NZZ Folio 06/99 - Thema: Krieg um Kosovo   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Augen zu und sehen?

Von Ursula von Arx

ANNELIES STRBA, geboren 1947 in Zug, hatte 1990 in der Kunsthalle Zürich ihre erste Ausstellung. Heute ist sie eine der international bekanntesten Schweizer Fotokünstlerinnen. Im Ausland vor allem, in New York und in London, strömen die Menschen zu ihren Bildern. Seit sie fünfzehn ist, fotografiert Annelies Strba täglich, eine Kunstkarriere hatte sie aber nie im Sinn. «Ich eine Künstlerin? Es ist mir eigentlich ziemlich egal, wie man mich nennt.»

Annelies Strba, lassen Sie uns über Ihre Anfänge, Ihr erstes Mal reden.

Ein erstes Mal gibt es gar nicht, oder dann gibt es das immer. Immer wieder wird man geboren. Aber ich will gar nicht über meine Leben reden. Ich kann sowieso ganz schlecht reden.

Wenn Sie Ihre Bilder anschauen, können Sie keine Entwicklung feststellen?

Über Kunst reden ist sehr langweilig.

Irgendwann hatten Sie eine Kamera in der Hand.

Ich sollte das KV machen. Aber jeden Abend weinte ich, und nach drei Monaten wurde es so schlimm, dass ich auch krank wurde. Meine Mutter legte mir eine Broschüre der Berufsberatung auf den Nachttisch und sagte: Bis morgen hast du dich entschieden! Ich sah, dass man als Fotografin im Dunkeln, also im Labor, arbeitet und dass man aus weissem Papier etwas hervorzaubert. Da wusste ich sofort ganz sicher, so eine Zauberin will ich werden.

Und so mussten Sie dann ganz viele Pass- und Hochzeits- und Familienfotos machen?

Vor allem solches, ja. Aber ich bin sehr froh, dass ich diese Lehre gemacht habe. Eine Schule, das wäre nichts für mich gewesen. Denn ich kann nichts machen, was man mir vorschreibt. Alles entsteht aus mir selbst. Andere Kunst inspiriert mich nicht. Ich besuche keine Galerien, keine Museen, und einen Fernseher habe ich nur für meine eigenen Videos.

Was war Ihr erstes Foto?

Sowie ich eine Kamera hatte, habe ich fotografiert. Ich musste. Meine ersten Bilder entstanden beim Eindunkeln und waren völlig unterbelichtet. Von unserem Balkon aus habe ich andere Häuser fotografiert, Häuser zogen mich immer schon an. Ich sehe die Geschichten, die hinter ihren Mauern spielen, die Ehen, die Kinder, die Enge, dieser Alltag.

Was machten Sie mit den Bildern?

Nichts. Ich machte auch viele Selbstportraits, und jeden Tag fotografierte ich mein Zimmer. In meinen Bildern kann ich eine innere Welt heraufholen, Ängste, Sehnsüchte, Erinnerungen, die weit zurückgehen, etwas, wovon ich nie gehofft hätte, dass ich das sichtbar machen könnte, das ganz Flüchtige und ganz Ewige.

Mit zwanzig haben Sie geheiratet.

Und rasch nacheinander hatten wir die drei Kinder, wir kauften ein Haus, das immer auch zu tun und zu bauen gab, wir hatten Geldprobleme, was halt dazugehört. Ich hatte wenig Zeit. Und oft, wenn ich dann nachts nach Hause kam, und die Kinder in all dem Chaos aus Decken, Kissen, Kätzchen schlafen sah, manchmal noch in den Kleidern, so erschöpft und still, musste ich davon Bilder machen. Ich habe Tausende von Bildern gemacht, die lagen dann einfach herum, manche habe ich aber gar nicht erst entwickelt.

Wann drücken Sie jeweils ab?

Ich kann nie sagen, wann und warum. Wenn ich den Auslöser drücke, schliesse ich die Augen. Ich komponiere meine Bilder nicht. Ich arbeite stark aus dem Unbewussten, wie in Trance und ganz flink. Das geht wie der Blitz. Mit einer Kamera sieht man mich nie.

Was macht ein Bild interessant?

Das kann ich nicht sagen. Aber ich weiss immer sofort, wenn ein Bild nicht stimmt. Wenn ich eine Ausstellung mache, kann ich tagelang ausprobieren, welche Bilder wie zusammenkommen müssen, da lasse ich mir von keinem Ausstellungsmacher etwas vorschreiben. Da bin ich sehr streng und sehr sicher.

Sie wirken sanft und biegsam.

Ich kann mich gut anpassen. Äusserlich nachgeben und dann doch exakt das durchziehen, was ich selber will, dies bewährt sich vor allem für Frauen. Sie sollten es nicht so ohne weiteres aufgeben.

Wie kam es, dass Ihre Bilder ausgestellt und dem Publikum bekannt wurden?

Reiner Zufall. Die richtigen Leute, so scheint es, sahen zufällig meine Bilder und waren interessiert.

Und heute sind Sie reich?

Aber nein.

Immerhin müssen Sie jetzt öfter reisen.

Ja. Aber ich mache nur, was ich will. Luxus bedeutet mir nichts. Ich werde zurzeit oft eingeladen, Videos und Slidesinstallationen zu machen. Ich finde es absurd, für eine Ausstellung in Amerika für Tausende von Franken Bilder dorthin zu transportieren. Ich mag es, wenn ich mit dem Köfferchen hingehen kann, anzünden kann, wieder ablöschen kann, und dann ist nichts mehr da.

Was würden Sie tun ohne Kamera?

Musik. Ich mache jetzt schon Musik. Töne kommen und gehen.


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