NZZ Folio 01/02 - Thema: Im Spital   Inhaltsverzeichnis

Hundert Jahre Gemeinsamkeit

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1903: Röntgenapparat angeschafft. 1914: Hinter dem Krankenasyl Schweinestall und Hühnerhof errichtet. 1974: Hoher Besuch aus der DDR. 1996: Krankenhaus fast geschlossen. Die wechselvolle Geschichte des Spitals Affoltern.

Von Kaspar Meuli

Um Weihnachten 1996 wurde im Knonauer Amt das Bezirksspital plötzlich zu einem Thema ersten Ranges. Das Spital sollte geschlossen werden! Eine Institution, so selbstverständlich wie die Kirchen in den Dörfern rund um den Hauptort Affoltern am Albis - und auf einmal war ihre Zukunft in Frage gestellt. Als Erster davon erfahren hatte der Verwaltungsdirektor des Spitals, Rudolf Wegmann, an einer Zusammenkunft seiner Berufskollegen Ende November im Zürcher Hotel Widder. Dort erläuterte die kantonale Gesundheitsdirektorin Verena Diener an der Konferenz der Verwaltungsdirektoren die sogenannte Spitalliste 1998: das kostentreibende Überangebot sollte verschwinden. Dazu mussten im Kanton Zürich 600 Spitalbetten abgebaut werden. Für sechs Zürcher Regionalspitäler bedeutete dies das Aus.

Manche von Rudolf Wegmanns Kollegen waren schon gar nicht mehr zum Treffen mit der Regierungsrätin erschienen; zu aussichtslos kam ihnen die Lage vor. Für das Spital Affoltern waren die Dinge weniger klar. Sofort geschlossen werden sollten nur Gynäkologie und Geburtshilfe; den übrigen Abteilungen gewährte die Gesundheitsdirektion eine zweijährige Gnadenfrist, danach sollte die Lage neu beurteilt werden. So oder so, die Empörung in Affoltern war gross, man empfand die Vorschläge Dieners als einen Tod auf Raten. «Ohne komplettes Grundversorgungsangebot hätten wir nicht überlebt», sagt Spitaldirektor Wegmann. «Die Mitfinanzierung durch die Krankenkassen wäre so nicht mehr gesichert gewesen.»

Im Bezirk Affoltern machte man mobil. Politiker aller Parteien wurden mit Telefonanrufen eingedeckt. Die Botschaft der Bevölkerung war klar: «Wir wollen unser Spital behalten.» An einer Ärzteversammlung beschloss man eine professionelle PR-Kampagne zur Erhaltung des Spitals. Im Handumdrehen machten die Hausärzte der Region dafür 30 000 Franken locker. Der Arzt Daniel Zimmermann - er hatte mit Gleichgesinnten aus anderen Berufen die Aktion «SOS - Säuliamt ohne Spital?» ins Leben gerufen - holte sich Rat bei drei Zürcher Swatch-Werberinnen. Eine ihrer Ideen: ein Marsch über den Üetliberg nach Zürich. So wie die Säuliämtler sich in ihrer Geschichte schon verschiedentlich gegen Zürich zur Wehr gesetzt hatten.

Schliesslich lancierte man aber eine Petition zur Erhaltung der Geburtsabteilung, die bei der Bevölkerung auf grösstes Echo stiess. Überall lagen die Unterschriftenbogen auf, bei den Hausärzten so gut wie in den Postbüros. Drei Monate später übergab eine Frauendelegation der Gesundheitsdirektorin die Unterschriften. 12 050 Einwohner, beinahe die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung im Einzugsgebiet des Spitals, hatten ihren Namen auf die Liste gesetzt.

Heute, vier Jahre nach jenen turbulenten Tagen, ist die Zukunft des Spitals gesichert; im Psychiatriebereich wird das Angebot sogar ausgebaut. Das kleine Regionalspital hat weitherum einen guten Ruf. Man ist stolz auf Errungenschaften wie die Vernetzung mit den umliegenden Hausarztpraxen, auf das auf Ganzheitlichkeit bedachte Spitalleitbild, auf die jährlichen Philosophiewochen. Alles Zeichen dafür, dass in diesem Spital immer wieder über die eigene Arbeit nachgedacht wird.

Schon die Gründerväter vor hundert Jahren hatten über das Spital gründlich nachgedacht. Zum Beispiel darüber, wie sicherzustellen wäre, dass das Krankenasyl in Affoltern und nicht an einem anderen Ort des Bezirks gebaut würde. Dem Gemeinderat war ein Spital im eigenen Dorf 7000 Franken wert - damit war die Standortfrage entschieden. Der Kanton Zürich steuerte 2000 Franken an die Baukosten von 179 514 Franken 77 Rappen bei. Ohne die Spenden von Industriellen aus der Region wäre das für 30 Patienten ausgelegte Spital nicht gebaut worden. Eröffnung war im Jahr 1902.

