DAS NEUE GUERLAIN ist da. Das kommt nur alle paar Jahre vor und ist immer ein Ereignis. Als ich noch klein war, veränderte jede Neulancierung auf subtile Weise das Leben: Man konnte keine Pariser Strasse entlanggehen, ohne zu bemerken, dass ein neuer Klang in der Luft schwebte. Die Spannung ist geblieben, nur sieht sie heute etwas anders aus. Nachdem die Familie Guerlain vor einigen Jahren das Familiensilber an LVMH (die Microsoft der Düfte) verkauft hatte, setzte Guerlain zum Sprung von dem Wolkenkratzer an, der in neun genialen Jahrzehnten erbaut worden war. Seither befindet sich die Marke in zeitlupenhaft freiem Fall; viele Parfumliebhaber warten auf den Aufprall.
Zuerst kam das lächerliche Champs-Elysées, ein dermassen abgeschmackter und trügerischer Duft, dass selbst die Androiden von LVMH Gewissensbisse gehabt haben müssen. Zum Glück erwies er sich, nicht zuletzt dank der ungeschickten Werbung, als Reinfall. Dann kam Mahora, eine tropische Kreation, die nicht nur kolossal vulgär war (was an sich noch nicht schlecht sein muss), sondern auch zutiefst humorlos.
Nun, nach einer angemessenen Pause, in der Guerlain mehrere kunstvolle, aber unambitionierte Düfte produzierte, unter anderem das exzellente Shalimar Légère, soll der grosse Wurf gelungen sein. Er heisst L’instant und wurde zum ersten Mal in der Firmengeschichte offen von einem aussenstehenden Parfumeur komponiert, nämlich von Maurice Roucel. Roucel ist einer der Grossen, der Vater von Düften wie Tocade, 24 Faubourg und Envy. Dennoch möchte ich wetten, dass selbst ihn die Aussicht, seinen Namen in Guerlains Denkmal einzuritzen, mit Ehrfurcht erfüllt hat. Gerüchte kursierten, dass Frankreichs grösstes Parfumhaus bei den Rohstoffen keinerlei Kosten scheute, um der Welt zu demonstrieren, dass sein Urteilsvermögen während der letzten fünf Jahre nur vorübergehend eingeschlummert war.
Allein, der Absturz geht leider weiter. Von der Kopfnote bis zum Fond durchquert L’instant nur altbekanntes Territorium, von Dune über Allure bis zu J’adore. Gewiss, die Ingredienzen sind exquisit. Roucels Signatur, eine Magnolienblattessenz, unterlegt den herausragenden Jasmin- und Ylang-Akkorden ein neues, ruhiges, holzig-limonenhaftes Fundament. Die Basisnote steht so solide wie ein Fels, reich und pudrig. Die Moschusaromen duften ungewöhnlich kostbar: Sprühen Sie sich L’instant vor dem Diner auf den Handrücken und lecken Sie daran, wenn der Fruchtsalat kommt. Das Extrait riecht anders als das Eau de parfum, dunkler und üppiger.
Und dennoch – der Duft ist weniger als die Summe seiner Teile und riecht, als sei Roucels Begabung durch irgendein Komitee verwässert worden. Er wirkt wie reiche Müssiggänger beim Spiel: Alles Geld und alle Kunstfertigkeit werden aufgeboten, um einen gesichtslosen Dunst des Luxus zu verbreiten, Schönheit ohne Sinn und Verstand, Zierde ohne Ziel. Der Boden nähert sich unaufhaltsam. Wird Guerlain überleben?