MEISTENS SCHLAFE ICH bis etwa drei Uhr nachmittags, stehe auf und gehe dann in den Übungsraum, um Sound zu machen. In die Computersound-Anlagen habe ich alles Geld gesteckt, das ich bisher verdient habe. Die Nacht über bleibe ich im Übungsraum, und wenn die Sonne aufgegangen ist, fahre ich nach Hause. Ich verfüge über viel Zeit, kann machen, was ich will. Mein Leben ist gemütlich, selten langweilig. Vor zwei Jahren habe ich eine B-Matur gemacht und dann kurze Zeit gearbeitet. Aber wenn du jeden Tag auf den gleichen Zug gehst, die gleichen Leute siehst, dann kommst du in einen Trott, in ein Arbeitsdelirium und merkst, dass das Hirn langsam abschaltet.
Ich habe Ferienjobs gehabt, wo du um sieben Uhr einfahren musstest. Nur mühsame Typen, den ganzen Tag arbeiten und aufs Maul hocken, das war nicht so mein Fall. Ich will den Moment geniessen und nicht darüber nachdenken, wie das nächste Jahr aussieht. Jetzt lebe ich zufrieden vom Stempeln und habe keine Lust mehr, zu arbeiten. Rein gesetzlich wäre ich als Arbeitsloser verpflichtet, eine Stelle zu suchen. Also muss ich stets aufpassen, dass die vom Arbeitsamt nichts merken. Ich spiele denen etwas vor, sage: Scheisse, schon wieder eine Absage. Das Arbeitsamt rechnet nicht damit, dass einer mit Matur stempeln will. Die gehen davon aus, dass du völlig am Boden zerstört bist, dass du monatelang einen Job gesucht hast und versichern dir: «Kopf hoch! Sie finden dann schon etwas.» Es braucht Nerven, etwas vorzuspielen. Aber ich habe da so meine Tricks. Am besten ist es, sich schriftlich um Stellen zu bewerben, dann hat man etwas in der Hand. Standardbewerbungen. Maturand, Englischkenntnisse. Megabillig! Absage in der Regel garantiert. Ab und zu ein Vorstellungsgespräch. Dann schneide ich mir eine furchtbare Frisur und ziehe einen schmuddeligen Pulli über. Möglichst keine Fragen stellen, undeutlich schreiben, langsam reden. Das funktioniert. Anfänglich meinte ich, ich hätte das Recht auf einen Job, und habe wirklich gesucht. Dann wurde mir klar, dass ich auch etwas anderes machen kann, als zu arbeiten. Das erforderte eine Portion Frechheit und Selbstvertrauen.
Dass ich von Staatsgeldern lebe, macht mir kein schlechtes Gewissen. Natürlich, eine Jugofamilie mit drei Zimmern und Kajütenbetten hätte das Geld nötiger als ich. Aber es läuft ja nicht so, dass die Jugofamilie mehr kriegen würde, wenn ich kein Arbeitslosengeld zapfen würde.
Ausserdem mache ich Dinge, die anderen etwas bringen, Musik oder einfach eine Nacht lang mit jemandem diskutieren und neue Ideen entwickeln. Alles mit Staatssponsoring. Und ich mache arbeitslosenkassengesponserte Musik.
Generell heisst arbeiten etwas hervorbringen, etwas kreieren, etwas produzieren. Und dazu gehört eine Entlöhnung. Das muss nicht unbedingt Geld sein. Die Entlöhnung kann auch immateriell sein und emotionale Bedürfnisse befriedigen, kann aus Lob oder Anerkennung bestehen. Eigentlich gehört Arbeit zum Leben, weil das, was man für sie bekommt, lebensnotwendig ist. Der Begriff «Arbeit» wird aber reduziert verwendet. Als Arbeit gilt nur, was vermarktbar ist. Als Arbeitsantrieb fungieren der Zwang, Geld zu verdienen, und die Angst der Leute vor der Leere, vor dem Nichts. Arbeit ist ein Instrument zur Ablenkung von der eigenen Gedankenwelt, von der Frage nach dem «Warum». Bedingung für eine andere Art der Arbeitsorganisation, für sinnvolle, überblickbare Produktion, wäre der Ersatz des Geldlohns. Es ist zwar eine Illusion zu glauben, Arbeit könnte je völlige Selbstverwirklichung bieten, nötig wäre aber, dass ihr ein grösserer Stellenwert eingeräumt würde. Realisierbare Arbeitskonzepte hat beispielsweise der Gesellschaftsvisionär und Schriftsteller P.M. detailliert entworfen. Sein Buch «Weltgeist - Superstar» hat er übrigens der Arbeitslosenkasse gewidmet, die das Buch ermöglicht hat.