NZZ Folio 12/07 - Thema: Rätsel   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Besucher im eigenen Leben

© Heinz Unger
Spitalähnliche Atmosphäre im Schlafzimmer – oder ist es der Arbeitsraum eines Komplementärmediziners? Linktext
Ein unnahbarer Shiatsu-Therapeut? Ein blitzblanker Junggeselle? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Herzeigen heisst nicht unbedingt preisgeben. Einblick in Küche, Bad und Schlafgemach sei uns gegönnt, aber Anzeichen eines Alltagslebens sind spärlich. Wohnt hier jemand, oder kommt der Mieter nur hin und wieder zu Besuch? Aber selbst dann müsste er als zivilisierter Bewohner dieses urbanen Lofts doch mal Hände waschen und Zähne putzen!

Kommt und geht hier kein gewöhnlicher Sterblicher, der weltliche Dinge wie Seife und Zahnbürste braucht, oder zeigt er lieber nur seine blitzblanke Seite und versorgt alles subito im Spiegelschrank? Sofort wegschmeissen, wie Jack Nicholson im Film «As Good as it Gets», wird er die Seife nach dem Händewaschen wohl nicht…

Die Kunstkarten sind in Reih und Glied im Duschvorhang drapiert, die CD akkurat gestapelt; so gradlinig, wie der Bewohner im Leben steht, liegen Agenda und Magazine auf dem Tisch. In der Küche wird nicht gekocht, sie dient eher dazu, Salat zu machen und Mineralwasser kühl zu stellen, die saftigen Birnen und rotbackigen Äpfel sind schon fast eine Überdosis an Lebendigkeit.

Vermutlich wohnt hier ein unnahbarer Junggeselle, die Bettbreite legt dies nahe. Handelt es sich um das Refugium von einem, der auf dem harten Pflaster der Businesswelt tätig ist, der sich hier ­allem Rummel entzieht und seine Oase der Leere und Ruhe pflegt?

Das Schlafzimmer wirkt ausgelotet bis zum Lampenschwung; dem Diplom, gleich einem Orden, gehört eine ganze Wand. Eitel ist er schon, unser Mann, er öffnet uns seine Bleibe und den Nachbarn die Fenster, zeigt sein durchgestyltes Imperium; bei Bedarf macht er mit dem schwarzen Vorhang aber dicht. Dass er sich uns nicht so recht offenbaren will, zeugt vielleicht von seinem Bedürfnis nach Diskretion, welches die Gründe auch immer sein mögen.

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Diese Räume sind das Resultat einer Umnutzung. Die Gebäudestruktur, wie die Fensterachsen oder die Raumhöhe, war ursprünglich nicht für den Wohnungsbau bestimmt.

Im Jargon der Immobilienbranche werden solche Objekte heute als «Loft» angepriesen. «Loft» meint im Ursprung umgenutzte Lagerhallen aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Dieser Ort erinnert indes eher an Grossraumbüros aus den 1960ern. Mit viel gutem Willen wurden hier Teile wie die Küche dazugefügt, die sich aber nicht harmonisch mit dem Bestehenden verbinden wollen – eher stemmen sie sich dagegen, wie man beim Durchgang vom Wohn-/Essraum zum Schlafzimmer sehen kann.

Die Materialien für den Innenausbau sind neutral gewählt; Weiss und Grau sind eine optimale Grundlage, um eine eigene persönliche Stimmung aufzubauen, diese Bewohner haben es jedoch vorgezogen, nur mit schwarzem Leder, schwarzen Vorhängen und Chromstahl Akzente zu setzen, was dementsprechend kalt und wenig wohnlich wirkt.

Einzig im Schlafzimmer wird mit einer Malerei ein Farbtupfer gesetzt. Oder wird hier gar nicht geschlafen? Ist dieser Raum ein Arbeitszimmer? Ein Diplom an der Wand legt die Vermutung nahe, dass hier Shiatsu oder eine andere Komplementärmedizin praktiziert wird. Das könnte auch erklären, weshalb die Beleuchtung nicht zum Lesen geeignet ist und persönliche Gegenstände fehlen. So richtig gesunden mag man in dieser spitalähnlichen Atmosphäre allerdings nicht.

Stefan Zwicky


Adrian Göldi, Anwalt

«Warum Sie blaue OP-Überziehschuhe bekommen? Damit Sie Ihre Strassenschuhe anbehalten können. Oder möchten Sie Ihre Schuhe lieber ausziehen? Ich bin zu Hause immer barfuss, ich mag, wie sich dieser Fussboden anfühlt. Teppich wäre nichts für mich. Ich leide an keinem übertriebenen Hygienebedürfnis, sondern bin eher ein praktisch denkender Mensch. Stellen Sie sich vor, was Ihre Schuhsohlen in der Stadt betreten, da möchte ich nicht barfuss drübergehen.