Affoltern mochte zwar ein kleines Provinzspital sein, aber den Anschluss an die technische Entwicklung verschlief es nicht. 1903, kaum wurde die bahnbrechende Entdeckung von Wilhelm Conrad Röntgen kommerzialisiert, kaufte das Krankenasyl als erstes Landspital im Kanton einen Röntgenapparat. Er kam nicht etwa bei Knochenbrüchen zum Einsatz, sondern zum Röntgen der verschiedenen Tuberkuloseformen. Tuberkulose zählte vor hundert Jahren zu den häufigeren Todesursachen. Heute ist sie im Spitalalltag eine Rarität, jetzt führen Eingriffe am Knie die Rangliste der häufigsten chirurgischen Fälle an, während in den ersten fünfzig Jahren kaum je ein Knie operiert worden war. «Diagnosen sind ein Spiegel der Gesellschaft», sagt Martin Christen, Chefarzt Chirurgie. «Nur die Freizeitgesellschaft kennt so viele Sportunfälle. Nur eine Gesellschaft, in der die Menschen alt werden, hat so viele Krebskranke.»

Der Erste Weltkrieg brachte das junge Spital an den Rand des finanziellen Zusammenbruchs. Es fehlte an Geld für Kohle, Bettwäsche und Lebensmittel. Um der Not zu begegnen, wurden hinter dem Spital ein Schweinestall und ein Hühnerhof errichtet. Aber auch die Bevölkerung half. Sie bekräftigte ihre Verbundenheit mit dem Bezirksspital, wie das Krankenasyl nun hiess, mit Gönnerbeiträgen und Naturalien. Der Jahresbericht 1920 vermerkt: 24 Leintücher aus Ottenbach, 50 kg Bienenhonig aus Hausen, sackweise Kartoffeln aus Dachlissen und Uerzlikon sowie «eine grosse Zeine Kirschen» von einem ehemaligen Patienten.

Als 1930 der Ausbau des Spitals auf 70 Betten abgeschlossen wurde, waren die Patienten und ihre Besucher längst zu einem Wirtschaftsfaktor für das lokale Gewerbe geworden. Ein Spitalchronist rechnet vor, wie eine einzige Patientin in den Läden im Dorf Blumen- und Geschenkkäufe von über 500 Franken auslöste, eine erstaunliche Summe für jene Zeit. Die hospitalisierte Frau, schreibt der Chronist, bekam im Durchschnitt täglich fünf Besuche - und verbrachte 90 Tage in Spitalpflege. Eine lange Genesungszeit, aber in den Anfängen des Bezirksspitals waren Aufenthalte von über 40 Tagen die Norm. 1980 lag der Schnitt dann noch bei 10 Tagen, heute ist er auf 7,5 Tage gesunken.

Während der Jahre des Zweiten Weltkriegs schienen fast nur der Ausbau der Teeküche 1942 und zwei Hagelwetter der Erwähnung wert, die im selben Jahr über die Gegend zogen. 1958 meldet die Chronik an allen Ecken und Enden einen Mangel an Hauspersonal, das damals vor allem aus Italien stammte. Die Lage spitzte sich derart zu, dass die Spitalleitung von der Fremdenpolizei einen grosszügigeren Umgang mit Arbeitsbewilligungen für Ausländer verlangte.

Noch etliche Male in der Geschichte des Spitals sollte Personalmangel ein Thema sein, heute präsentiert sich die Situation jedoch ganz anders. Als eines der wenigen Zürcher Akutspitäler kennt Affoltern bei den Pflegeberufen keine Sorgen. Im Gegenteil, das Bezirksspital kann sich seine Mitarbeiter aussuchen. «In Affoltern ist das Klima gut, es herrscht ein besonderer Geist», sagt Edith Spörri vom Schweizer Berufsverband der Krankenschwestern und Krankenpfleger (SBK). «Man merkt, dass die Spitalleitung aus sehr menschlichen Persönlichkeiten besteht.»

