NZZ Folio 01/10 - Thema: Der Tod   Inhaltsverzeichnis

Schlaglicht -- Berlin, Treibhaus der Zukunft

© Angelo Boog
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Vor 300 Jahren wurde Berlin zur Hauptstadt, in den 1920er Jahren war es die viertgrösste Stadt der Welt. Im Zweiten Weltkrieg zerbombt, danach isoliert, ist es heute das goldene Tor zum Westen.

Von Wolf Schneider

Aus dem Sand von Brandenburg ist vor 300 Jahren eine der turbulentesten und vitalsten Städte der Erde aufgestiegen, die heute noch dazu eine der weltoffensten und der schrillsten ist – eine Stadt der Superlative im Guten wie im Bösen.

Am 1. Januar 1710 verschmolz der preussische König die alten Städtchen Berlin und Cölln mit drei weiteren Siedlungen an der Spree zur «königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin». Sie profitierte von ihrer Lage am Schnittpunkt alter Handelswege – und von 5000 aus Frankreich verjagten Protestanten (Hugenotten), die der Kurfürst von Brandenburg 1685 willkommen geheissen hatte: überwiegend Künstler, Handwerker, Adlige, ein Fünftel der Bevölkerung.

Den liberalen Geist, der da eingezogen war, stärkte Wilhelm von Humboldt 1810 mit der Gründung der Berliner Universität – bald Vorbild für halb Europa, weil sie die Einheit von Forschung und Lehre vollzog. Was der «Grosse Brockhaus» 1843 schrieb, könnte heute wieder gelten: «Das geistige Leben Berlins gleicht einer universalen Treibhausstätte der modernen Intelligenz. Es gibt kaum eine Tendenz und selbst Verirrung des mensch­lichen Geistes, die hier nicht durch ­bedeutende Kräfte repräsentiert würde.»

1871: Berlin, 830 000 Einwohner, wird die Hauptstadt des Deutschen Reiches, das der Weltmacht entgegenstrebt. Sie steigt zur Verkehrsdrehscheibe Europas und zu seiner grössten Industriestadt auf. Sie wird bewundert, gefürchtet und, zumal in Süddeutschland, gehasst. Die Berliner, zur Hälfte aus Schlesien und anderen östlichen Provinzen zugewandert, machen sich zusätzlich unbeliebt durch ihre «grosse Schnauze» – auch wenn die meist mit Hellhörigkeit einhergeht und oft durch Mutterwitz gemildert wird.

Am 9. November 1918 ruft der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann aus einem Fenster des Reichstags die Republik aus; Berlin setzt sich als deren Hauptstadt durch. 1920 wächst sie per Zusammenschluss mit der Grossstadt Charlottenburg und 65 weiteren Gemeinden auf fast 4 Millionen Einwohner und damit zur viertgrössten Stadt der Erde an. Und nun, in den zwanziger Jahren, erlebt Berlin jene Art von Blüte, an die es heute anzuknüpfen versucht. Es wird, nach Golo Mann, «das Kulturzentrum Europas», für die deutsche Provinz das «Sündenbabel», und dabei bleibt es ein Weltzentrum der Wissenschaft: Seit 1913 und bis 1933 heisst der Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts zur Förderung der Naturwissenschaften Albert Einstein.

Aufstieg aus der Trümmerwüste

1933 ist das radikal vorbei. Aber 1936 sonnt sich Berlin im Glanz von Olympia: Hunderttausende von Ausländern sind zu Gast. 1938 fühlen sich viele Berliner in der Hauptstadt der Welt. Am 9. November brennen die Synagogen.

1945: Berlin ist die grösste Trümmerwüste der Geschichte (prozentual nicht so stark zerstört wie Köln, Dresden, Hiroshima – nur eben viel ausgedehnter). ­Allen W. Dulles, später Chef der CIA, schreibt 1946 unter der Überschrift «Goodbye, Berlin»: Als Ruine sollte die Stadt erhalten bleiben, «als Denkmal für die Nazis und für Preussen». 1948 aber: Stalin schnürt Westberlin ab, für die 2,5 Millionen Bewohner fliegen Amerikaner und Engländer 1,6 Millionen Tonnen Versorgungsgüter ein, und mit ihrem Durchhaltewillen erwerben die Berliner etwas Ungewohntes: Sympathie.

Sie steigt noch, als die DDR 1961 die Mauer errichtet: Berlin, Vorposten der Freiheit! «Ich bin ein Berliner», ruft Präsident John F. Kennedy 1963 vor dem Schöneberger Rathaus. Aus Bonn strömen Milliardensubventionen, aber noch mehr Firmensitze werden nach Westdeutschland verlagert, und noch mehr junge Menschen, die was werden wollen, wandern ab. Westberlin wird zu einer Stadt der Rentner und der Aussteiger, während sich in Ostberlin die DDR-Funktionäre sammeln. Sie sind die Missgünstigen und Benachteiligten, als ihre Brüder 1989 das Wunder vollbringen: Die Mauer stürzen sie um!

1999 siedeln Bundesregierung und Bundestag nach Berlin über. Bis heute hat die Stadt 1 Million Einwohner weniger als 1939: 3,4 Millionen. Sie sind ­ärmer und älter als der deutsche Durchschnitt, mit mehr Arbeitslosen, mehr ­Singles, mehr Akademikern und weniger bürgerlichem Mittelstand. Künstler, Werber, Aussenseiter aller Kontinente fühlen sich in Berlin zu Hause, im Nachtleben beansprucht es den Weltrekord, in der Kultur ist es ihm nahe: drei Opernhäuser, das berühmteste Orchester und auf der Museumsinsel eine der grössten Schatzkammern des Abendlands. Polen, Russen, Asiaten öffnet sich die Stadt als das goldene Tor zum Westen. Ein Treibhaus wieder. Was in dem diesmal wuchern wird, weiss noch keiner.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



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