraum.
Schliesslich war Falcone sich der zunehmenden Gefahr bewusst. Im Juni 1989 waren zwanzig Meter neben seiner Villa in Addaura fünfzig Kilo Sprengstoff entdeckt worden; wie in einem ähnlichen Fall sein Kollege Giuseppe Ayala war Falcone von einem pentito vor dem Attentatsversuch gewarnt worden. Ausserdem war die durch Berufungsverfahren erwirkte Aufhebung der Urteile aus dem Maxiprozess 1986/87, an dem Falcone massgeblich beteiligt gewesen war, in vollem Gange; die Freilassung von 23 Mafiabossen, unter ihnen einige, die lebenslängliche Freiheitsstrafen bekommen hatten, wirkte als Provokation. «Schliessen Sie nicht daraus, es sei die Angst, die mich aus Palermo vertrieben hat. Seit langem habe ich mich daran gewöhnt, mit ihr zu leben. Die Vorstellung meines Todes begleitet mich in jedem Moment - so sehr, dass ich schliesslich nicht mehr daran denke. Die Möglichkeit eines Attentats ist für mich das geworden, was für andere das Risiko eines Autounfalls oder eines Flugzeugabsturzes ist: ein denkbares Verhängnis, mehr nicht.»
«Im Grunde bin ich weggegangen», fügt Falcone hinzu, «weil ich den Moment für gekommen hielt, die Kenntnisse und die Kompetenz, die ich mir in der Bekämpfung des organisierten Verbrechens angeeignet hatte, auf nationaler Ebene einzusetzen.» Ein besonderes Anliegen ist ihm die bessere Zusammenarbeit zwischen den Richtern und den Gerichten, die sich der Bekämpfung der Mafia widmen. Richter Falcone unterstehen derzeit 116 Mitarbeiter, darunter 16 Richter. Vom sozialistischen Minister Claudio Martelli - der wenige Jahre zuvor noch als Abgeordneter im Wahlkampf die italienische Gerichtsbarkeit im allgemeinen und Falcone im besonderen in den Schmutz gezogen hatte - ist er zum Direktor des Amtes für strafrechtliche Angelegenheiten ernannt worden. Falcones Arbeit besteht darin, die Ausarbeitung neuer Gesetze zu beaufsichtigen, das zentrale Strafregister, die Auslieferungen, die Rechtshilfegesuche und alle Belange der internationalen Zusammenarbeit. «Ich habe also das Schlachtfeld nicht verlassen, letztlich möchte ich sogar behaupten, dass meine jetzige Arbeit herausfordernder ist. Ich leite die Untersuchungen nicht mehr, sondern ich schaffe die Voraussetzungen dafür, dass sie schneller, effizienter und erfolgreicher durchgeführt werden können.»
Die internationale Zusammenarbeit wird also eines der Hauptanliegen Falcones sein. Und der Kampf gegen die Geldwäscherei. Italien befindet sich hier im Rückstand; die Möglichkeiten zu vermögensrechtlichen Untersuchungen sind noch gering, es fehlt an verlässlichen Informationen. Man kann zwar mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die Hauptgewinne aus dem Drogenhandel zurzeit in den Finanzplatz Mailand fliessen, wo sie an der Börse vornehmlich in Staatspapiere und Beteiligungen an Leasing- und Factoringgesellschaften investiert werden. Aber man hat weder Beweise noch genaue Zahlen, die solche Transaktionen belegen würden. «Wie vielen Finanzgesellschaften hat man bis heute denn schon nachweisen können, dass sie schmutziges Geld waschen?» fragt Falcone, nur um zu antworten: «Keiner.» Dieser dramatische Mangel an Information und statistischem Material - ein Charakteristikum des politischen und sozialen Lebens auf der Halbinsel - schwächt die Handlungsfähigkeit der Gerichte und die Glaubwürdigkeit Italiens im Ausland. In der Tat geht die bisher einzige grosse Finanzuntersuchung in Italien auf das Jahr 1986 zurück, und der dafür Verantwortliche heisst Giovanni Falcone.
Falcone entdeckt 1986, dass in den Jahren 1981/82 unvermittelt grosse Beträge auf drei Bankkonten in der Schweiz auftauchten, die einem unter Verdacht stehenden Italiener gehören; Falcone hat Grund zur Vermutung, dass diese Gelder aus dem Drogenhandel stammen. Er ersucht die schweizerischen Behörden um Akteneinsicht. Dem Gesuch wird stattgegeben. Aber alsbald verschwindet das Geld von den Konten. Falcone gelingt der Nachweis, dass die Summe, rund zehn Millionen Dollar, auf das Konto einer panamaischen Gesellschaft verschoben wurde. Nach verschiedenen Umwegen gelangt das Geld 1991 wieder in die Schweiz, wo es der Zürcher Bezirksanwalt Peter Gasser beschlagnahmt.
