NZZ Folio 02/09 - Thema: Parallelwelten   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Unter Verdacht

Egal ob in Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft – oft verbirgt sich hinter der sichtbaren Welt eine zweite. Nicht jede unterwandert das System.

Von Anja Jardine

Selten ist ein Thema auf so viel Vorbehalt, auf so viel Misstrauen gestossen. Der deutsche Bundeskanzler ausser Dienst Helmut Schmidt zum Beispiel machte noch vor dem Gespräch vehement klar, dass es keine Parallelwelten gebe. Und Geheimdiplomatie auch nicht.

Schliesslich verlangen Rechtsstaat und Demokratie nach Transparenz. Offenheit, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit gelten als Kardinaltugenden nicht nur jeder Zweisamkeit, sondern grundsätzlich jeder Beziehung. Da darf es nichts Paralleles, nichts Verborgenes geben. Auch nichts Fremdes, das neben dem eigenen koexistiert. Fast scheint es, als hätten wir Angst vor uns selbst.

Tatsächlich haben wir guten Grund, uns selbst zu misstrauen. Sind wir doch im Gegensatz zu jeder anderen Spezies zu Doppelleben fähig, ohne uns auch nur vom Fleck zu rühren. Im harmlosesten Fall versetzen wir uns mitten im überfüllten Tram an einen menschenleeren Strand, fliehen wie die gelangweilte Alice in ein Wunderland, freunden uns wie der schrullige Elwood mit einem unsichtbaren Hasen namens Harvey an. Im schlimmsten Fall aber stecken in jedem von uns Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Je komplexer und undurchschaubarer die Welt wird, desto grösser der diffuse Verdacht, dass der Weltenlauf nicht von jenen gelenkt wird, die wir autorisiert haben. Doch trifft das wirklich zu? Wie gross und relevant sind sie tatsächlich – die Schattenreiche in Wirtschaft und Politik? Und was hat es mit jenen Parallelwelten in unmittelbarer Nachbarschaft auf sich, die uns allein deswegen bedrohlich vorkommen, weil sie fremd sind? Nicht selten leben wir Tür an Tür mit Menschen anderer Nationalität, und unsere Tage haben nicht einen einzigen Berührungspunkt. Kann das gutgehen?

Das NZZ Folio versucht in diesem Heft ein kleines Spektrum an Parallelwelten aufzuzeigen, im Kleinen wie im Grossen. Ist doch das Wissen um andere Welten, parallel oder nicht, die beste Voraussetzung für Verständigung. Zumal bei weitem nicht alle bedrohlich sind, sondern manche ganz im Gegenteil bereichernd.

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Unter Verdacht - NZZ-Folio Parallelwelten (02/09)

Nach der Lektüre des Folios "Parallelwelten" möchte ich Sie etwas ernüchtert darauf aufmerksam machen, dass es parallel zu der von Ihnen portraitierten Männerwelt noch eine von Frauen belebte Realität gibt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich über Ihre männerlastige Berichterstattung staune: Im "Image"-Folio wurden Frauen zwar portraitiert, aber überwiegend in einem hämischen Tonfall; im "Geschwister"-Folio kamen sie vereinzelt vor, z.B. weil sie einen berühmten Bruder hatten; im "Finanzkrisen"-Heft spielten sie überhaupt keine Rolle. Deshalb möchte ich Sie auffordern, sich in Zukunft um eine bessere Balance in Ihrem Heft zu bemühen.
Maya Ziegler, Zürich




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