NZZ Folio 01/02 - Thema: Im Spital   Inhaltsverzeichnis

Die guten Geister

© Giorgio von Arb
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In der Küche. Linktext
Eine Reise durch die Eingeweide des Spitals an einem x-beliebigen Tag.

Von Ursula von Arx

Von oben und von ferne sieht das Bezirksspital Affoltern aus wie ein kleines und sehr unordentlich gewachsenes Dorf. Es ist schön gelegen. So wird man Fenster finden, von denen aus man weithin bis zu den Alpen sieht und sich leicht fühlt dabei. Schon am Haupteingang kann einen das krasse Nebeneinander verwirren. Oder auch nicht. Die schwangere Frau etwa, die eben durch die Tür geht, hat den Totenwagen rechts gar nicht beachtet. Was erwartet den, der sich einen Tag lang durch einen Ort wie dieses Spital treiben lässt?

Das Akutspital. Dann die Tagesheime und das Krankenpflegeheim Sonnenberg. Es gibt das Unsichtbare wie den unterirdischen Operationssaal für den Kriegsfall oder die Geschichten, die sich in der Vergangenheit abgespielt haben. Und man wird auf den Kitt treffen, der den Spitalbetrieb zusammenhält: die pflegenden, fahrenden, flickenden, kochenden, waschenden, putzenden, nähenden Geister.

In Zahlen ergäbe das eine mögliche Begegnung mit 364 Mitarbeitern - davon 50 Prozent Pflegepersonal, 8 Prozent Ärzte, 18 Prozent Medizinische Fachbereiche, 5 Prozent Verwaltung, 16 Prozent Hauswirtschaft und Küche, 3 Prozent Technischer Dienst. Wäre man ein ganzes Jahr hier, könnte man im Akutspital die Behandlung von etwa 2600 stationären und 1600 teilstationären Patienten verfolgen. Im Jahr 2000 wurden hier 329 Kinder geboren, und 71 Menschen sind gestorben. In der medizinischen Abteilung behandelte man vor allem Kreislaufkrankheiten, nämlich 621, und psychiatrische Krankheiten, nämlich 313, es folgten die Krankheiten der Verdauungsorgane, nämlich 193. In der Chirurgie waren am häufigsten: Kniespiegelungen (325), Bauchoperationen (167), Operationen einer Hernie (127).

Erzählt wird einem das von Rudolf Wegmann, seit zehn Jahren der Verwaltungsdirektor des Spitals. Gut gelaunt und gut angezogen sitzt Wegmann in seinem funktional eingerichteten Büro. Wobei er nicht ans Sitzen glaubt. «Managing by walking around» ist eher seine Methode. Da merke man, wo der Schuh drücke.

Irgendein Weg führt zum Technischen Dienst. Dort trifft man auf Henry Fonda, der im wirklichen Leben Mario Blickenstorfer heisst und die Betriebstreue verkörpert, die hier allgemein gross geschrieben wird: Seit 27 Jahren, mehr als sein halbes Leben, repariert der gelernte Maschinenschlosser die Waschmaschinen im Spital Affoltern, er holt das Gebiss, das einer Frau versehentlich in die Toilette gefallen ist, aus dem Siphon, er erlöst den gelähmten Mann, der mit dem Stehbett in die Vertikale gebracht worden ist und dessen Bett nicht mehr in die Horizontale zurückbewegt werden kann, er macht verstopfte Ablaufrohre wieder durchlässig, er stellt den Diaprojektor auf, wenn ein Vortrag gehalten wird, er wechselt Sicherungen aus.

Zu seinem Job gehört es auch, pikettweise den Notfallwagen zu fahren. Etwa 100 Ausfahrten macht er pro Jahr, die Zahl hat sich mindestens verdreifacht, seit er hier angefangen hat. Psychiatrische Fälle, Suizidversuche, all das habe drastisch zugenommen in den letzten Jahren, sagt Blickenstorfer. Einmal kam er in eine Wohnung, in der einer sich aufgehängt hatte. Da läutete das Telefon, die Freundin des Toten sprach auf den Beantworter: Wir müssen nochmals reden. Rufst du mich an? Ein andermal traf er auf eine 16-jährige Frau, die erstochen worden war. Überall Blut in der Wohnung.

Natürlich verfolgen einen solche Geschichten bis in den Schlaf, aber man entwickle schon Elefantenhaut, sagt Blickenstorfer. Sein Kollege Marco Pianezzi, der keinem Filmstar, allein sich selber gleicht, nickt.