Welche Schlüsse kann man aus dem Fall ziehen? Dass eine Untersuchung dieser Art, soll sie erfolgreich abgeschlossen werden können, sehr genaue banktechnische Kenntnisse erfordert, jahrelange Arbeit - in diesem Fall von 1986 bis 1991 - und enge Beziehungen zwischen den Behörden der betroffenen Staaten. Giovanni Falcone hat keine Illusionen: Ohne die Hilfe der schweizerischen Richter und Behörden hätte die Untersuchung keinen Erfolg gehabt. Und er hält mit seiner Zustimmung zum neuen Geldwäschereiartikel im Nachbarland nicht zurück: «Die Schweiz hat begriffen, dass das Geld selten allein auftaucht, dass es vielmehr dazu tendiert, im Schlepptau die Mafiosi mit sich zu bringen.»
Falcone vermochte in vielen Ländern ein Netz von «Korrespondenten» zu knüpfen, ein Netz von 150 Personen, Richtern und Kriminalbeamten, vor allem in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, in Spanien, in der Schweiz, in Ägypten und Thailand. Diese Leute schätzen einander, sind bereit, sich gegenseitig zu helfen, und gehen dabei selbst manchmal bis an die eng gesteckten Grenzen des Gesetzes. Falcone ersuchte grundsätzlich darum, jeden im Ausland verhafteten Mafioso persönlich sehen zu können. Er erzählt von einem Fall aus dem Jahr 1983. Das Gericht von Paris-Créteil hatte ihn benachrichtigt, dass ein gewisser Francesco Gasparini mit sechs Kilo Heroin verhaftet worden sei. Er war von Thailand gekommen und befand sich auf der Rückreise nach Italien. Falcones französische Kollegen meinten, es habe keinen Sinn herzukommen, der Verhaftete schweige wie ein Grab. Falcone ging dennoch hin und sprach mit ihm. Am nächsten Morgen entschied sich Gasparini, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Aber nicht immer waren Falcones Begegnungen mit Mafiosi so erfolgreich. Von Hunderten schlugen sich nur gerade 25 auf die andere Seite, wurden pentiti.
Bei seinen Verhören trat Falcone eindeutig und unmissverständlich auf. Kein Augenzwinkern. Keine Komplizenschaft. Er verliess sich einzig auf seine genaue Kenntnis der Akte des Beschuldigten und der Mechanismen der Cosa Nostra. Er habe skeptisch, aber leidenschaftslos zu den Verhörten gesprochen, ohne ihnen je etwas vorzumachen. Er habe immer mit den gleichen Sätzen begonnen: «Sie können sagen, was Sie wollen, aber seien Sie sich im klaren, dass dieses Verhör Ihr calvario, ein Leidensweg, sein wird, denn ich werde Ihnen die gemeinsten Fallen stellen. Sollte es Ihnen gelingen, mich von der Plausibilität Ihrer Aussagen zu überzeugen, dann - und nur dann - erwäge ich, Sie gegen die Bürokratie und gegen die Cosa Nostra zu verteidigen.»
Sein Umgang mit Mafiosi war die beste Schule für den «Feind Nummer eins der Mafia». Er hat gelernt, ihnen zuzuhören, sie zu befragen, sich Respekt zu verschaffen. Aber auch, manche von ihnen zu respektieren. Falcone hat grosse Achtung vor Tommaso Buscetta, Francesco Marino-Mannoia, Antonino Galderone. «Die Mafiosi», sagt Falcone, «sind nicht alle aus dem gleichen Holz geschnitzt, es gibt die sympathischen, die mutigen, die arroganten, die schüchternen.» Was ihn heute, da er in der Via Arenula in Rom stationiert ist, am meisten beunruhigt, ist die Frage, wie er seine Kenntnisse der Mafia umsetzen kann, bevor sie veralten. Denn in der «Ehrenwerten Gesellschaft» ändert sich alles sehr schnell, die Kräfteverhältnisse können rasch wechseln.
Wenn auch die Corleonesi unter Totò Riina noch die Zügel der Organisation in den Händen halten, könnte sich doch die Abnützung auch bei ihnen bemerkbar machen. Riina, seit 1982 der mächtigste Boss der Cosa Nostra, hat innerhalb von zehn Jahren eine straffe Zentralisierung, Hierarchisierung und Spezialisierung durchgesetzt, um den Schaden durch Geständnisse von pentiti gering zu halten und die Reihen der Corleonesi enger zu schliessen. Das Misstrauen ging so weit, dass die Rekrutierung von neuen «Ehrenwerten» wenn nicht aufgehört, so doch beträchtlich abgenommen hat; und oft kennen sich nun die Mitglieder verschiedener «Familien» nicht einmal mehr.
Aber Riinas hegemoniale Absichten werden angefochten durch die alten palermitanischen Bosse, die traditionsgemäss die Kontrolle über die Führungsgremien der Cosa Nostra beanspruchen. Michele Greco, genannt «der Papst», ist das Hauptopfer des Machtwechsels von Palermo nach Corleone. Er könnte bald an der Spitze jener zu finden sein, welche die Vormachtstellung der Hauptstadt der Mafia wieder zu etablieren versuchen. «Mehr als zwei Jahre bleiben uns nicht, um unsere Informationen auszuwerten», sagt Falcone. Er sagt es mit der Ruhe und Abgeklärtheit des herausragenden Technikers im Kampf gegen das organisierte Verbrechen.
Marcelle Padovani ist Buchautorin und lebt als Korrespondentin des «Nouvel Observateur» in Rom.