ICH BIN am 14. Juni 1913 im Eichi in Trimstein zur Welt gekommen, als ältestes von sechs Kindern. Jetzt leben noch fünf. Alle sind verheiratet ausser mir und dem jüngsten. Ich bin zum Heiraten z'schüüch gewesen. Ich habe schon als Schulbub arbeiten müssen. Mit 18 habe ich zu Hause den Melker gemacht. Auf dem Hof waren 12 Kühe, 1 Muni, 8 Gusti, 2 Pferde. Der Vater hat manchmal Leute angestellt aus dem Schwarzenburgerland, wenn viel Arbeit war. Taglöhner. Er hat sie in Bern auf dem Märit geholt. Am Anfang hatte der Vater neben uns Kindern noch einen Knecht, nachher haben wir alles selber gwärchet. Im Militär war ich bei der Artillerie, als man die Geschütze noch mit den Rossen zog. Bei den Siebeneinhalbern. Jetzt ist alles motorisiert. Nur die Gebirgstruppen haben, glaube ich, noch Esel. Im Krieg mussten wir den Bauern helfen, mussten bschütten, Erdäpfel austun, am Anfang im Waffenrock, später gab es dann Überkleider.
Sechs Jahre habe ich mit dem Bruder unseren Hof vom Vater in Pacht gehabt, aber es ist nicht gegangen wie es sollte, und wir sind vonenand. Als 1965 der Vater starb, hat der Bruder den Hof übernommen. Ich bin als Knecht zur Schwester nach Oberdiessbach. Sie hatte dort einen Bauern geheiratet. Nach zwei Jahren bin ich zum Vetter in die Herrenbächlen. Auch ein Gfeller Ernst. Der ist inzwischen im Stöckli, ein Sohn bauert jetzt, auch ein Ernst, und der hat vier Kinder, eins ist auch wieder ein Ernst. Dort habe ich vier Jahre lang allergattig gemacht. Als ich 50 wurde, hat mir die Frau eine Torte gebacken. Nachher kam ich nach Worb, zu Wälti Hermann, einem Cousin mütterlicherseits. Dort habe ich zwölf Jahre den Knecht gemacht. Mit siebzig habe ich immer noch gwärchet, aber sie wollten mir keinen Lohn mehr geben, ich hatte am Schluss 300 Franken Lohn gehabt. Sie wollten Kostgeld von mir. So bin ich nach Öschberg ins Dienstbotenheim gekommen, vor 14 Jahren. Hier wohne ich mit 36 Männern und 9 Frauen zusammen, alles pensionierte Knechte und Mägde. Hier auf dem Öschberggut habe ich ein Jahr den Melker gemacht und dann zu den Gusti geschaut und zum Rössli und den Miststock gezöpfelt. Ich habe einen schön gezöpfelten Miststock gemacht. Einmal ist Herr Kopp, der frühere Heimleiter, aus dem Dorf heimgekommen und hat gesagt: Du, Ernst, unser Miststock ist das Dorfgespräch. Weil er so schön war. Ich habe viele Fotos vom Miststock, auch Farbfotos. Manchmal ist er sogar in der Zeitung gekommen.Diesen Sommer habe ich zu den Erdbeeren und den Rüben geschaut. Im Winter bin ich im Holz. Die Arbeit wird mir schon ein bisschen schwer. Ohne wärchen ist es mir aber zu langweilig. Wenn ich nichts zu tun habe, will es nicht Abend werden. Als ich jung war, bin ich am Sonntag in der Hostet herumgegangen und habe nach den Bäumen geschaut. Auf den Tanz ging ich nicht. Die Musik hat mir schon gefallen, aber vom Tanzen wurde mir sturm.
Am Sonntag höre ich Radio. Fernsehen schaue ich nicht, davon bekommt man müde Augen. Ich lese die Berner Zeitung, das ist eine interessante Zeitung. Das Politische interessiert mich. Bundesrat Ogi finde ich gut, und auch Frau Zölch. Die gäbe eine tüchtige Regierungsrätin. Ich habe für den EWR gestimmt. Die Schweiz kann doch nicht mehr immer alles für sich allein machen. In der Landwirtschaft haben es der Melker und die Bäuerin am strengsten. Im Stall ist schnell eine Kuh oder ein Kalb ab, da ist gäng etwas los. Und im Haushalt auch, das ist eine endlose Aufgabe für eine, die es recht machen will. Arbeitslos zu sein muss streng sein für einen, der dann gar keinen Verdienst mehr hat. Etwas zu grübeln braucht man, das ist auch gesünder. Wenn ich nichts mehr machen würde, wäre ich jetzt nicht so gut zwäg. Mit den Frauen im Heim komme ich gut aus. Auch mit den Meitschi! In meinem Zimmer hängt ein schönes, frommes Bild aus dem letzten Jahrhundert. Es ist mein Begleiter schon mein Leben lang und hilft mir, durchzuhalten in schweren Zeiten. Schon zweimal war mein Leben am Grabesrand.