NZZ Folio 09/99 - Thema: Das Telefon   Inhaltsverzeichnis

Telefusionitis

Die Telekom-Riesen dieser Welt haben Angst und schlagen zu.

Von Frances Cairncross

Die letzten Monate waren eine ereignisreiche Zeit für die Telekommunikationsbranche, die ein Jahr der Fusionen erlebt wie nie zuvor. Jedesmal, wenn man die Zeitung aufschlägt, ist ein neuer Handel über die Bühne gegangen. Die Telekommunikationsindustrie, so kommt es einem vor, feiert eine Orgie des Aufkaufens und Fusionierens, und allenthalben werden komplizierte strategische Allianzen geschmiedet. Es kommt zu Zusammenschlüssen in allen möglichen Varianten.

Mancher alte Riese verwandelt sich in einen neuen Leviathan: AT&T zum Beispiel hat unter der energischen neuen Führung von Michael Armstrong zwei amerikanische Kabelriesen aufgekauft, TCI und MediaOne. So wurde AT&T in wenigen Monaten zur grössten Kabelfirma der USA, und gleichzeitig hat sich der Riese des Ferngespräch-Geschäfts einen direkten Zugang zu etwa einem Drittel der amerikanischen Haushalte gesichert. Zusammenschlüsse finden auch zwischen Firmen statt, die es vor zehn Jahren noch nicht einmal gab - etwa zwischen Qwest, einem jungen Unternehmen, das sich auf das Verlegen von Glasfaserkabeln mit gigantischer Kapazität spezialisiert hat, und der lokalen Telefongesellschaft USWest, der kleinsten der sogenannten Baby Bells.

Andere Zusammenschlüsse vereinen Telecom-Unternehmen mit Firmen aus ganz anderen Branchen - ein Beispiel ist die hart erkämpfte Übernahme von Telecom Italia durch Olivetti. Es gibt Fusionen, die nicht weniger als das Fundament für neue Weltreiche legen, wie diejenige von AirTouch mit dem britischen Mobilfunkunternehmer Vodafone. 60 Milliarden Dollar war den Briten die Übernahme des amerikanischen Branchenkollegen Anfang Jahr wert. Und schliesslich warf auch Swisscom vor zwei Monaten 2,6 Milliarden Franken für den deutschen Mobiltelefonieanbieter Debitel auf, der bisher grösste Deal der Schweizer Telefongesellschaft.

Woher kommt dieser unbezähmbare Drang zur Vereinigung? Und wohin wird er führen? Selbst für jene, die im Telekom-Geschäft tätig sind, ist das Tempo schwindelerregend. Graham Wallace, Chef der britischen Firma Cable & Wireless, sagte kürzlich: «Was früher zehn Jahre brauchte, wird heute in 24 Monate gequetscht. Manchmal hat man das Gefühl, in 24 Wochen.»

Ein Grund für das Tempo ist der Umstand, dass sich die Technologie viel schneller entwickelt hat als die Struktur der Branche. Während das Internet zu boomen begann, der Datenverkehr und die Mobiltelefonie gleichsam explodierten, war das Telekom-Geschäft immer noch eingeschnürt durch Regulierungen aus der Zeit, als das Geschäft zum grössten Teil noch mit dem herkömmlichen Telefonverkehr gemacht wurde.

Während die Technologie Landesgrenzen immer unwichtiger machte - denn wen kümmert es schon, ob eine Website in Seattle oder in Stockholm beheimatet ist? -, blieb das Fernmeldegeschäft lange national fokussiert, vielerorts in den Händen staatlicher Monopolbetriebe.

In den letzten 18 Monaten hat man ungestüm dereguliert und privatisiert; man hat Beschränkungen aufgehoben und neuen Anbietern den Zugang zum Geschäft ermöglicht und damit Fusionen erleichtert. Gelegentlich verführen all die neuen Möglichkeiten zum Leichtsinn, und die in die Freiheit entlassenen Gesellschaften agieren unglücklich - etwa die Deutsche Telekom und die Telecom Italia mit dem gescheiterten Versuch einer Vereinigung. Schnell hat sich auch die Einstellung der Konsumenten verändert: zusehends akzeptieren die Leute, dass die Telefongesellschaft, die sie versorgt, durchaus ein Unternehmen im Ausland sein kann.

