NZZ Folio 01/97 - Thema: In der Krise   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- In Sophies Welt oder das Los der Familienfrau

Von Joni Müller

SEIT DIE HAUSFRAU politisch nicht mehr ganz korrekt ist und drum mehr und mehr zur Familienfrau degeneriert, hat sie's noch schwerer als zuvor. Früher konnte sie ihr ganzes Wirken aufs Gedeihen und Putzen des Haushaltes konzentrieren und die Kinder noch so nebenbei grossziehen. Doch die Familienfrau kann sich nicht mehr brüsten mit und verstecken hinter perfekt gestärkten Hemdkrägen und selbstgemachtem Kartoffelstock. Nein, sie ist gefordert von früh bis spät, und dies von der ganzen Familie.

Ausser dem Stärken der Hemden wurde praktisch alles aus dem alten Pflichtenheft übernommen; was einmal mehr klarmacht, dass politische Korrektheit nur Etikettenschwindel ist.

Denn auch als Familien- bleibt die Hausfrau der Neger. Zusätzlich zum bisherigen wurde ihr ein gewaltiges Pensum mehr oder weniger anspruchsvoller Aufgaben neu übertragen: Sie muss Kevin ins Judo fahren, selber Pesto herstellen, Nathalie vom Ballett abholen, Sophies Welt lesen, Kevins Tennisschuhe packen, mit den Zimmerpflanzen reden, Nathalie ins Modellieren bringen und den organischen Abfall kompostieren.

Immerhin hat die Familienfrau auch gewisse Helferlein bekommen, welche ihr hartes Los etwas weicher machen. Beispielsweise den Mikrowellenofen, die halbautomatische Zitronenpresse und den Fixfertigfischfond im Glas. Doch diese Erleichterungen können die infamste Forderung nie und nimmer wettmachen, welche der Familienfrau die letzte Sekunde Freizeit geraubt hat: die Pflicht zur Kreativität.

Eine Familienfrau ohne kreative Ader ist keine, ist Rabenmutter, Schlampe und Versagerin zugleich. Um ihrem Namen gerecht zu werden, muss sie nicht nur kreativ kochen, kreativ nähen und kreativ bügeln. Vielmehr soll sie auch der reinen und sinnentleerten Kreativität als solcher frönen. Dem Glasritzen, dem Seidenmalen, dem Ikebana und dem Töpfern also, um nur die gängigsten Formen aufzuzählen. Und schuld an dieser perfiden Entwicklung sind nicht etwa Martin, Peter oder Urs, sondern Annabelle, Brigitte oder Petra.


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