NZZ Folio 09/04 - Thema: Erdöl   Inhaltsverzeichnis

Der Scheich trügt

Nicht jeder Araber mit Kopftuch ist ein Ölscheich. Nicht jeder Scheich schwimmt im Öl. Und dennoch ist nicht jedes Klischee von den reichen Wüstensöhnen falsch.

Von Victor Kocher

Sie hat ihre Sandale ausgezogen und den Polizisten damit ins Gesicht geschlagen», erzählt ein sudanesischer Fahrer in der saudischen Hauptstadt Riad. «Dabei wollte der Mann vom Dienst der Dame nur klarmachen, dass an diesem Ort Parkverbot herrscht. Wie hätte er wissen sollen, dass es eine Prinzessin ist?!» Diese kleine Episode beleuchtet das zweideutige Verhältnis gewöhnlicher Leute zu Blaublütigen. Das gilt für einfache saudische Bürger gegenüber König Fahd und die Tausende von parasitären Prinzen aus dem Hause Saud, für Golfaraber gegenüber ihren Herrscherfamilien oder auch für demokratisch erzogene Europäer gegenüber arroganten und stinkreichen Emiren.

Die jüngere Geschichte der Araber lehrt freilich, dass der uns naheliegende Vorwurf einer nicht demokratisch legitimierten Herrschaft bei Orientalen nicht allzu weit trägt; die Araber nahmen es sogar hin, dass die britischen Kolonialherren vor ihrem Abzug massgeblich zur Einführung monarchischer Regime am Persischen Golf beitrugen. Auch über Misswirtschaft und Verschwendung sehen Araber hinweg, solange die Ehre der Nation und des Islam hochgehalten ist und für alle etwas abfällt. Es sind vielmehr die Arroganz im Umgang mit den Bürgern, fehlende Grosszügigkeit, Dekadenz und ausschweifender Lebensstil, die die Gemüter erhitzen.

Scheich Mohamed ibn Rashed al-Maktum, der Kronprinz von Dubai, wendet zum Vergnügen des Volks Unsummen auf für Prestigeunternehmen wie den «Mount Everest aller Hotelfans der Welt», das «Burj al-Arab», oder für seine Pferdezucht mit reinrassigen arabischen Rennern. Und wenn Seine Hoheit an einem Endurance-Ritt über 160 Kilometer mitmacht und sich sportlich-fair bei Erlahmen des Pferds dem Ausschluss durch die Schiedsrichter fügt, dann fliegen ihm die Herzen zu. Dass sein Jüngster, Ahmed, wie etwa am 16. September 2002 in Jerez, doch noch das Rennen gewann, weil die Maktums zu viert und mit einem total überlegenen Pool an Pferden, Betreuern und Material angetreten waren, rückt die Dinge wieder ins Lot.

Ölscheichs heissen sie im westlichen Wörterbuch, doch nur wenige tragen den Titel des Scheichs, und längst nicht alle schwimmen im schwarzen Gold. Doch weil Araber mit Kopftüchern auf zwei Dritteln der bekannten Ölreserven der Welt sitzen, beschränkt sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unser Stereotyp vom mächtigen und reichen Orientalen darauf – genauso wie die französischen Orientalisten des 19. Jahrhunderts immer wieder den dunkelhäutigen Sultan mit Wasserpfeife auf dunkelrotem Haremspfühl malten, umgeben von einem Dutzend barocker Odalisken, Sängerinnen und Tänzerinnen.

Die paar Dutzend hochrangigen Prinzen in Saudiarabien bevorzugen den Titel der «königlichen Hoheit», während sie mit den Scheichs die geistlichen Würdenträger wahhabitischer Schule meinen. Auch Bahrain hat seit der Reform von 2002 einen König, Kuwait hat wie Katar seinen Emir und seine Prinzen, Oman seinen Sultan und Jemen seit dem Sturz des Imams einen Präsidenten der Republik.