Was macht Affoltern für das Personal so attraktiv? Die personelle Konstanz, glaubt Mechthild Willi Studer, Leiterin des Pflegedienstes, man hat ausgesprochen wenige Wechsel. Weil nicht dauernd neue Leute eingearbeitet werden müssen, hat das Team mehr Zeit. Mehr Zeit für den Umgang mit Patienten, was Stress abbauen hilft. Aber auch mehr Zeit für Weiterbildung. Für eine pädagogische Zusatzausbildung etwa, die es Schwestern und Pflegern ermöglicht, Verantwortung für Kollegen und Kolleginnen in Ausbildung zu übernehmen. Diese Beständigkeit ist auch dadurch begünstigt worden, dass man früh auf Teilzeitarbeit gesetzt hat. Junge Mütter stiegen mit kleinem Pensum ein und haben es nach und nach erhöht. Und schliesslich der sogenannte Personalpool: Über diese unbürokratische Personalvermittlung kann der Pflegedienst an strengen Tagen auf eingeführte Mitarbeiterinnen zurückgreifen; daran beteiligt sind auch die lokalen Spitex-Organisationen.

Vor 30 Jahren nahm am Bezirksspital ein Mann seine Arbeit auf, der den Geist nachhaltig prägte: Peider Mohr, Chefarzt der medizinischen Abteilung, Vater des Affoltermer «Vernetzungsmodells»: der partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Spital, Hausärzten und der Spitex, die heute über die Landesgrenzen hinaus als vorbildlich gilt. Dem charismatischen Mohr gelang es, unter den Ärzten des Bezirks ein Klima zu schaffen, das bis heute deutlich weniger von Konkurrenzdenken geprägt ist als anderswo. Sein Kniff war es, jungen Kollegen dabei behilflich zu sein, sich mit einer Arztpraxis in der Region niederzulassen. Zwei Drittel der heute im Einzugsgebiet praktizierenden Hausärzte waren als Assistenten am Bezirksspital tätig. «Das hat eine Übereinstimmung im Grundsätzlichen geschaffen», sagt der Chefchirurg Martin Christen. Und einen zwanglosen Umgang untereinander.

Ein Beispiel: Vor zwei Jahren rief einer der Affoltermer Hausärzte seine Kollegen zu einem Mittagessen zusammen und eröffnete ihnen: «Ich habe zu viel zu tun.» Und ob sie nicht auch fänden, man könnte einen zusätzlichen Arzt vertragen? Nach kurzer Diskussion war sich die Runde einig, man fragte einen Allgemeinpraktiker an, ob er sich nicht am Ort niederlassen wolle. Auch er war Assistenzarzt am Spital gewesen, man kannte ihn von der gemeinsamen Arbeit her.

Der Austausch zwischen dem Spital und den 40 Hausärzten der Region hat in Affoltern System. So finanzieren die Ärzte seit bald zwanzig Jahren eine zusätzliche Assistentenstelle am Spital. Im Gegenzug übernimmt jeweils einer der Assistenten nach Möglichkeit ihre Ferienvertretungen. Ebenfalls seit Jahren trifft man sich jeden Dienstagabend zur Weiterbildung im Spital. Danach gibt es Gelegenheit zur Fallbesprechung zwischen den Haus- und den Spitalärzten. Die Hausärzte bringen dabei ihr Wissen über die Lebensgeschichte und das soziale Umfeld der Patienten mit ein. «In der Stadt», sagt Christian Hess, Chefarzt Innere Medizin, «geht dieses wertvolle Wissen mit der Einweisung ins Spital meist verloren.»

Mohr hatte 1974 am Bezirksspital auch die sogenannte Tagesklinik geschaffen. Eine Neuheit, deren Pioniercharakter selbst Besucher aus der DDR ins Säuliamt führte. Die Grundidee: Man bietet ambulanten Geriatriepatienten - und mittlerweile in einer zweiten Abteilung auch psychisch Kranken - im Spital verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten und Therapien an. Diese Betreuung erlaubt es ihnen, weiter in ihrer vertrauten Umgebung zu leben. Ohne dieses Angebot stiessen pflegende Angehörige oft an ihre Grenzen.

Die Tagesklinik - heute Tagesheim genannt - sollte nicht die einzige Erweiterung bleiben, das Spital wurde über die Jahrzehnte laufend vergrössert. Bis 1980 erstmals von Abbau die Rede war: die Gesundheitsdirektion wollte die schlecht ausgelastete Geburtsabteilung schliessen lassen. Doch schon damals setzten sich Spital und Bevölkerung erfolgreich zur Wehr. Die Regierung revidierte ihren Entscheid, und als ein Gynäkologe ans Spital berufen wurde, nahm die Belegung der Abteilung schlagartig um einen Drittel zu.