Um in die Gops, die geschützte Operationsstelle, dieses Relikt des Kalten Krieges, zu gelangen, muss man eine Tür aufstossen, die aufzustossen eine 53 Kilogramm schwere, normal kräftige Frau nicht in der Lage ist. Auch Mario Blickenstorfer muss sich anstrengen.

Sofort wird die Luft kälter. Man geht an Räumen, angefüllt mit Computern, Röntgenbildern, Betten, vorbei. Als Abstelllager ist die Gops praktisch, sagt Blickenstorfer. Im Notfall, das heisst, wenn die Schweiz vom Feind mit Biowaffen oder einer Atombombe angegriffen würde, sollen hier rund 250 Leute Schutz finden und in den zwei Operationssälen operiert werden können. Es ist alles für diesen Fall gerüstet: ein Lagerraum für Verbandstoffe und Medikamente, Sauerstoffreserven, Wassertanks, eine Waschküche, Lüftung, Heizung, ein eigenes Stromwerk.

Die Gops in Affoltern ist eine von rund 140 schweizweit. 1996 wurde die Anlage, die der Schweizer Bevölkerung 10,9 Millionen Franken wert sein musste, fertiggestellt und ausprobiert: Zwei Tage und zwei Nächte lang operierte und pflegte man hier Patienten. Damit die Gops im Kriegsfall innerhalb von 24 Stunden - so die Auflage des Bundes - betriebsbereit ist, geht jede dritte Woche eine Wäscherin die Wäsche hier unten waschen, so werden Stillstandschäden vermieden. Alle zwei Monate spielen drei Männer vom Zivilschutz den Ernstfall. Regelmässig müssen die Sauerstoffreserven erneuert werden. Die Wartung kostet jährlich rund 15 000 Franken. Als Blickenstorfer die schwere Türe wieder hinter sich geschlossen hat, sagt er: «Um solches zu bauen, brauchte es schon eine gehörige Portion Verfolgungswahn, nicht?»

Zurück an der Sonne. Durchatmen und einen Parkplatz überqueren, dort ist das Personalhaus, gebaut vor etwa 30 Jahren, grossenteils nicht mehr belegt, die Zimmer sind zu klein für heutige Bedürfnisse. Früher waren Pflegeberufe dienende Berufe für Gotteslohn, heute will niemand mehr eine Gemeinschaftsküche und Gemeinschaftsdusche. Im Erdgeschoss ein Aufenthaltsraum mit Cheminée. An einem Fest fing der Teppich Feuer und musste daraufhin entfernt werden. Deshalb jetzt der graue Betonboden, der fast entspannend wirkt neben dem sonst vorherrschenden schweren Braun.

Weiter durch diese verwirrende Ansammlung von Gebäuden, die alle irgendwie zum Spital gehören. Irgendein Weg führt zur Halle vor der Personalkantine. Hier sitzt Frau E. in ihrem Rollstuhl, ihr Alter ist achtzig, obwohl sie sich selber höchstens sechzig schätzen würde. Der Rauch ihrer Marlboros, von denen seit ihrem 18. Geburtstag täglich drei Päckchen zu ihrem Leben gehören, hat schon den ganzen Raum erfüllt und sie fast zum Verschwinden gebracht. Wer zu ihr durchgekommen ist, sieht als Erstes die sorgfältig gestrichenen korallenroten Nägel der Dame, deren Berner Abstammung nach den ersten zwei Worten, die sie sagt, fraglos feststeht.

Frau E., seit zwei Jahren im Krankenheim, über ihre drei Bettnachbarinnen: «Die eine tut so, als ob sie nicht gut höre. Aber sie hört gut. Mich kann sie nicht täuschen. Die zweite ist eine Stündelerin, wenn Sie mich fragen. Sie gibt den Rosenkranz nicht aus der Hand.» Und die dritte? «Über sie kann ich mich nicht beklagen. Sie ist taub und blind. Wenn sie in der Nacht etwas braucht, ruft sie mich. Wenn sie genug lange gebettelt hat, habe ich ein Erbarmen und läute der Schwester.» Frau E. macht sich nun auf ins Café 27, da findet sie Leute, mit denen sie wenigstens anständig jassen kann.

In der Personalkantine gibt Karin Huber Auskunft, sie ist die hauswirtschaftliche Betriebsleiterin. Sie redet schnell und direkt, und bei ihrer burschikosen Art erstaunt es, dass sie für sich eine strikte Anhängerin von Röcken ist. Einzig zum Wandern und beim Skifahren trägt sie Hosen.