Einzig in den Vereinigten Arabischen Emiraten hält der weise Alte, Scheich Zayed ibn Sultan al-Nahayan, an der Ehrenbezeichnung der Beduinen fest. Zayed ist der Form nach «Präsident» der Föderation, damit verhindert er eine Inflation von Adelstiteln. Doch jeder Ortskundige weiss die Herrscherfamilien von Abu Dhabi, Dubai und Sharjah schärfstens von anderen Sterblichen zu trennen. Im täglichen Umgang mit ihnen ist immer wieder der Heilswunsch «Ya tawil ul-umr» (Langlebiger) angebracht. Gewöhnliche «Scheichs» gibt es in jeder arabischen Gesellschaft, darunter versteht man entweder einen sunnitischen Prediger, erkenntlich am weissen Turban, einen Stammesnotabeln oder einfach einen erfolgreichen, wohlhabenden Mann mit gesundem Urteil und gesellschaftlichem Ansehen.

Eines von Scheich Zayeds liebsten Fotos stammt von 1962, es zeigt ihn als bärtigen Mann mit weissem Kopftuch im weissen Überhemd und einer abgewetzten Jacke, er schwenkt in der Oase al-Ain unter Akazien einen alten Karabiner zum Tanz. Sein Biograph zitiert den britischen Wüstenfahrer Wilfried Thesiger mit der Beschreibung: «Scheich Zayed war immer bereit, die einfachen Leute mit ihren Problemen anzuhören. Und er schlichtete die Streitigkeiten derer, die ihn zu Rate zogen, so dass die Parteien zufrieden auseinandergingen.»

Zayed war seinerzeit in al-Ain für 20 Jahre Statthalter des Herrschers von Abu Dhabi, des alten Geizkragens Scheich Shakhbut. 1966 rückte er als Scheich zum Herrn des Emirats Abu Dhabi auf, und binnen fünf Jahren hatte er die sechs Nachbaremirate zur Föderation der Vereinigten Arabischen Emirate zusammengebracht. Dabei siegten sein überlegenes Urteil und sein unerschöpflicher Reichtum. Abu Dhabi hatte nämlich unterdessen seine Erdölvorkommen erschlossen, die 94 Prozent der Reserven der ganzen Föderation ausmachten und als die Fünften auf der Weltrangliste stehen.

Bald hatte Abu Dhabi das Aussehen eines der allerreichsten Gemeinwesen mit einer blinkenden Skyline von Geschäftshochhäusern und Glaskästen. Doch der Scheich blieb sich und seinem volksnahen Lebensstil treu. Er liess in seinem Emirat über hundert Millionen Palmen pflanzen, Baumeister, die Bäume absägen wollten, entliess er, und er legte auf der Insel Bani Yas ein Schutzreservat für aussterbende Wüstentiere an.

Ganz anders Scheich Mohamed, der Manager des benachbarten Dubai: Er erkannte frühzeitig, wie bald sich die eigenen Bodenschätze im Vergleich zu jenen Abu Dhabis erschöpfen würden und dass das Geld auf Zeit anderswo herkommen müsse. Er umgab sich mit den besten Geschäfts- und PR-Beratern der Welt und brachte das Kunststück fertig, Dubai zu einem strategischen Standort für Industrien zwischen Orient und Asien zu machen, zur hektischen Drehscheibe für Handelshäuser und Banken und zum Dorado für Hunderttausende von jungen Fachkräften aus aller Welt.

Vom Scheich ist hier nur die Bekleidung geblieben, das Gesetz des Handelns formuliert sich im unerbittlichen Jargon der Londoner City und von Wall Street; es gibt unter Kadern keine Klüngelwirtschaft, der fitteste erhält den Job. Auch das Arabergestüt Godolphin ist nach den Beteuerungen eines Kenners gewinnträchtig, und Scheich Mohameds Flachrennen um den Dubai World Cup haben mit ihren grosszügigen Preisen von über 8 Millionen Franken nicht nur den kleinkarierten Aristokraten von Ascot den Rang abgelaufen, sondern auch Tokio und Hongkong.

Finanzgewandte Ölscheichs haben sich längst mit bedeutenden Anteilen in westliche Grossunternehmen eingekauft. Der saudische Financier und Prinz al-Walid ibn Talal ist Mitbesitzer der Hotelketten Four Seasons und Mövenpick, und auch ein Teil des Londoner Bürokomplexes Canary Wharf gehört ihm. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben dieses Frühjahr den Ankauf von bis zu zehn Prozent von Volkswagen ausgehandelt. Milliarden an privaten und öffentlichen Anlagekapitalien vom Golf sind in westliche Firmen investiert.