Doch mit einer guten Auslastung gab sich das Bezirksspital nicht zufrieden. 1989 betrat Affoltern therapeutisches Neuland. Der um ganzheitliches Denken bemühte Chefarzt Christian Hess («Kranksein ist eine existentiell Form des Menschseins») initiierte am Spital die kunst- und ausdrucksorientierte Psychotherapie. Damit wird den Patienten ermöglicht, sich mit der tieferen Bedeutung der Krankheit für ihr Leben auseinanderzusetzen. Mittlerweile ist die Ausdruckstherapie Spitalalltag und wird als Therapieansatz, was für die Leiterin der Psychotherapie, Annina Hess-Cabalzar, Voraussetzung ist, vom ganzen Spital mitgetragen. Die dafür bewilligten 250 Stellenprozente werden aus dem Spitalbudget finanziert.

So viel Innovationsfreude liess auch die kantonale Gesundheitsdirektion aufhorchen. Als das Bezirksspital 1989 den Abschluss der jahrelangen Sanierungs- und Erweiterungsarbeiten feierte, rühmte der damalige Gesundheitsvorstand Peter Wiederkehr: «Das Knonauer Amt kann stolz sein auf sein Bilderbuchspital.» Und auch die heutige Gesundheitsdirektorin Verena Diener ist des Lobes voll: «Es gibt dort sehr viele sensibilisierte Menschen, die sich als Team verantwortlich fühlen. Kurz: ein gefreutes Spital.»

Der innovative Geist in Affoltern hat sicher auch damit zu tun, dass die führenden Köpfe Arbeit und Freizeit oft nicht trennen - und nicht nur sie. Für die Vorträge und Diskussionen während der Philosophiewochen etwa müssen Ärzte und Pflegepersonal Freizeit hergeben. Die Anlässe sind trotzdem sehr gut besucht. Bezeichnend war auch die Diskussion ums Spitalleitbild 1992. Während Spitäler oft fixfertige Konzepte einkaufen, zog man sich in Affoltern zur Klausur zurück und redete sich die Köpfe heiss. Was dabei herauskam, ist ein von allen getragenes «Menschenbild», das Gesundheit und Krankheit «als sich ergänzende Pole» sieht. «Körper, Seele und Geist sind für uns eine Einheit; sie lassen sich weder beim gesunden noch beim kranken Menschen trennen.»

Seit der Kampf ums Überleben ausgestanden ist, blickt man im Bezirksspital wieder nach vorne. Dass 1998 in Affoltern - erstmals an einem Zürcher Grundversorgungsspital - eine integrierte Psychiatriestation bewilligt worden ist, nimmt der Chefarzt Christian Hess als Zeichen dafür, dass die Affoltermer Form von Gesundheitsversorgung «nicht nur quasi aus Versehen überlebt hat».

Die Reflexion über die eigene Arbeit im Spital liegt Hess besonders am Herzen. Die 1998 von ihm initiierten Philosophiewochen haben im Spitaljahr ihren festen Platz gefunden. Jeweils während zweier Wochen pro Jahr ist der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid im Spital zu Gast. Er schläft im Personalhaus, hält als «philosophischer Seelsorger» Sprechstunden für Mitarbeiter und Patienten und Vorträge zu Themen wie Angst, Tod, Selbstbegrenzung, Berührung, Langeweile, Heiterkeit - Themen, die im Spitalalltag von Bedeutung sind.

Seit 1999 sind im Spital Affoltern unter dem Titel «Reflexion über medizinisch-ethische Urteilsfindung» auch Gesprächsrunden institutionalisiert, in denen man Grundlagen für schwierige Entscheidungen am Krankenbett zu schaffen sucht. An diesen Gesprächen nehmen alle Pflegenden teil, nicht nur ein «Ethik-Rat», an den in anderen Spitälern Gewissensfragen oft delegiert werden. Ausgangspunkt für die Diskussion ist jeweils ein Dilemma aus dem eigenen Alltag. Soll der Wunsch eines Sterbenden respektiert werden, nicht in ein anderes Spital verlegt zu werden, oder fügt man sich dem massiven Druck seiner Familie? Wie verhält man sich gegenüber einem geriatrischen Patienten, der seine Beruhigungsmittel ausspuckt? Ist es statthaft, ihn mit Tropfen in der Suppe ruhigzustellen? Fragen, die die Pflegenden oft rasch zu entscheiden haben.

Im Jahr 2000, zwei Jahre vor seinem 100. Geburtstag, bot das Spital Affoltern wieder eine Premiere. Als erstes öffentliches Spital wandte es sich mit einer Imagekampagne an seine Kundschaft. Der Slogan: «Zuhören und Verstehen. Behandeln und Pflegen. Ganz nah.» Fragt sich bloss, ob es in Affoltern solche Werbeaktionen eigentlich noch braucht. Denn neun von zehn Patienten, die Spitalpflege brauchen, wählen in Affolterns Einzugsgebiet ohnehin schon ihr Krankenhaus vor der Tür.

Kaspar Meuli ist freier Journalist. Er lebt in Biel.


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