NZZ Folio 02/00 - Thema: Im Netz   Inhaltsverzeichnis

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Das Internet stürzt die chinesische Führung in ein Dilemma.

Von Ulrich Schmid

Das Internetcafé an der Strasse des langen Friedens in Peking ist das Gegenteil einer Sensation: hell, warm, gemütlich und etwas schmuddelig. Aus dem Lautsprecher - es ist Weihnachten - dringen Jingle Bells, Stille Nacht und Sinatra, und vor den etwas veralteten Rechnern klappern junge Menschen auf Tastaturen herum, an denen jedes Reinigungsmittel versagen muss. Das Café ist gut besucht, die Kellnerinnen sind so freundlich wie alle Kellnerinnen in Peking, und der von Weihnachtsschmuck umrahmte Bildschirm verwandelt auf einer deutschsprachigen Website alle Umlaute in pittoreske chinesische Schriftzeichen. Die Besucher, viele Chinesen, einige Westler, arbeiten zielstrebig und ruhig, aber es wird dennoch geredet und gelacht, und wer einmal nicht mehr weiter weiss, muss auf Hilfe nicht lange warten.

Alles ist Selbstverständlichkeit hier, sogar der Verzicht auf Politisches, das von der Partei gar nicht goutiert wird und, soweit man das sehen kann, auch auf keinem Bildschirm auftaucht, obwohl es doch nur einen Klick entfernt ist. Zwei Studentinnen, die regelmässig hierher kommen, wehren gelassen ab. Politik? Kein Interesse. Wirklich nicht? Nein, nicht das geringste. Sie holen sich Daten für eine Biologie-Arbeit aus den Tiefen des virtuellen Raums. Die brauchen sie für die Schule. Mit Politischem können sie nichts anfangen, sorry. «Sorry», sagen sie, mit amerikanischem a im ersten Vokal, obwohl sie beide nie in den USA waren. Wenn sie genug haben von Drosophila und Mendel, gehen sie zu McDonald's.

Keine Frage: Das Internet ist zur Normalität geworden in China, und nichts und niemand wird seinen Siegeszug stoppen können, nicht einmal die Partei. Die Hochglanzbroschüren, die in Pekinger und Schanghaier Ausländerkreisen zirkulieren, sind voll von bewundernden Geschichten über die chinesischen Internet-Unternehmer, meist im Ausland ausgebildete, recht junge Sprösslinge besserer Leute, die mit einigen Hunderttausend Dollar Risikokapital hingegangen sind und Firmen aufgebaut haben, die unweigerlich florieren.

Leute wie Charles Zhang, der Gründer von Sohu, Peggy Yu, die Inhaberin einer rasch expandierenden virtuellen Buchhandlung, Y. Q. Zhang, der Boss der Nachrichten-, Warentest- und Suchmaschine Eguo, oder William Ding, Chef bei Netease, geniessen in den Grossstädten fast schon Superstar-Status und verkörpern den Typ global denkender Jungunternehmer, der in China derzeit am besten ankommt. In ihrem Jargon, der sich ganz am kantenlosen, anglifizierten Skript der Rechner orientiert, scheint alles genuin Chinesische ertrunken zu sein, und es überrascht denn auch nicht, wenn man erfährt, dass praktisch alle im Ausland ihr Handwerk gelernt haben. Was sie vereint, ist nebst einer Begabung zur Verdrängung alles Politischen ein fast grenzenloser Optimismus - eine Zuversicht, die manchmal etwas befremdlich anmutet, die aber verantwortlich ist dafür, dass sie, die auch im Ausland ohne weiteres hätten reich werden können, zurückgekehrt sind nach China: ein umgekehrter «brain-drain» gleichsam und etwas, das China Ländern wie Russland, denen die Wissenschafter in Scharen weglaufen, voraus hat.

Was die Zhangs und Dings anspornt, ist die Aussicht, dank einer raschen und nachhaltigen Expansion im grössten Land der Welt reich zu werden. Natürlich bestreiten sie dies - die noble Verachtung für materielle Gier wird auch hierzulande in der Oberschicht langsam chic, und zudem ist Rücksicht zu nehmen auf die Kerntruppe der Hacker und Computerfreaks, der auch in China etwas Proletarisches anhaftet. Doch die Bevölkerungszahl Chinas evoziert bei den jungen Unternehmern Visionen in rauhen Mengen. Es lockt der «grösste Markt aller Zeiten» - wer wollte da abseits stehen?

