NZZ Folio 11/94 - Thema: China   Inhaltsverzeichnis

Guigui, dreijährig, nicht bewilligt

Geburtenkontrolle ist Kontrolle über die Betten.

Von Catherine Sampson

DIE DREIJÄHRIGE GUIGUI ist rund und kräftig, und nach zwei Dingen steht ihr der Sinn: essen und den Charme spielen lassen. Wäre es allerdings nach dem Arbeitgeber ihrer Mutter Xiao Lan gegangen, hätte Guigui gar nicht erst zur Welt kommen dürfen. Denn Xiao Lan stand damals nicht auf der Liste jener Frauen, denen eine Schwangerschaft bewilligt worden war. Die Liste wird vom staatlichen Theater, an dem sie als Produzentin arbeitet, jährlich veröffentlicht.

«Kaum hatten sie dort von meiner Schwangerschaft erfahren, versuchten sie mich zur Abtreibung zu bewegen», erzählt Xiao Lan, während sie Löffel für Löffel mit Schokoladejoghurt in den Mund ihrer Tochter schiebt. «Sie sagten mir, ich hätte die Schwangerschaft nicht planen dürfen, weil ich nicht auf der Liste stand. Sie drängten mich, das Kind abtreiben zu lassen.»

Xiao Lan weigerte sich. Als Strafe bekam Guigui nach der Geburt kein hukou, keine Aufenthaltsgenehmigung für Peking, die zugleich eine Art Personalausweis ist. Ohne hukou hat ein Kind kein Anrecht auf einen Platz in einer staatlichen Kinderkrippe, keinen Anspruch auf medizinische Betreuung und auch nicht auf subventionierte und daher billige Schulbildung.

Xiao Lan befindet sich in einer nicht ungewöhnlichen Situation. Jede staatlich geführte Arbeitseinheit, die Danwei, erstellt jährlich Listen jener Frauen, die ein Kind zur Welt bringen dürfen. Xiao Lan sagt, es sei zu befürchten, dass ihre Arbeitseinheit im Falle einer zweiten Schwangerschaft erheblich schärfer reagieren würde. Einmal im Monat wird sie zu Hause von einer Funktionärin aufgesucht, die mit ihr über Geburtenkontrolle reden will. Sie wird gefragt, was sie für Verhütungsmittel benutze und ob es Probleme damit gebe. Xiao Lan ist überzeugt, dass man sie bei der geringsten Vermutung, dass sie nicht spurt, zur Sterilisation schicken würde.

Nun will Xiao Lan gar nicht unbedingt ein zweites Kind. Sie lebt mit ihrer Familie in einer gerade 25 Quadratmeter grossen Mietwohnung auf der 14. Etage eines Hochhauses im südlichen Teil von Peking. In das einzige Schlafzimmer passt kaum das Doppelbett. Guigui schläft im Wohnzimmer. Die übrigen Räume: eine Miniküche und ein ebenso winziges Bad, das aber immerhin über fliessendes, wenn auch nur kaltes Wasser verfügt. Bis vor kurzem teilte Guigui «ihr» Zimmer mit einer baomu, einer Betreuerin, die sich um sie kümmerte, wenn die Eltern bei der Arbeit waren.

Gewöhnlich versehen in China die Grosseltern das Amt von unbezahlten Kindermädchen. Aber wenn die Familie - wie im Falle von Xiao Lan - Hunderte von Kilometern entfernt lebt, entfällt diese Möglichkeit. Xiao Lan fuhr zwar vor der Geburt zu ihrer Mutter und brachte ihre Tochter in einem nahegelegenen Krankenhaus zur Welt. Danach verbrachte sie mehrere Wochen im Elternhaus, und schliesslich liess sie ihre Tochter dort, als sie nach Peking zurück musste - weil sie einfach niemanden hatte, dem sie ihr Baby anvertrauen mochte. Erst als sie eine von ihrer Mutter empfohlene baomu gefunden hatte, konnte sie ihr Töchterchen zu sich nach Peking holen.

