. . . Andreas Unterberger, Chefredaktor von «Die Presse», Österreich. 1. Woher kommt der Widerstand gegen die Osterweiterung in Ihrem Land?
Für den Widerstand sind zwei psychologische Faktoren von Bedeutung: der Egoismus der Besitzenden und die Furcht vor Veränderungen. Egoismus und Veränderungsunwilligkeit sind in Österreich besonders ausgeprägt. 2. Wie sieht die EU im Jahr 2010 aus?
Ich fürchte, dass uns eine Phase gegenseitiger Blockierung und Lähmung bevorsteht. Ich bezweifle, dass die Osterweiterung, sosehr ich sie begrüsse, reibungslos über die Bühne geht. Die beiden Hauptmotive für den europäischen Integrationsprozess, das «Nie wieder»-Gefühl nach dem Weltkrieg und die Angst vor dem Kommunismus, sind hinfällig geworden. 3. Welche Vor- und Nachteile hat die Erweiterung für Ihr Land?
Unternehmerischen Menschen bieten sich, schon wegen des Vorteils der geographischen Lage und des Verständnisses der Mentalität in diesem Raum, sehr gute wirtschaftliche Chancen. Gefahren sehe ich bei der inneren Sicherheit ? es könnte zu einem Kriminalitätsimport kommen. Zudem spricht niemand über die Roma. Für die alten EU-Länder werden die Roma zu einer grossen Herausforderung. 4. Was halten Sie von einer Volksabstimmung über die Osterweiterung?
Es gibt gewichtige Argumente dagegen. Die österreichischen Wähler würden nicht über ein Gesetz, sondern über Nachbarvölker abstimmen. Ein Nein nach dem Motto «Euch wollen wir aber nicht dabeihaben» hätte ein unglaubliches Sprengpotential in sich. Wie sollten zwei Nachbarländer nach einem solchen Abstimmungsresultat miteinander leben können? Zudem käme eine Abstimmung rechtlich einem Vertragsbruch gleich. Wenn die Beitrittskandidaten die von der EU genau definierten Beitrittskriterien erfüllen, haben sie ein Recht, der Gemeinschaft beizutreten.
Die Fragen stellte Ermes Gallarotti, NZZ-Korrespondent in Wien.