Aber nicht allein diese Umstellung zum internationalen Wettbewerb treibt die Umwälzung voran. Noch wichtiger ist der technologische Wandel, der an drei Fronten vor sich geht. Die Ablösung der Kupfer- durch leistungsstarke Glasfaserkabel senkt die Kommunikationskosten; das Wachstum des Internets führt zu einer Verlagerung vom Sprech- zum Datenverkehr; die Mobiltelefonie ersetzt den Draht. Wie genau das alles die Kommunikationsindustrie umgestalten wird, kann niemand mit Bestimmtheit vorhersagen. So sind viele der Fusionen der letzten zwölf Monate denn auch Glücksspiele mit hohen Einsätzen, riskiert von Unternehmen, die hoffen, den Wandel beeinflussen zu können, bevor er sie überwältigt.

Die Glasfaserkabel haben die Produktionskosten im Telekom-Geschäft dramatisch gesenkt und das Preisgefälle zwischen Fern- und Lokalgesprächen ausgeglichen. Riesige neue Glasfasernetze haben die Kapazitäten der Telekom-Industrie massiv erhöht. Die günstigen und gleichzeitig sehr leistungsfähigen Netze, die Qwest und die beiden anderen wichtigen amerikanischen Unternehmen in dieser Branche, Level 3 und Williams, zurzeit errichten, werden so viel Verkehr bewältigen können wie das ganze heutige amerikanische Fernnetz. Die Konsumenten spüren das bereits: AT&T bietet in den USA zum Tarif von 12 Cent pro Minute Ferngespräche an jeden beliebigen Ort im Land und auch nach Grossbritannien an.

Über kurz oder lang wird für die meisten Anrufe wahrscheinlich das Tarifmodell des Internets gelten: wohin immer in der Welt ein Gespräch geht, die Kosten sind dieselben. An Leitungskapazität wird es nicht mangeln. Wenn all die Glasfasernetze gebaut werden, die amerikanische Betreiber angekündigt haben, so hat es ein kürzlich im «McKinsey Quarterly» erschienener Artikel vorgerechnet, wird sich in den nächsten drei bis fünf Jahren die Kapazität der amerikanischen Hauptnetze verzweihundertfachen. Kapazität, das heisst: Bandbreite wird zur Massenware. Zu einer Massenware, die von Telekom-Unternehmen gekauft und verkauft wird wie Öl, Orangensaft oder Schweinebäuche.

Menschen können nur eine beschränkte Zahl von Anrufen tätigen, aber ihre Lust, Daten zu übertragen, scheint unersättlich. Ob einer nun Fernsehbilder aus dem Internet herunterlädt oder Dokumente aus seinem Büro in ein anderes übermittelt oder schnell elektronisch den Stand des Bankkontos abruft: in allen Fällen wird digitale Information ausgetauscht, die nicht auf die Technologie der alten, auf Sprechverkehr hin angelegten Telefonnetze angewiesen ist. Darum basieren die neuen Netze - und die extrem leistungsfähigen Computer, die den Verkehr durch diese Netze leiten - auf dem Internet Protocol (IP), dem Standard zur Datenübermittlung.

Laut der Marktforschungsfirma Datamonitor wächst der IP-Datenverkehr jährlich um 1000 Prozent, während die Wachstumsrate des herkömmlichen Telefonverkehrs bei weniger als 10 Prozent liegt. Nächstes Jahr wird der IP-Verkehr mengenmässig den herkömmlichen weltweit übertreffen. Und weil auch Gespräche als Daten übermittelt werden können, werden die neuen IP-Netze nicht nur den wachsenden Datenverkehr schlucken, sondern auch einen Teil des Sprechverkehrs in den herkömmlichen Netzen.

Diese Veränderungen bedeuten für die grossen Telefongesellschaften eine Bedrohung, und sie erklären deren verzweifelte Versuche, mit neuen Partnern im neuen Business Fuss zu fassen. AT&T etwa, deren Hauptgeschäft bisher der Fernverkehr war, sucht das Heil darin, möglichst schnell Kunden im Nahbereich zu finden und ihnen lokale Netze mit hoher Kapazität zu bieten. France Telecom, die sich mit einer Milliarde Dollar beim grossen englisch-amerikanischen Kabelbetreiber NTL beteiligt, entwickelt sich in eine ähnliche Richtung.