Sie leitet zusammen mit Sabine Lerch die Abteilung Hauswirtschaft. Ihnen unterstehen vierzig Leute, die zuständig sind für Wäsche, Reinigung, Personalverpflegung und die Personalunterkunft. Die Wäscherei und die Reinigung sind in multikultureller Hand. Ein Grossteil der Wäsche ist aber Mietwäsche und wird in die Zentralwäscherei Zürich gegeben. Für den Rest, die ganzen Berufskleider, die Putzlappen, die Babywäsche, die Vorhänge sowie die Leibwäsche der rund 100 Bewohner der Langzeitpflege, arbeiten vier Waschmaschinen von morgens um sechs bis abends spät, oft auch am Wochenende. Die Reinigungsleute sind dafür besorgt, dass auf den Abteilungen die Patientenzimmer sauber sind und die Nebenräume, ferner die drei Eingangshallen, die unzähligen Treppenhäuser und die langen Korridore. Ein Fegautomat hilft ihnen dabei.

Karin Huber ist seit 1984 am Bezirksspital. Ihr ist wichtig, dass der Betrieb modern geführt wird. Zum Beispiel hat das Spital schon vor vielen Jahren auf nordische Bettwäsche umgestellt, und in der Reinigung setzt man zeit- und chemiesparende Mikrofasertücher ein.

So, und jetzt muss Karin Huber zum Sonnenberg, wo ein Vorhang gerissen ist. Sie wird abklären, ob man ihn flicken kann oder ob man ihn ersetzen muss. Und dann geht’s gleich weiter zu einer Sitzung.

Im Alterspflegeheim Sonnenberg muss man nur die Namensschilder an den hausinternen Briefkästen anschauen, und man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Die Bewohner haben Namen wie: Adelheid, Lydia, Marie, Emil, Ernst, Klara, Käthi, Johanna, Clara, Emma. Ländlermusik im Hintergrund, im Vordergrund wirbelt der Frauenturnverein Affoltern und verteilt wie jeden ersten und dritten Donnerstag im Monat den selbstgebackenen Kuchen.

Dieser Nachmittag bringt Wilhelm P., der sich als Willi vorstellt, und Yvonne, die ihren Familiennamen vergessen hat, einander näher. Willi, seit fünf Jahren hier, war 17 Jahre lang Bahnhofvorstand von Bonstetten. Willi ist ein Gentleman.

Wenn immer jemand an den beiden vorbeigeht, klärt Willi Yvonne über deren Identität auf. Willi leise: «Jetzt kommt die Marianne, das ist die Chefin hier, eine ganz bäumige Frau.» Willi laut: «Tschau Marianne.» Willi leise zu Yvonne: «Ich nenne sie nur das Rotkäppli. Wegen ihres roten Haarbands.» Yvonne: «Oje, oje, was man auch immer hat.» Willi leise: «Jetzt kommt der Scheuring, ein ganz bäumiger Arzt aus Bonstetten.» Willi laut: «Guten Tag, Herr Doktor.» Willi leise zu Yvonne: «Der Doktor hört nicht mehr so gut.» Yvonne: «Oje, oje, was man auch immer hat.»

Willi und Yvonne verstehen sich prächtig, und der Kuchen schmeckt auch bestens, und so verleben alle beiden einen perfekten Nachmittag.

Es kann einem in diesem vielfach angebauten Gebäudekomplex passieren, dass man irrtümlicherweise wieder beim Haupteingang landet. Schon wieder oder immer noch steht der Totenwagen da. Heinz Bossardt, der Bestatter, hat soeben den Schlüssel des Aufbahrungsraums zurückgebracht, er will nun abfahren und den Sarg nach Zürich ins Krematorium bringen. Vorher gibt er aber noch Auskunft: Nein, es mache ihm gar nichts aus, die Toten anzufassen, und er mache es mit blossen Händen, nicht wie andere, die dazu Handschuhe anzögen.

Bossardt, 66, arbeitet seit zwanzig Jahren in der Branche. In dieser Zeit sei die Hygiene der Leute eindeutig besser geworden, das erleichtere das Waschen. Allerdings hätten die Fälle, in denen ein Toter eine Woche und mehr in seiner Wohnung unentdeckt bleibe, drastisch zugenommen. Er habe sich deshalb das Pfeifenrauchen angewöhnt.

