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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre wenn Leonardo da Vinci ein Flugzeug gebaut hätte
Von Stefan Klein
Keines seiner vielen Interessen verfolgte Leonardo da Vinci so beharrlich wie seinen Traum, zu fliegen. Mehr als drei Jahrzehnte lang füllte er seine Notizbücher mit Hunderten Skizzen von künstlichen Flügeln und Antriebsmechanismen, machte sich Gedanken über den Vogelflug und Luftströmungen, plante sogar das richtige Verhalten nach einer Notwasserung. Und viel spricht dafür, dass er im Jahr 1506 bei Florenz einen – offenbar erfolglosen – Flugversuch unternahm.
Weniger bekannt ist, wie kurz Leonardo davor stand, einen tauglichen Hängegleiter zu bauen. Mehrere Tüftler, die sich in den letzten Jahren an seinen Entwürfen versuchten, konnten mit leicht abgewandelten Nachbauten den Erdboden verlassen. Der Meister aus Vinci kannte sogar das aerodynamisch richtige Flügelprofil. Wenn er dennoch scheiterte, so lag es nicht an mangelnder Technik, sondern an Leonardos fixer Idee, eine Flugmaschine müsse imstande sein, wie ein Vogel mit den Schwingen zu schlagen. Das machte seine Konstruktionen instabil. Einmal aber zeichnete er einen starren Flügel, der auffällig an einen modernen Lenkdrachen erinnert.
Stellen wir uns nun den keineswegs unwahrscheinlichen Fall vor, dass Leonardo diesen Plan weiterverfolgte: Um das Jahr 1505 wurde also bekannt, Leonardo da Vinci habe sich als erster Mensch in die Lüfte erhoben. Sofort stürzten sich die besten Ingenieure der Renaissance auf das Projekt; bezahlt wurden sie von kriegslustigen Herrschern. Bereits 1508 sah man Flugmaschinen in ganz Europa. Damit war sämtliche militärische Taktik der Zeit überholt. Der Gegner hatte keine Geheimnisse mehr, denn der Himmel hing voller Spione. Und bald zeigte sich, dass die Flugmaschine selbst eine Wunderwaffe darstellte. Aus grosser Höhe warfen die Flieger tödliche Bomben, waren aber selbst unangreifbar. Denn noch kannte keiner die Gesetze der Ballistik, die nötig sind, um Flugkörper vom Himmel zu schiessen.
Erstmals in der Geschichte kam es zu Vernichtungskriegen, und neue Mächte wie die helvetische Eidgenossenschaft stiegen auf. Von grösstem Wert war es, eine Anhöhe, einen Berg oder gar ein ganzes Gebirge auf seinem Territorium zu haben. Motoren, um die Flugmaschine in die Lüfte zu befördern, sollte es schliesslich noch lange nicht geben. Weil sich aber im Gleitflug leicht Distanzen über 300 Kilometer überbrücken lassen, konnte man von den Vorgipfeln der Westalpen aus die gesamte lombardische Ebene und auch das Rheintal beherrschen. Seither zählt Schweizerdeutsch zu den meistgesprochenen Sprachen Europas.
Noch bedeutender waren die kulturellen Folgen von Leonardos Tat. Die jahrhundertealte Lehre der Kirche, dass nur den Heiligen und Christus selbst die Himmelfahrt zustehe, war unhaltbar geworden. Das Selbstbewusstsein der Humanisten wuchs gewaltig, und die begabtesten jungen Männer wandten sich der gerade entstehenden Naturwissenschaft zu. Rasch fiel Dogma um Dogma. Leichen durften seziert werden, eine neue Heilkunst setzte sich durch. Ihrer letzten Fesseln entledigte sich die Forschung, als der Dominikaner Giordano Bruno 1585 mit knapper Mehrheit die Papstwahl gewann; er hatte zuvor mit der These von sich reden gemacht, andere Sterne im Universum seien mit intelligenten Geschöpfen bevölkert.
Nach einer im Jahr 2007 veröffentlichten wissenschaftshistorischen Studie wären Forschung und Technik ohne Leonardos Erstflug um mindestens 50 Jahre zurück. So läge die Lebenserwartung in den Industrieländern noch immer bei rund 80 statt bei der längst erreichten biologischen Obergrenze von 120 Jahren. Die beliebten Abenteuerflüge zum Mars wären sogar erst um 2090 möglich geworden. Die Untersuchung entstand in direkter Datenkoppelung von Wissenschaftergehirnen der Universitäten Harvard und Florenz an das elektronische Zentralarchiv der Europäischen Union.
Stefan Klein ist Sachbuchautor. Im Oktober dieses Jahres erscheint von ihm «Da Vincis Vermächtnis» (Fischer); er lebt in Berlin.
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