Die Zahlen geben den Investoren vorläufig mehr als recht. Schätzte man Anfang 1999 die Zahl der Internet-Anwender noch auf etwa 3 Millionen, waren es Mitte Jahr ungefähr 5 und bei Jahresende bereits deren 7 Millionen. Im Jahre 2003 sollen, wie die Beraterfirma BDA China errechnet hat, 33 Millionen ans Netz angeschlossen sein - Experten, die etwas übermütiger extrapolieren, kommen sogar auf 100 Millionen. Dass es aufwärtsgeht, steht also ausser Frage. Die Webseite von William Ding beispielsweise wird heute täglich bereits 4,2 Millionen Mal besichtigt, mit steigender Tendenz. Diese Zuwachsraten liegen weit über dem, was Banken an Zinsen anzubieten haben, und damit dürfte der weitere Kapitalfluss gesichert sein. Das Werbebranche ist brennend interessiert.

Wo sich so viel Potential und Zukunftsglaube begegnen, erheben jene, die auf die statistischen Realitäten verweisen, nur noch schüchtern und irgendwie geniert die Stimme. Zur Kenntnis zu nehmen sind sie dennoch - wer die Fakten vernachlässigt, wird es im chinesischen Internetmarkt schwer haben. Zu bedenken ist erstens, dass es «die Chinesen» in diesem Geschäft genauso wenig gibt wie in anderen Bereichen und dass den breiten Massen der Zugang zum Internet bis auf weiteres verschlossen bleiben wird. Die «1,2 Milliarden Konsumenten», von denen in der Branche manchmal geschwärmt wird, sind ein Wunschtraum.

Selbst die billigsten Computer sind für den chinesischen Durchschnittsverdiener derzeit viel zu teuer; wer 500 oder 800 Yuan (rund 100 bis 150 Franken) im Monat nach Hause trägt, vor der Entlassung steht oder eine Rente bezieht, kann an einen Rechnerkauf gar nicht denken, und angesichts der enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in denen sich das Land befindet, ist ein markantes Anwachsen des Durchschnittslohns nicht in Sicht. Den meisten Chinesen fehlt, zweitens, das Utensil, das zum Einkaufen im Cyberspace unentbehrlich ist: die Kreditkarte. In den grossen Städten des Ostens ist die Karte zwar längst bekannt, doch weil man ein beträchtliches Depot zahlen muss, um sie zu erhalten, ist ihre Popularität begrenzt. Bis sie sich auf breiter Basis durchgesetzt hat, werden noch Jahre vergehen.

Anderseits: Wenn in China zehn Prozent der Bevölkerung relativ reich werden, dann sind das 120 Millionen Menschen, und das ist ein lukrativer Markt, selbst wenn sich die übrigen 1,1 Milliarden noch jahrelang mit einem Minimaleinkommen begnügen müssen. Findige Firmen wie das Portal «MyWeb» sind zudem daran, das Problem der fehlenden Rechner durch eine Aufrüstung des guten alten Fernsehers zu lösen: Sie möchten die rund 320 Millionen Apparate im Land mit einem System von kleinen Schaltstationen (Set Top Boxes) vernetzen und dadurch dem Internetgebrauch erschliessen. Falls diese Geräte zu vernünftigen Preisen zu haben sein werden, wird sich der Internetmarkt erheblich vergrössern. Das Problem der niedrigen Löhne allerdings wird noch auf Jahre hinaus nicht zu lösen sein. China ist ein bitterarmes Land; das Einkaufen im Netz wird hier noch lange keine Rekorde brechen.

Die Regierung betrachtet diese Entwicklung mit einer Mischung aus Argwohn und Faszination. Man braucht das Internet nicht als das Allheilmittel gegen Diktaturen und Despoten zu betrachten, um zu verstehen, dass ihm enormes Sprengpotential innewohnt. Freier Informationsfluss und Transparenz, Voraussetzung und Charakteristikum des Netzes, gefährden jede etablierte Macht, die nicht legitimierte ganz besonders. Schon jetzt verbreiten Dutzende von Dissidentenorganisationen per Internet und E-Mail regierungskritische Information in China, und dass sich der Kenntnisstand der Bevölkerung, die Fähigkeit zur Bildung politischer Gruppen und der Wunsch nach Partizipation via Internet markant vergrössern lassen, steht ausser Frage.

Auch in Peking weiss man, dass der dramatische Aufstieg der regierungsunabhängigen Organisationen im Westen Hand in Hand ging mit der explosionsartigen Ausbreitung des Internets. Doch die KP befindet sich in einem Dilemma. Kappt sie den Zugang zum Internet, würgt sie nicht nur ein unerhörtes Geschäft ab, sondern verhindert auch Chinas Einstieg in den globalen Markt, der ohne Netz undenkbar ist. Vorläufig versucht man es in bekannter Manier mit einer Mischung aus Laissez-faire im Geschäftlichen und Kontrolle im Politischen. Was auch immer an Information über Taiwan, Tibet oder Xinjiang ins Netz gelangt, wird sofort untersucht und gegebenenfalls blockiert.