Xiao Lan und ihr Mann zahlten ihrem Kindermädchen hundertfünfzig Yuan (etwa 20 Dollar) im Monat und boten ihr Kost und Unterkunft - in diesem Fall eine Ecke ihres Wohnzimmers. Die hundertfünfzig Yuan bedeuteten für die baomu, ein Bauernmädchen ohne Schulbildung, ein gutes Gehalt, obwohl es nur halb so hoch war wie der in Peking übliche Durchschnittslohn. Dennoch bekam Xiao Lans baomu, wie es oft geschieht, Heimweh. Und ausserdem Angst, durch die weite Entfernung vom heimatlichen Dorf und von der Familie könnten ihre Heiratschancen schwinden. Eines Tages verschwand sie, einfach so, ohne ein Wort zu sagen. «Eine baomu zu finden, der du trauen kannst, ist sehr schwer», klagt Xiao Lan. «Ich wage nicht, eine von jenen zu engagieren, die nach Peking kommen und Arbeit suchen. Und so nehme ich mir jetzt so oft wie möglich frei, um nach Guigui zu sehen. Zum Glück gibt es beim Theater eine ganze Menge Leute, die nur darauf warten, ein Stück zu produzieren. Wenn ich nicht hingehe, kommen sie eher zum Zug und sind ganz froh.»

Xiao Lans Ehemann ist freier Schriftsteller und als solcher der Bürokratie und ihren Auswüchsen weit weniger ausgesetzt. Doch dem engmaschigen Kontrollnetz in Sachen Kinder vermögen nur die wenigsten zu entkommen. Wäre Xiao Lan nicht Angestellte bei der Stadt, sähe sie alles, was mit ihrer Fruchtbarkeit zusammenhängt, den scharfen Augen des Nachbarschaftsausschusses ausgesetzt. Diese halboffiziellen Vereinigungen, die in der chinesischen Gesellschaft schon lange vor Marx und der Kommunistischen Partei existierten, bestehen aus übereifrigen Wichtigtuern, die ihre Nase in alles stecken, sei es das eheliche Geschlechtsleben oder ein Bagatelldelikt. Würde Xiao Lan auf dem Land wohnen, müsste sie einem ländlichen Schnüffelkomitee über Pille und Periode Red und Antwort stehen.

Auch die rund hundert Millionen Chinesen auf Wanderschaft, jene Massen, die vom Land in die Städte ziehen, um Arbeit zu finden, jedoch in der Stadt nicht ordnungsgemäss registriert sind, sind verpflichtet, eine Familienplanungskarte auf sich zu tragen. Aber hier zeigt sich besonders deutlich, wie das Entstehen eines freien Arbeitsmarktes die üblichen Kontrollmechanismen der Partei aufweicht. Selbst die Drohung, das hukou, die Aufenthaltsgenehmigung, zurückzubehalten, hat ihren Stachel verloren. Denn man kann auch ohne oder mit zeitlich begrenztem hukou zurechtkommen.

Guigui hat vor kurzem ihr hukou doch noch erhalten. Doch ihre Mutter beurteilt mittlerweile die Vorzüge des Ausweises ziemlich nüchtern: «Es bedeutet doch höchstens, dass Guigui dereinst die Schule besuchen muss, die sie uns vorschreiben, wenn die Ausbildung erschwinglich sein soll. Wenn wir eine bessere Schule wollen, müssen wir sie trotzdem selber finanzieren.»

In China begann man in den späten siebziger Jahren mit einer kontroversen Einkindpolitik zu experimentieren und führte schliesslich 1980 formell strenge Verhaltensmassregeln ein. Dennoch hiess es 1989 seitens Pekings kleinlaut, man werde das Bevölkerungsziel für das Jahr 2000 mit hoher Wahrscheinlichkeit um 120 Millionen verfehlen und müsse, realistisch geschätzt, um die Jahrtausendwende mit einer Zahl von 1,32 Milliarden Bürgern rechnen. In der Öffentlichkeit spielen die Offiziellen den Stellenwert der Abtreibung stets herunter, aber hinter vorgehaltener Hand klingt es anders. So sagt ein Beamter des Aussenministeriums: «In Washington krittelt man andauernd an unserer Bevölkerungspolitik herum. Klar haben auch wir keine Lust, die Frauen zur Abtreibung zu zwingen, klar würden auch wir die Leute viel lieber besser ausbilden, damit sie weniger Kinder zur Welt bringen. Aber die bäuerliche Bevölkerung auf dem Land ist so rückständig, dass wir sie einfach zu Abtreibungen zwingen müssen.»

