NZZ Folio 01/09 - Thema: Die Finanzkrise   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten -- Wilhelm II., Staatsschauspieler

© Angelo Boog
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Deutschland strebte zur Weltmacht, und an seiner Spitze stand seit 1888 ein Kaiser, dem es an ­martialischer Selbstgefälligkeit nicht mangelte – aber an Format zum Staatenlenker.

Von Wolf Schneider

War er der kriegslüsterne Bösewicht, der den Ersten Weltkrieg verschuldete? In einer Biographie von mehr als 4000 Seiten, zu seinem 150. Geburtstag erschienen (der ist am 27. Januar), vertritt der britische Historiker John Röhl diese These über den deutschen Kaiser und König von Preussen, der 1918 in die Niederlande floh und 1941 dort gestorben ist. Ach nein, sagen so ziemlich alle anderen Biographen: Wilhelm II. war eher ein Staatsschauspieler, redselig und rührselig, selbstgefällig, umtriebig, an­massend und prachtliebend – aber weder dem Unheil gewachsen, das 1914 auf Europa niederbrach, noch der preussischen Generalität, die nach Siegen gierte; ein klassisches Produkt einer unseligen Staatsform also, der erblichen Monarchie.

1859 in Berlin geboren, mit 29 Jahren auf dem Thron, weil sein Vater, Kaiser Friedrich III., nach 99 Tagen im Amt an Kehlkopfkrebs gestorben war – so stand Wilhelm plötzlich an der Spitze eines ­Reiches, das in der Industrieproduktion das britische Empire überholte und in den Naturwissenschaften die Weltspitze hielt. Reichskanzler Bismarck, den einst Bewunderten, schickte der kaiserliche Schnösel schon nach zwei Jahren in Pension.

Wilhelms Beitrag zu dem Misstrauen, das dem zur Weltmacht strebenden Deutschland entgegenschlug, war seine Neigung, sich seiner unstreitigen Beredsamkeit (nach Bismarcks Worten) «öfter als geboten zu bedienen». 1892 liess er wissen: «Zu Grossem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Zeiten führe ich euch entgegen.» 1896 beglückwünschte er Ohm Krüger, den Präsidenten der Burenrepublik in Südafrika, zu seinem Sieg über «die bewaffneten Scharen, welche als Friedensstörer in Ihr Land eingedrungen sind» – das waren die Engländer. 1898 verkündete Wilhelm: «Wo der deutsche Aar seine Fänge in ein Land geschlagen hat – das Land ist deutsch und wird deutsch bleiben.» Den Tiefpunkt erreichte er 1900, als er die deutsche Strafexpedition gegen die «Boxer» in China verabschiedete: mit der Aufforderung, sich im Fernen Osten einen Namen zu machen «wie einst in Europa die Hunnen».

Da wurde aus dem Gespött über den schon vertrauten martialischen Überschwang des deutschen Kaisers mehr und mehr eine Beunruhigung im ganzen Abendland. Erst Wilhelms schneidige Reden machten, nach Churchill, den Briten «die teutonische Gefahr» bewusst – dies in der Tat ein Beitrag Wilhelms zu der Katastrophe, die 1914 losbrach.

Ins niederländische Exil gedrängt

Natürlich: Als oberster Kriegsherr und zugleich der Mann, der die Reichskanzler ernennen konnte, hätte Wilhelm theoretisch die Macht gehabt, den Krieg zu verhindern. «Aber das Räderwerk, das er kontrollieren sollte, verstand er nicht», sagt der britische Historiker John Keegan; und später fehlte es ihm an der Kraft, die beiden eigentlichen Herren Deutschlands zu entmachten: den Chef des Generalstabs, Generalfeldmarschall von Hindenburg, und General Ludendorff, den ihm überlegenen Strategen.

Am 7. November 1918 – in Berlin waren Unruhen ausgebrochen, und meuternde Matrosen hatten das Rathaus von Kiel gestürmt – legte der Reichskanzler Prinz Max von Baden dem Kaiser die Abdankung nahe. Der befahl wütend seinem Stab, einen Plan für einen Marsch auf Berlin auszuarbeiten: An der Spitze seiner Truppen werde er in die Hauptstadt marschieren und den Aufstand ­zusammenschiessen! Am 10. November aber gab Wilhelm dem Drängen Hindenburgs nach, fuhr von seinem Hauptquartier im belgischen Spa in einem Autokonvoi zur niederländischen Grenze und bat um Asyl.

1920 verlangten die Siegermächte von der niederländischen Regierung, den Ex­kaiser auszuliefern, damit er «wegen seiner Verbrechen gegen die internationale Moral» zur Rechenschaft gezogen werden könne. Den Haag lehnte ab – gegen Wilhelms Versprechen, sich jeder politischen Betätigung zu enthalten. Das tat er. Da die deutsche Regierung den Hohenzollern ihr gesamtes Privatvermögen liess, konnte er sich ein altes Wasserschloss mit 29 Zimmern und einem Park von 35 Hektaren kaufen, und 58 Waggons voll mit Möbeln, Büchern, Kunstwerken und Uniformen liess er sich aus seinen deutschen Schlössern kommen. «Die Krone fiel – wer wird denn weinen?» schrieb Kurt Tucholsky. «Das ganze Geld kam nachgerollt.»

Wilhelm lebte noch 21 Jahre lang, pflegte seine Rosen und liess sich beim Holzhacken fotografieren – ein weisshaariger, leutseliger Patriarch. 1940 beglückwünschte er Hitler zum deutschen Einmarsch in Paris. Zum Souper erschien er bis zuletzt in grosser Uniform.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).




Leserbriefe:

Zu Schlagschatten -- Wilhelm II., Staatsschauspieler - NZZ-Folio Die Finanzkrise (01/09)

Wiese kommt ausgerechnet ein Brite - John Röhl - auf die Idee, der mit Queen Victoria verwandte Wilhelm II. sei kriegslüstern gewesen? Wie, denkt er wohl, ist das britische Empire zustande gekommen? Wie konnte Victoria Kaiserin von Indien werden - und wer ist für das andauernde Schlamassel in Palästina verantwortlich, das wohl die Briten 1948 angezündet haben?
Wolfgang Bartosch, Dielsdorf



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