Den Wecker stelle ich morgens auf zehn nach sechs, dann drücke ich mehrmals die Sleeptaste und schlafe bis zehn vor sieben weiter. Rasieren, duschen, kurz frühstücken und anziehen schaffe ich in exakt einer halben Stunde. Meist nehme ich den Halb-acht-Uhr-Zug ab Zürich HB oder spätestens den Acht-Uhr-Zug. Ich geniesse die Fahrt mit der Sicht in die Alpen. Beim Pendeln habe ich Zeit, zu mir zu finden.

Ich arbeite in Zug im Bereich der Geldwäschereibekämpfung und bin vor allem für die Begleitung von Sanktions- und Schiedsverfahren und Revisionsfragen zuständig. Ob der Beruf zu mir passt? Ich denke schon, weil ich gerne konstruktiv streite, argumentiere. Die Dinge werden ja interessanter, je eingehender man sie betrachtet.

Ich bin vor einem Jahr von Zug nach Zürich gezogen, weil ich eine neue Stadt entdecken wollte. Eine Wohnung zu finden, war nicht einfach, bei Drei- oder Vierzimmerwohnungen werden meist Pärchen bevorzugt. Für dieses Loft gab es zum Glück wenig Bewerber. Das Gebäude ist aus den 1950er Jahren, es war ein Bürogebäude und Hauptsitz des Globus.

Vor zwei Jahren wurden die Büroflächen zu Wohnungen umgestaltet. In den Gebäudekomplex integrierte man zwei Innenhöfe. Die Mieter der Wohnungen bei den Innenhöfen schauen sich gegenseitig auf den Esstisch, das wäre nichts für mich.

In meine Wohnung kann man zwar auch hineinschauen: Gegenüber liegen ein Kindergarten und ein Kleidergeschäft – aber nachts, wenn ich zu Hause bin, ist dort niemand mehr. Gleich daneben ist eine Bäckerei. Ab Mitternacht beginnt die Produktion. Wenn ich im Sommer die Fenster gekippt lasse, höre ich das Piepsen der Knetmaschine und das rhythmische Aufschlagen des Teiges in der Trommel. Ob ich vom frischen Brotduft keinen Appetit bekomme? Nein. Essen ist für mich kein besonders wichtiger Lebensinhalt. Ich bin aber kein lustfeindlicher Mensch. Ich mag panierte Schnitzel mit Béchamelsauce und frischem Gemüse aus dem Garten meiner Grossmutter – wenn sie es kocht.

Mein Loft ist weder ungemütlich, noch hat es eine spitalähnliche Atmosphäre, finde ich. Das Schlafzimmer mit der poetischen italienischen Larvenlampe, dem leidenschaftlichen rot-schwarzen Bild ist doch sehr lebendig. Es handelt sich um eines meiner Lieblingsbilder und ist in meinen Augen ein sinnliches Werk, das Leidenschaft, Vergänglichkeit, Abschied und Neubeginn symbolisiert. Das Bild malte meine Mutter, sie ist Künstlerin. Es stammt aus dem Halabja-Zyklus und zeigt eine liegende Frau. Der Zyklus gedenkt der Opfer des Giftgasangriffs auf das nordirakische Kurdendorf Halabja.

Der graue Grundton des Bodens und das neutrale Weiss der Decken und Wände lassen mich jede Farbe differenzierter wahrnehmen. Der Apfel, das Tischset, die Vase bekommen so mehr Gewicht. Je nach Lichtverhältnissen sind sogar unterschiedliche Grautöne des Bodens sichtbar. Die Wohnung ist meine Oase und mein Rückzugsgebiet. Hier bin ich weit weg von der reizüberfluteten Aussenwelt.

Im allgemeinen komme ich gegen 19 Uhr von der Arbeit zurück. Meist gehe ich noch etwas trinken, ins Kino oder bei mir um die Ecke in die Pizzeria. Manchmal mache ich mir zu Hause ein Café complet oder sonstwas Kleines. Für mich allein koche ich fast nie. Vielleicht ein einfaches Risottogericht, bei dem schon alles gewürzt ist.

Wenn Sie darauf bestehen, kann ich aber etwas kochen. Wir könnten auch ­zusammen kochen? Ach so, Sie haben schon gegessen. Meine Küche gefällt mir eigentlich auch viel besser nur zum Anschauen. Sie erinnert mich an einen Maschinenraum. Da wäre es doch ziemlich unpassend, Kuchenformen, Ofenhandschuhe, lustige Magnete und andere heimelige Staubfänger aufzuhängen, finden Sie nicht auch?»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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