Wer Kent Kobersteen ärgern will, fragt ihn nach der Anzahl Bilder, die pro Artikel in National Geographic geschossen werden. «Ich frage Sie auch nicht, wie viele Seiten Notizen Sie für Ihren Bericht machen», gibt der Fotochef zurück, dann spricht er von «einigen hundert Rollen Film». Wer es genauer wissen will, kann es in der Ausgabe vom Juni 2000 nachlesen: Pro Auftrag bringt ein Fotograf durchschnittlich 29 000 Bilder zurück.
Diese Zahl, die der Chefredaktor Bill Allen arglos in seinem Editorial genannt hatte, kam bei einigen Lesern schlecht an. Sie warfen dem Magazin Verschwendung vor und behaupteten kühn, mit so vielen Bildern würden auch sie zu National-Geographic-Fotografen. «Als ob von unendlich vielen Affen an der Schreibmaschine je einer einen Shakespeare schreiben würde», sagt Kobersteen. Wie fast alle wichtigen Leute bei National Geographic arbeiteten er und Bill Allen früher als Bildredaktoren und davor als Fotografen. Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie aufwendig Fotojournalismus sein kann – vor allem, wenn man den besten der Welt produzieren will.
Schon lange wollten der Bildredaktor Kurt Mutchler und der Illustrationsredaktor Chris Sloan einen Artikel über die Entwicklungsgeschichte der Säugetiere in Angriff nehmen. Wegen neuer Erkenntnisse – vor allem aus der Untersuchung des Erbgutes – war der bisherige Stammbaum durcheinandergeraten. Grund genug, das Projekt vorwärtszutreiben, schliesslich besteht die Leserschaft von National Geographic aus 44 Millionen Säugetieren.
An der sogenannten Story-Conference im September 2001 legten Mutchler und Sloan dem Chefredaktor ein provisorisches Layout des Artikels vor. Das ist ungewöhnlich bei National Geographic. Man versucht hier zwar möglichst wenig dem Zufall zu überlassen, «doch unsere Fotografen sollen Neues entdecken», sagt Kobersteen. Man kann nicht vorhersehen, mit welchen Bildern sie aus fernen Ländern zurückkehren. Beim Säugetierartikel ging es aber darum, wissenschaftliche Sachverhalte zu vermitteln. Da kann es sinnvoll sein, die Bilder von A bis Z durchzukomponieren.
Mutchler und Sloan hatten sich Dutzende von Bildern ausgedacht, die die entwicklungsgeschichtliche Beziehung zwischen verschiedenen Säugetieren darstellen. An der Story-Conference, der höchsten Hürde, die ein Artikel auf dem Weg zur Publikation nehmen muss, unterbreiteten sie Bill Allen den Projektplan und das Budget: Auf 36 Seiten waren 19 Fotos vorgesehen, 4 grosse und einige kleinere Zeichnungen und eine grosse Grafik. Im September 2002, ein Jahr nach dieser Sitzung, wäre das Material bereit für das Layout. Als Publikationstermin war April 2003 vorgesehen. Das Budget allein für die Fotografie betrug 90 000 Dollar.
Das Magazin, das die National Geographic Society 1888 gründete, sollte «die geographischen Kenntnisse mehren und verbreiten». Dass seine Zukunft in der Fotografie liegen würde, war nicht vorherzusehen. Die erste Ausgabe enthielt lange und langatmige Fachartikel – und keine Bilder. Auch als die ersten Fotos erschienen, war es nicht Liebe auf den ersten Blick. Die Nachtaufnahmen von Rotwild, Waschbären und Stachelschweinen, die 1906 veröffentlicht wurden, führten zum Rücktritt von zwei Mitgliedern des Direktoriums. Sie beschuldigten den Chefredaktor, er wolle «aus der Zeitschrift ein Bilderbuch machen». 1959 wurde die Einführung eines Fotos auf dem Titel bekämpft. «Wenn Gott gewollt hätte, dass National Geographic ein Bild auf dem Titel hat, hätte er von Anfang dafür gesorgt, dass es dorthin kommt», soll ein Mitglied gesagt haben.
