Kürzlich hatte ich in einem Hotel ein seltsames Erlebnis. Bevor mir der Réceptionist nach meiner Ankunft den Schlüssel in die Hand drückte, griff er unter die Theke und holte ein bizarres Gebilde hervor. Es sah aus wie eines dieser eleganten Raumschiffe aus «2001: A Space Odyssee» in Kleinformat. Stellte es vor mich hin und sagte: «Das sind unsere Wasserhähne.» Dann hebelte er an der Laserkanone des Raumschiffs herum: «Hier ist Warm und hier ist Kalt.»
Die Demonstration war zweifellos eine Reaktion auf verzweifelte Gäste, die schon im Bademantel hier gestanden hatten. Wenn sie morgens um drei den Kopf des Designers forderten, war das immer auch ein kleiner Sieg der Norm: Endlich würdigte jemand die Vorzüge eines ganz normalen Wasserhahns. Zwei Knöpfe: Rot für heiss, Blau für kalt.
Mit der Norm ist es wie mit der Hausfrau: Was sie leistet, merkt man erst, wenn sie nicht mehr da ist. Wenn der Stecker nicht in die Dose, die CD nicht in den Schlitz, das Bild nicht in den Rahmen passt.
Die Norm ist das Aschenbrödel der Technikgeschichte. Oder würde sich jemand damit brüsten, im Normhaus zu wohnen? An einer Party seinen neuen Normstecker vorführen? Gibt es eine Auszeichnung für die beste Norm? Weltraumwasserhähne bekommen Designpreise. Aber Normen? And the winner is: Euronorm 1286, «Sanitärarmaturen – mechanisch einstellbare Mischer für den Niederdruckbereich»?
Die Norm wird nicht nur geringgeschätzt, sie wird sogar verachtet. Sie ebne die Welt ein, mache sie dröge und kalt. So ein Blödsinn. Mag sein, dass sie kein Ausbund an Kreativität ist, aber worauf freut man sich, wenn man aus den Ferien zurückkehrt? Auf Weltraumwasserhähne oder darauf, dass die Tür wieder gegen innen aufgeht und man es beim ersten Versuch schafft, die Toilette zu spülen. Die Normen geben Geborgenheit und Wärme, aus ihnen ist der sichere Hafen des Alltags gebaut.
Nach der Demonstration am Hotelempfang war ich auf das Schlimmste gefasst, doch als ich das Hotelzimmer betrat, fand ich den Lichtschalter sofort auf der üblichen Höhe. Norm sweet Norm.