Der nationale und der internationale Fernverkehr waren früher die Haupteinnahmequellen der ehemaligen Monopolisten. Heute müssen sie aber feststellen, dass dieses Geschäft sich zusehends zum Handel mit einer Massenware entwickelt, der gekennzeichnet ist von schmalen Margen und grossen Skalenerträgen. Das heisst: Nur wer eine gewisse Grösse erreicht, kann happige Gewinne einstreichen. Es ist absehbar, dass die Kapazität der grossen internationalen Netzwerke von einigen wenigen effizienten Betreibern kontrolliert wird; diese verkaufen sie an Grosshändler und die wiederum an Detailhändler.

Beim Aufbau ihres lokalen Kundenstamms sind die Telefongiganten seit einigen Jahren noch mit einer anderen Herausforderung konfrontiert: der drahtlosen Telefonie. Der durchschlagende Erfolg des Mobiltelefons hat sie ebenso überrascht wie das Wachstum des Internets - und das lässt sich noch weniger entschuldigen.

Von allen neuen Telefonanschlüssen, die weltweit registriert werden, sind schon heute mehr als die Hälfte mobil; in Finnland sind die Hälfte aller Telefone Handys. Sobald der Grossteil des Sprechverkehrs über mobile Telefone stattfindet - und das wird schon bald so sein -, verändert sich die Beziehung der Telefongesellschaften zu ihren Kunden grundlegend: ein Telefon wird nicht länger an eine feste Adresse gebunden sein, sondern an ein nicht ortsgebundenes Individuum. Zudem werden vermehrt Kunden ihre Telefonrechnung nicht mehr im Abonnement bezahlen, sondern - wie beim Natel easy - Gesprächszeit im Laden kaufen.

Erst das Mobiltelefon ermöglichte auch einen wirklichen Wettbewerb in der Versorgung von Privatkunden und kleinen Unternehmen. Grosse Firmen hatten schon lange die Wahl zwischen mehreren Telefongesellschaften, weil Firmen wie MCI Worldcom ihre Glasfaserkabel in den grossen Städten für eben diese grossen Firmen legten. Ein Netz eigens für kleinere Kunden zu bauen war nie rentabel, darum mussten die Telefongesellschaften deren Anrufe über das existierende Netz des Rivalen leiten.

Aber die Kosten eines satellitengestützten Netzes im Himmel sind weit niedriger. Dazu kommt, dass Regierungen, die das Monopol eines Festnetzbetreibers schützten, auf dem Mobilmarkt Konkurrenz oft zuliessen. Das trieb die Innovation und das Wachstum des Markts voran. Neue Gruppen von Telefonkunden wurden gewonnen - Jugendliche und vermehrt sogar Kinder -, die sich mit eigenen Telefonen ausrüsten.

Ob mobil oder nicht, grundsätzlich gilt für das Telefonieren: Die Signalübermittlung wird zum Geschäft mit einer Massenware und entsprechend geringen Margen. Das Geld wird man mit den Zusatzdiensten verdienen, die man den Kunden schmackhaft macht - was das Telefon-Business noch einmal radikal verändern wird. Das erklärt, warum Telefongesellschaften sich mit Kabelbetreibern zusammenschliessen.

In Japan hat die Firma Nintendo im Juni angekündigt, dass sie für Besitzer eines Gameboy neue Spiele anbietet, die sich via Mobiltelefon herunterladen lassen - der Gameboy wird zum Telefon-Accessoire. Wie lange wird es dauern, bis der Gameboy zum Telefon wird? Das Mobiltelefon ist ja jetzt schon ein tragbarer Minicomputer. Die Grenzen verschwimmen, und fast alles scheint möglich. In Grossbritannien waren die Internet-Provider bis vor einem Jahr spezialisierte Firmen. Heute findet man darunter Elektronikdiscounter (Dixons), Fluggesellschaften (Virgin), Zeitungen («Sun») und viele andere.

Kann man erst einmal Kommunikationskapazität im Laden kaufen, kann ein Telefon beliebige digitale Daten übertragen, kann eine digitale Datenverarbeitungsmaschine Gespräche führen - dann ist nicht länger klar, was eine Telefongesellschaft eigentlich definiert. Kein Wunder, fühlen sich die Männer an der Spitze der riesigen Telefongesellschaften dieser Welt plötzlich einsam und ein bisschen verängstigt. Kein Wunder, strecken sie die Hand aus nach einem Partner, der mit ihnen die Risiken der Zukunft teilt, während sie ins Ungewisse vorwärtsschreiten.

Frances Cairncross ist Redaktorin der englischen Wochenzeitschrift «The Economist». 1997 erschien bei der Harvard Business School Press ihr Buch «The Death of Distance. How the Communications Revolution Will Change Our Lives». Die Autorin lebt in London.


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