GEHEN SIE in die Parfumerieabteilung eines grossen Warenhauses (wie ich letzte Woche in Paris), und schauen Sie sich um. Praktisch über Nacht hat eine Revolution stattgefunden: Die kleinen Nischenparfumerien nehmen jetzt den zentralen Raum ein, während die grossen Firmen der Vergangenheit an den Rand gedrängt werden. Wäre mir das vor einigen Jahren prophezeit worden, die blosse Vorstellung hätte mich zu Freudensprüngen veranlasst. Und nun?
Lassen Sie am Chanel-Stand ein paar Duftstreifen mitlaufen, sprühen Sie die Düfte der Kleinen auf, dann tragen Sie sie nach Hause und beschnuppern sie nach Lust und Laune. Was stellen Sie fest? Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen (siehe unten): kein einziges grosses Parfum.
Stattdessen bekommen Sie das ol faktorische Gegenstück zu zweitklassiger naiver Malerei: falsche Schlichtheit, griffige Namen, eine Art kratzfüssige Mittelmässigkeit zum künstlerischen Manifest erhoben. Dann lesen Sie die Pressemitteilungen dazu: eine sintflutartige Salbaderei über teure natürliche Rohstoffe und die feierliche Distanzierung vom krassen Kommerz der grossen Häuser. Sie meinen, die Burschen hätten halb Neuguinea nach schwarzen Orchideen durchkämmt, um Ihnen jenes Fläschlein zu kredenzen, für das Sie gerade 150 Franken hingeblättert haben. Dann riechen Sie am Parfum, und Sie wissen sofort: die haben Leverkusen nie verlassen!
Wie konnte es dazu kommen? Sehr einfach: Erstens geht es den Herrschaften ums liebe Geld. Die Welt ist voller Schafsköpfe, die ein Parfum nur deswegen kaufen, weil es nicht von einer grossen Firma stammt, in dem naiven Glauben, dass niemand sonst denselben Duft trüge. Das ist ungefähr so, als wollte man Hummel über Mozart stellen, weil niemand Hummel summt.
Zweitens ist die Konkurrenz zwischen den Nischenanbietern mässig, weshalb sie schnell schlampig werden. Man kann über grosse Namen sagen, was man will, aber wenn sie einen Auftrag an einen Dufthersteller vergeben, dann hat jeder gute Parfumeur dieser Welt bereits seinen Kampf um diesen Duft geführt, und der Sieger hat mehrere hundert Variationen durchmachen müssen. Das bedeutet nicht notwendig, dass dabei ein guter Duft herauskommt, aber es garantiert immerhin, dass man nicht mehr an einem Erstentwurf schnüffelt.
Die Ausnahmen? Da sind einige wenige kleine Unternehmen, die regelmässig grosse Parfums herstellen wie Patricia de Nicolai und Serge Lutens. Und es gibt eine verheissungsvolle Firma, die das Zeug hat, eine Legende zu werden wie Coty, Guerlain, Caron oder Piguet: Frédéric Malle. Malle ist der Diaghilew der Düfte; die grössten Parfumeure stehen Schlange, um für ihn zu komponieren, und er würdigt ihre Arbeit durch die Verwendung der besten Rohstoffe. Bestellen Sie unter www.editionsdeparfums.com ein paar Muster, sein «coffret à essais»: zwölf Parfums für 120 Franken, von denen, wenn es mit rechten Dingen zugeht, mindestens sieben auch im Jahre 2024 noch erhältlich sein müssten.