Die Paare haben im Durchschnitt immer noch 2,4 Kinder. Und viele der Zweitkinder sind sogar gesetzeskonform. So dürfen die Bauernfamilien auf dem Land, die männliche Nachkommen für die Bewirtschaftung des Bodens brauchen, offiziell ein zweites Kind haben, wenn das erste ein Mädchen ist. In der Stadt ist ein zweites Kind erlaubt, wenn das erste behindert zur Welt kommt. Und für die vielen nationalen Minderheiten, die so oft darüber klagen, dass man sie benachteilige, gelten weitaus lockerere Bestimmungen in Sachen Geburtenkontrolle - selbst in den Städten dürfen sie zwei Kinder haben. Die Einkindpolitik hat, wenn überhaupt, vor allem eines bewiesen: dass die Menschen alles nur Erdenkliche unternehmen, um sie zu unterlaufen.

Ironischerweise hat die wirtschaftliche Liberalisierung unbeabsichtigt sowohl das Zuckerbrot (einen überschwänglich lobenden Bericht der Arbeitgeber, verbunden mit Unterkunft und Sonderzulagen) als auch die Peitsche (Bussgelder), die der Einkindpolitik der Partei überhaupt noch eine Chance gaben, ihrer Wirkung beraubt. Im härteren wirtschaftlichen Klima lassen die staatlichen Unternehmen die Frauen nämlich über die Klinge springen, auch wenn ihr Ruf in Sachen Geburtenkontrolle noch so tadellos ist. Ausserdem beeindrucken finanzielle Anreize eine wachsende neureiche Unternehmerklasse ebensowenig wie Bussgelder.

Xiao Lan sagt, sie habe gehört, es gebe in der Stadt Familien, die mit ihren Privatunternehmen so viel Geld machten, dass sie die für Geburtenkontrolle zuständigen Funktionäre kaufen könnten. Die wohlhabenden Frauen können sich privatärztliche Betreuung leisten; ihre Kinder bringen sie im Verborgenen zur Welt. Auch lässt sich mit Sicherheit annehmen, dass reiche Bauernfamilien auf dem Land, ohne mit der Wimper zu zucken, hohe Bussgelder zahlen, wenn sie dafür so viele Kinder haben können, wie sie wollen. In der Stadt jedoch, wo man in sehr beengten Verhältnissen lebt und auch die Wertvorstellungen sich rasch wandeln, sind nur wenige geneigt, gegen die Regeln zu verstossen.

«Wir werden euch im Westen immer ähnlicher», meint Xiao Lan. «Wir sehen in Kindern immer mehr ein Bündel von Problemen, die uns von unserem eigenen Vergnügen abhalten. Eins genügt vollkommen.» Tatsächlich wird in chinesischen Zeitungen auf die erstaunliche Zunahme von sogenannten Dinkys - aus dem Englischen: double income no kids yet, also doppelverdienende Paare ohne Kinder - hingewiesen; dies in einem Land, in dem doch in der Vergangenheit auf möglichst grosse Familien Wert gelegt wurde.

Was Xiao Lan betrifft, so giesst sie das ganze Füllhorn ihrer Mutterliebe über Guigui aus - mit dem Ergebnis, dass die Kleine auf dem besten Weg ist, zu einem der «kleinen Kaiser» zu werden, als die die heranwachsende Generation verwöhnter Einzelkinder bereits bekannt ist, dick und rund und fröhlich. «Ein Kind schreit nur dann, wenn es nicht genug zu essen und zu trinken bekommt oder wenn ihm kalt ist», sagt Xiao Lan. Und löffelt weiter Schokoladejoghurt in Guiguis Mund.

Catherine Sampson ist freie Journalistin und berichtete bis vor kurzem aus Peking für britische Medien.


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