Der Wert der Bilder bestand anfänglich oft darin, dass es die einzigen waren, die es von schwer zugänglichen Orten gab. Heute ist das anders. «Jeder kann in ferne Länder reisen. Viele Artikel handeln von Orten, an denen die Leser auch schon waren», sagt Kobersteen, «wir brauchen Fotografen, die die Welt auf einzigartige Weise sehen.» Diese besonderen Augen findet er meistens unter den etwa 70 Fotografen, die regelmässig für das Magazin arbeiten. Festangestellt sind nur vier davon, die anderen arbeiten frei. Unbekannte Leute haben kaum eine Chance. «Da steht einfach zu viel auf dem Spiel. Die Investition in einen Artikel ist sehr hoch.»
Mit dem Säugetierartikel beauftragt Kobersteen Robert Clark aus New York, der bereits mehrmals für ihn gearbeitet hat. Für Clark ist ein Auftrag von National Geographic «die beste Arbeit der Welt, weil diese Leute an den Ideen der Fotografen interessiert sind und ihnen die Zeit geben, sie zu erkunden».
Tatsächlich arbeiten die Fotografen bei National Geographic unter aussergewöhnlichen Bedingungen. Clark wird volle zehn Wochen bezahlt werden, kreuz und quer durch die Welt fliegen, um in Utah eine Versteinerung und in Argentinien ein Skelett mit einer Avocado zu fotografieren, er wird bei allen wichtigen Redaktionssitzungen dabei sein und bei vielen davon das Wort führen, er wird mit dem Fotoredaktor die Bilder auswählen und während des Layouts neben dem Grafiker sitzen. Die Bezahlung sei dabei weniger wichtig, sagt Clark, «ich könnte mit Hochzeitsfotos mehr Geld machen». Vorausgesetzt, es heiraten genug reiche Leute.
Die Rechte aller Bilder bleiben bei ihm, er kann sie also – frühestens drei Monate nach Abdruck – weiterverkaufen. Ein dicker Vertrag regelt die Abdruckrechte für die 21 fremdsprachigen Ausgaben, die Verwendung im Internet und auf CD-ROM.
Früher ging man mit solchen Fragen – sofern sie sich überhaupt stellten – hemdsärmliger um. Der kürzeste Auftrag, den je ein National-Geographic-Fotograf erhalten hat, soll aus zwei Worten bestanden haben: «Mach Indien.» Darauf reiste der Fotograf Volkmar Wentzel 1946 per Frachtschiff nach Indien, kaufte dort für 400 Dollar einen alten Sanitätswagen, den er mit «National Geographic Society U. S. A.» in Englisch, Hindi und Urdu beschriftete, und machte sich auf eine 65 000 Kilometer lange Reise.
Für Clark hat jeder Auftrag von National Geographic auch etwas Beängstigendes. «Der Druck ist enorm.» Und der Grat, auf dem er sich bewegt, ist schmal. Fotografen von National Geographic sollen zwar ihren eigenen Stil haben, «aber sie müssen journalistische Fotos machen, die Informationen über das Objekt vermitteln», wie es Kobersteen ausdrückt. Nicht Kunst, die das Innere des Fotografen herauskehrt.
Mit der Auftragserteilung im September 2001 beginnt die enge Zusammenarbeit zwischen dem Fotoredaktor Kurt Mutchler und dem Fotografen Robert Clark. «Wir haben in den letzten eineinhalb Jahren, nicht übertrieben, jeden Tag miteinander telefoniert – einschliesslich der Wochenenden.» Der Fotoredaktor betreut den Fotografen von der Redaktion aus, er entwickelt mit ihm die Geschichte, schlägt Schauplätze vor, hilft bei der Logistik, spielt Kritiker und Klagemauer.
Ein Fotograf darf zwar grundsätzlich machen, was er will, doch wer so viel Geld in zwei Dutzend Bilder steckt, will eine gewisse Kontrolle behalten. Das bekommt nicht allen Fotografen. Der Schweizer René Burri zum Beispiel, der mehrmals Aufträge von National Geographic erhalten hatte, fühlte sich nie wohl dabei. «Vor Ort bekommt man einen Fax und dann ein Telegramm, es werden Filme geschickt oder neue Objektive. Es war wie bei einem Astronauten, der an der Nabelschnur hängt.» Damit konnte der Abenteurer Burri nichts anfangen. «Als ich mit 250 Filmrollen zurückkam und etwas davon vorführte, fanden sie, das sei nicht schlecht, und schickten mich mit weiteren 750 Rollen los. Da bin ich ausgestiegen.»
