NZZ Folio 07/93 - Thema: Woodstock   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Die bessere Welt

Von Lilli Binzegger

Als im fernen Amerika Woodstock war, begann man hier vielleicht ohne Schuhe zu gehen, heimlich Marihuanajoints zu rauchen, die frühen Beatles aufzulegen oder mit nekrophilem Schauer «Let's go and drink to the death of a clown» zu hören. Die Haare wurden länger, die Röcke kürzer. Man träumte von einer besseren Welt und einem besseren Leben, was oft nur hiess: von einem eigenen Auto, Abenteuern, einer eigenen Loge und vor allem von mehr Geld. Die Umwelt gab es noch nicht, Vietnam war weit weg und der Liebe Gott erst recht, und der freien Liebe standen eher Pickel und überzählige Pfunde im Weg als gesellschaftliche Schranken.

Woodstock? Woodstock sollte dann später nachhaltig in den Köpfen stattfinden, als sich dem politisierten Blick endlich auch jene von Krieg, Umweltzerstörung und Gewinnsucht geschundenen Welt darbot, für die in den Sechzigern in Amerika Hunderttausende auf die Strasse gegangen waren und sich schliesslich zu jenen grossartigen «drei Tagen Musik, Frieden und Liebe» zusammengefunden hatten. Zu jener «goddamned great party», von der die meisten, die dabeiwaren, wohl erst hinterher aus Zeitungsberichten erfahren haben, welches Ereignis sie war. Den Hunderttausenden, die da ihre Befreiung von bürgerlichen Zwängen feierten, LSD schluckten und sich halbnackt oder ganz nackt des Lebens und der Liebe und selbst des monströsen Regens erfreuten, der über dem Festival niederging, dieser Jugend traute man auch alles andere Unziemliche zu. Langhaarige hätten eine Kuh bei lebendigem Leib aufgefressen, hiess es, während die etablierte Presse ganz allgemein den «Niedergang der amerikanischen Jugend» beklagte.

Solche Legenden haben Woodstock zur Legende gemacht und mit den Jahren zum Mythos, der, als gesellschaftliche Idee, jetzt seine Kraft neu entfaltet. Denn in Amerika wie in Europa scheint eine neue Generation zum Aufbruch bereit, während die Woodstock-Generation allmählich das Sagen hat und sich vielleicht der Versprechen erinnert, die Woodstock uneingelöst liess. Stand nicht etwa die Wahl Clintons - ob das nun eine berechtigte Hoffnung war oder nicht - für mehr als einen parteipolitischen Wechsel?


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