Bossardt ist Tag und Nacht auf Abruf bereit, denn, sagt er, gestorben wird nicht nur während der Bürozeiten. Seine letzten Ferien habe er 1985 gemacht, seither begnüge er sich mit Uhu-Ferien. Was sind Uhu-Ferien? «Ums Huus ume», sagt Bossardt und lacht. Hat er Albträume? Keine. Hat er Wunschträume? Nein.

Ein kleiner Halt auf der Station für Chronischkranke: Eine Pflegerin löffelt einer Frau Tee ein. Löffelchen um Löffelchen. Mit unendlicher Geduld. Die Pflegerin kennt die Frau gut. Sie haben früher zusammen in der Trachtengruppe des Knonauer Amts getanzt.

Nebenan im Aufenthaltsraum gibt es Bewegung. Frau Rinderknecht, geborene Ackermann, besucht ihre Mutter und hat für alle Mandarinen mitgebracht. Sie kommt zwei- bis dreimal pro Woche und kennt die meisten andern Frauen hier von früher. Frau Rinderknecht ist Bäuerin, sie muss nur von ihren Hühnern oder vom Kälbli erzählen, und schon verwandelt sich die schwere Stille im Raum in etwas Lebhaftigkeit. Denn Tiere wecken Erinnerungen bei den Leuten hier, sagt sie.

Der Weg hat zu den beiden Tagesheimen geführt. Um betagte und pflegebedürftige Menschen so lange wie nur möglich in ihrer familiären Umgebung behalten zu können, brauchen ihre Angehörigen Möglichkeiten, sich mindestens tagweise zu entlasten. Zu diesem Zweck wurde 1974 in Affoltern das geriatrische Tagesheim gegründet, es war die erste Einrichtung dieser Art in ländlicher Umgebung. Seither werden pro Tag rund 17 im ganzen Knonauer Amt wohnende Leute morgens mit dem hauseigenen Renault-Bus von zu Hause abgeholt und abends wieder dorthin zurückgebracht. Christian Gant, der Fahrer, versucht gerade, sich aus den Armen seines heissblütigsten Fans zu retten, einer 94-jährigen Frau, die ihn mit ihrem verstorbenen Mann verwechselt und deshalb Werner ruft und offensichtlich verliebt ist in ihn wie ein Backfisch. Morgen wieder, jetzt ist Zeit zum Heimgehen, sagt er.

Einen Stock höher ist das psychiatrische Tagesheim. Menschen, die sich in einer Lebenskrise befinden, unter Depression, Perspektivelosigkeit, Suchtkrankheiten leiden, kommen hierher, wo sie in einem geschützten Raum reden, kochen, malen können.

Hier sind sich die Wirtin, die den damals Betrunkenen rausgeworfen hat, und der damals Betrunkene, der von der Wirtin rausgeworfen worden ist, erneut begegnet. Hier haben sich auch zwei wiedergefunden, die vor vielen, vielen Jahren bei einer Schulaufführung zusammen Klavier gespielt und sich dann aus den Augen verloren hatten. Trotz den kleinräumigen und ländlichen Verhältnissen sind Vereinsamung und Isolation ein grosses Thema, sagt die Kunsttherapeutin Monika Huber, die das Heim seit seiner Gründung vor zehn Jahren leitet.

Es ist dunkel geworden. Die Spitalküche dürfte ihre Arbeit fürs Abendessen zum grössten Teil erledigt haben. Das Labor wurde nicht beschrieben, die Gärtnerin nicht, die Näherin nicht, und was beschäftigt die Leute, die am Empfang arbeiten? Und was die Anästhesieärzte, die Lehrerin für die Pflege, die Diabetesberatung, die Ernährungsberatung, die Betriebsbuchhaltung, den Informatikverantwortlichen? Was wird im Pikettzimmer des Mitfahrdienstes besprochen, was im Sitzungszimmer? Nicht erwähnt wurden die Ausdruckstherapie, die Chiropraktorin, der Coiffeursalon, der Spitalseelsorger, die Physiotherapeutinnen, die Ergotherapeuten, die Assistenzärzte, die Chefärzte, die Pfleger, die Krankenschwestern. Es fehlt das Akutspital, damit auch die Neugeborenenabteilung.

Hundert Tage für einen Ort wie das Bezirksspital Affoltern reichten nicht aus, ein einziger ist nichts. Man hat für diesen einen Tag den Zufall als Führer gewählt.

Ursula von Arx ist Redaktorin bei NZZ Folio.

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