Jeder anderen Redaktion hätte Burri von Anfang an nur eine Auswahl seiner Bilder gezeigt. Bei National Geographic müssen die Fotografen jedoch die Filme unentwickelt der Redaktion abliefern. Es ist der Fotoredaktor, der die Bilder als Erster sieht, und er ist es auch, der dem Fotografen die Erlaubnis gibt, zurückzukommen, wenn er die letzten Bilder gesehen hat.
Die Aufgabe eines National-Geographic-Fotografen besteht nie darin, ein Manuskript zu bebildern – Fotograf und Schreiber arbeiten weitgehend unabhängig –, vielmehr sollen die Bilder eine eigenständige Geschichte erzählen. Um den Lesern die vier wichtigen evolutionären Linien der Säugetiere in einem Bild zu zeigen, holten Mutchler und Clark einen Schimpansen, einen Seehund, ein Faultier und einen Elefanten ins Studio. Doch der Schimpanse fürchtete sich vor dem Elefanten. Clark machte vier Einzelbilder. «Wir hätten die vier Bilder natürlich am Computer zu einem montieren können», sagt Mutchler, «aber so etwas tun wir hier nicht.» Oder besser: nicht mehr.
Vor zwanzig Jahren machte die Redaktion einen grossen Fehler: Weil die Pyramiden von Gizeh nicht aufs Titelbild passen wollten, wurden sie für die Februarausgabe 1982 etwas zusammengerückt. Die Manipulation war nicht ohne Ironie: Ausgerechnet ein Magazin, dessen Ziel die Verbreitung geographischen Wissens ist, versetzte die Pyramiden. National Geographic wurde mit Häme eingedeckt. Seither gibt es strenge Regeln, was die inhaltliche Veränderung von Fotos betrifft.
Deshalb fuhr ein Lastwagen das drei Meter lange Skelett eines Pezosiren portelli von Washington zu seinen nächsten Verwandten nach Florida. Es durfte nicht am Computer mit ihnen vereint werden. Pezosiren portelli ist ein vor 50 Millionen Jahren ausgestorbenes Säugetier, das ein eigens gemieteter Kran im Seaworld in Orlando in ein Aquarium hievte, zu seinen Nachfahren, den Seekühen. Das Bild schaffte es dann doch nicht in die Endauswahl. Man entschied sich für eines mit dem Skelett vor dem Aquarium.
Bei den wirklich schwierigen Bildern kommen «die Genies aus dem Keller» zum Einsatz, wie Kobersteen die Leute aus der Abteilung für Fototechnik nennt. In ihrer Werkstatt stehen neben Fräsmaschinen und Drehbänken Kamerahalterungen für Flugzeuge, Infrarotlichtschranken und ein mit einer pneumatischen Presse ausgerüsteter Tyrannosaurus-Rex-Schädel. Damit wurden für die Märzausgabe 2003 wissenschaftlich akkurat Vogelknochen gebrochen, um zu zeigen, wie der Dinosaurier einst frass.
Hin und wieder sind die Techniker mit den Fotografen unterwegs. Von diesen Reisen bringen sie nicht nur Bilder heim, sondern auch Geschichten spektakulärer Kameraverluste: Vier Kameras liegen mit Steve Fossetts Ballon im Chinesischen Meer, eine landete in Australien in einem Krokodilmagen, nicht zu vergessen die Objektive, die der Fotograf George Steinmetz an seinem Gleitschirm hängend abwarf, um Höhe zu gewinnen. Einigen Fotografen stellen die Techniker das Material gleich palettenweise bereit. Joe McNally sei zum Beispiel etwas «ausrüstungsintensiv», sagen sie. Für seinen letzten Auftrag waren es sechs Paletten.