Genau wie die Wirtschaftsliberalisierung generell, ist auch das Internet in der Partei heftig umstritten. Eine starke Hardliner-Faktion stemmt sich gegen Neuerungen, und bereits gibt es erste Signale dafür, dass mit dem bevorstehenden Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) noch nicht das letzte Wort in Sachen Marktöffnung gesprochen ist. Schon kurz nach der Verkündigung des chinesisch-amerikanischen Abkommens trat die Nemesis aller Internetanhänger, der konservative Minister für Informationsindustrie, Wu Jichuan, vor die Kameras und zählte genüsslich auf, welche Prügel er investitionswilligen ausländischen Firmen in den kommenden Monaten zwischen die Beine zu werfen gedenkt.

Ins Visier Wus sind primär jene Firmen geraten, die mehr als 50 Prozent Anteile an Joint ventures halten, etwas, was laut den Bestimmungen des Vertrags mit den USA in den ersten beiden Jahren nach einem Beitritt Pekings zur WTO nicht gestattet ist. Wu will zudem sicherstellen, dass die Behörden auch künftig alle Internetseiten inhaltlich überwachen und elektronischen «Abfall» von den Chinesen fernhalten. Ohne Lizenzen wird es also auch in Zukunft nicht gehen - eine Einsicht, die den Kenner der chinesischen Bürokratie schaudern lässt.

Für die ausländischen Firmen ist allerdings die Ungewissheit, die Wus Mahnungen provoziert haben, längst zum Normalzustand geworden. Unternehmen wie Dow Jones, Yahoo oder Intel haben bisher insgesamt rund 100 Millionen Dollar in den schwach und unklar regulierten chinesischen Markt fliessen lassen; sie haben jahrelang mit dem Risiko gelebt, von heute auf morgen hinausgeworfen zu werden und alle ihre Einlagen zu verlieren. Wus ominöse Ankündigungen werden sie also nicht schrecken. Dennoch ist der Ton, der aus dem Informationsministerium kommt, alles andere als erfreulich. Was Wu sagt, widerspricht nicht nur dem Geist des WTO-Abkommens, sondern auch den Darstellungen amerikanischer Beamter: Sie sind der Ansicht, der Vertrag nehme Firmen, die sich bereits im chinesischen Internetmarkt engagiert hätten, von den Investitionsbeschränkungen aus.

Eine Lösung dieser Widersprüche ist erst zu erwarten, wenn sich die Kommunisten auf einen klaren Kurs geeinigt haben - und das kann, wie die Vergangenheit zeigt, sehr lange dauern. Unterdessen werden die Westler nicht untätig sein und mit Hilfe verständnisvoller, beeinflussbarer Beamter und einer schönen Stange Geld versuchen, vollendete Tatsachen zu schaffen. Und sollten die Restriktionen auf ausländischem Kapitalzufluss tatsächlich verschärft werden, wird man sich mit der Gründung von Firmen zu helfen wissen, die ihre Einlagen als «Zahlungen für Dienste» getarnt über Hongkong nach China schleusen.

Das Fazit könnte simpler nicht sein: Das Internet kommt. Es kommt vielleicht nicht ganz so rasch und ganz so durchschlagend, wie manche hoffen, aber es kommt mit Macht, und die Chinesen, fröhliche, erfindungsreiche Liebhaber des technischen Raffinements, werden es umarmen und lieben. Die entscheidende Frage ist vielmehr, was dies für die Kommunisten bedeutet. Müssen sie sich einer Welt, in der der freie Informationsfluss triumphiert, beugen und die Macht abgeben, oder schaffen sie die Quadratur des Zirkels und bleiben Regenten über ein Volk, für das die Moderne nicht politische Teilhabe, sondern unverbindliche Kommunikation und technische Spielerei ist?

Möglich, dass die Antwort, welche die Zeit auf diese Frage geben wird, so manchen Westler überrascht. China hat in seiner 5000jährigen Geschichte mit der Demokratie nie auch nur geliebäugelt, und die Annahme, dass ein paar Rechner und Telekommunikationsverbindungen schaffen werden, was sonst noch niemandem gelungen ist, wirkt etwas blauäugig. Internet ist nicht gleich Demokratie, und vermutlich wird man sich daran gewöhnen müssen, dass Kommunikationsformen, die im Westen per se als emanzipatorisch gelten, in China an der politischen Realität noch eine ganze Weile nichts ändern. Zudem ist nicht zu vergessen, dass die zunehmende virtuelle Vernetzung auch die Kontrollmöglichkeiten technisch versierter Regime erweitert - für die Kommunisten, die nicht nur mit Einschüchterung, Gewalt und Drohung, sondern eben vor allem mit Kontrolle herrschen, eine Verlockung, der sie nicht widerstehen werden.

Ulrich Schmid ist China-Korrespondent der NZZ; er lebt in Peking.


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