Im Keller werden Tests mit Digitalkameras gemacht. Im Dezember 2003 soll der erste komplett digital fotografierte Artikel in National Geographic erscheinen. Der Abschied vom Rollfilm wird hier aber noch länger dauern. «Digitalkameras sind sehr staubempfindlich», sagt Kobersteen, «ausserdem braucht der Fotograf im Feld Strom für seinen Laptop.» Kobersteen hasst auch die Idee, dass die Fotografen unterwegs die Möglichkeit haben, eine Vorauswahl der Bilder zu treffen.
Doch bei National Geographic ist die Fotografie letztlich keine Frage der Technik. Viele Fotografen reisen mit minimaler Ausrüstung. Bei Steve McCurry, der vor allem im Fernen Osten unterwegs ist, sind es vier Kameragehäuse, drei Objektive, ein Blitz. Ein grosser Teil seiner Arbeit besteht darin, erst einmal an die Orte zu gelangen, wo er Bilder machen will, und Kontakt zu Leuten zu knüpfen, die ihm dabei helfen.
«Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mehr unterwegs sein kann als ich», sagt McCurry, der etwa neun Monate pro Jahr reist. Das würde Michael Nichols vielleicht bestreiten. Nichols ist einer der vier festangestellten Fotografen von National Geographic und hat sich auf Tiere spezialisiert. «In zwei Jahren war ich 16 Monate in Afrika und lag 4 Monate mit einer Hepatitis im Bett.» Es ist kein Geheimnis, dass es mit dem Privatleben von National-Geographic-Fotografen nicht immer zum Besten steht. «Es braucht aussergewöhnliche Partner», sagt Nichols, der verheiratet und Vater von zwei Kindern ist. «Viele meiner Kollegen sind geschieden – oft mehrmals.»
Eben hat Steve McCurry den Half-Way-Look hinter sich gebracht, ein weiteres aussergewöhnliches Ritual bei National Geographic: Wenn etwa die Hälfte des Auftrags erfüllt ist, kehrt der Fotograf nach Washington zurück, wo Zwischenbilanz gezogen wird. Bis auf ein paar Halbtotalen mit Menschen drauf, die sich der Chefredaktor noch wünscht, ist er mit McCurrys Arbeit zufrieden. Am gleichen Abend noch fliegt McCurry wieder um die halbe Welt und wird in den nächsten drei Wochen nach Halbtotalen suchen.
Auch das Verfahren am Ende des Auftrags ist einzigartig im Fotojournalismus: Fotograf und Fotoredaktor wählen aus den Tausenden von Bildern gemeinsam zwischen dreissig und achtzig aus, die für den Artikel in Frage kommen. Sie werden zuerst einem Gremium aus Fotoredaktion und Layout im achten Stock gezeigt, danach dem Chefredaktor im neunten Stock. Wenn er zufrieden ist, wird mit dem Layout begonnen. Auch daran ist der Fotograf beteiligt. Für die fünf Tage des Layouts wird er nach Washington eingeflogen – egal woher.
Die letzte Station in der Entstehung des Säugetierartikels ist der Wall-Walk. Dabei wird das fertige Layout an die Wand gehängt und vom Chefredaktor abgenommen. Sind bei einem Half-Way-Look vielleicht zehn Leute dabei, hat Robert Clark beim Wall-Walk im September 2002 einen Tross von gut zwei Dutzend Personen im Schlepptau: Chefredaktor, Fotochef, Illustrationschef, Layoutchefin, Bildredaktor, Autor, Bildlegendenschreiber, Kartographen, Dokumentalisten, Drucker. Einfach alle, die mit diesem Artikel zu tun haben.
Seit Clark mit seiner Arbeit begonnen hat, ist ein gutes Jahr vergangen. Für den Aufmacher des Artikels hat er Bilder einer schwangeren Frau mit der Versteinerung eines frühen Säugetiers gemacht. Inzwischen hat die Frau geboren, und Clark fotografierte Mutter und Kind für das Titelbild der amerikanischen Ausgabe. «Wo passiert einem das schon: Eine Frau wird schwanger, bekommt ihr Kind, und wir haben alles im selben Artikel.»