Unter dem Wüstenhimmel der Beduinen sind die Nächte tiefschwarz und lang, und wo kein Fernseher die Gemüter fesselt, kann bei süssem Tee über alles und nichts palavert werden. Beim bitteren Kaffee folgt auch harte Kritik am eigenen Scheich, vor allem, wenn es sich um einen kleinen Stamm mit beschränktem Wohlstand und mageren Viehherden handelt. Der Scheich hört sich alles stoisch an, denn hier umfasst die Rede- und Meinungsfreiheit allerhand, aber nicht einen routinemässigen Zwang zur demokratischen Bestätigung wie im Westen. Unter den grossen Stämmen der Viehzüchternomaden blieb die Scheichswürde meist über Generationen in einer der grössten Familien. Eine Übergabe vom Vater auf den Sohn war, in Einklang mit dem patronalen Gesellschaftssystem, nicht selten; doch wenn der junge Scheich sich als unfähig erwies, trat ein anderer Verwandter an seine Stelle.

Wichtigste Voraussetzungen für das Scheichsamt sind Urteils- und Überzeugungkraft, Weitsicht, Mut, Wehrhaftigkeit, Prestige, Machtmittel und guter Ruf der Familie. Welche Stellung der Scheich dann für sich und die Seinen eroberte, hing von seinem Geschick ab, die Interessen der verschiedenen Sippen wahrzunehmen, einen Konsens zu finden und allen Gruppen nötigenfalls aufzuzwingen, schliesslich sich gegenüber rivalisierenden Stämmen und der Zentralregierung durchzusetzen. Oft war das Regime in der Hauptstadt zu schwach.

Auf der Arabischen Halbinsel schwangen sich mehrere Scheichs zu Emiren auf, die von ihrer Oase aus das Umland beherrschten. So war Diriyah, unweit der heutigen saudischen Hauptstadt Riad gelegen, das Zentrum des Rashidi-Emirates, als der ambitiöse junge Beduinenkämpfer Abdelaziz ibn Saud 1902 Riad eroberte. Das war der Grundstein des heutigen Königreichs. Das Haus Saud unterstreicht bis heute den religiösen Charakter seiner Herrschaft, während die Rashid sich allein auf Stammespolitik stützten.

Die zu Prinzen gewordenen Scheichs der al-Saud nahmen als erstes dem Scherifen von Mekka die Entgelte der Pilger ab, die jedes Jahr aus der ganzen islamischen Welt zu den heiligen Stätten im Hijaz strömen. Ab den 30er Jahren entdeckte man das Erdöl, und die al-Saud fanden sich als Hüter eines Viertels der bekannten Weltvorkommen wieder. Sie beförderten ihre einzigartige Herrschaftsmethode mit Hilfe eines das ganze Land überspannenden Familiennetzes. In allen Provinzen und Verwaltungszweigen setzten sie Prinzen ein, die Pfründen, Reichtümer und Privilegien verteilten und sich so ihre eigenen Klientelgruppen aufbauten.

Doch hat diese Macht auch ihren Preis in Form einer endlosen Reihe protokollarischer Verpflichtungen. So beginnt der Alltag eines Prinzen in öffentlicher Funktion mit dem frühmorgendlichen Empfang der Klientel im Diwan zu Hause, bevor er sich überhaupt ins Büro begibt. Die Arbeit besteht aus einer Unzahl von Sitzungen mit Sachbearbeitern, die die zahllosen Zuständigkeiten des Prinzen verfolgen, von Audienzen für Bittsteller, Günstlinge und andere Hofschranzen, und der Abend ist belegt von Galadiners für irgendwelche Ehrengäste, Empfänge für Angehörige von gefallenen Sicherheitskräften oder gegenseitige Familienbesuche in einem endlosen Verwandtschaftslabyrinth.

Besonders öde ist der Alltag der Prinzessinnen, weil sie gemäss dem saudischen Sittenkanon noch strenger als andere Frauen getrennt von der Männerwelt und mithin der weiteren Öffentlicheit leben müssen. Die Schweiz-Saudierin Carmen bin Ladin schildert das nach mehreren Jahren des Lebens in Jidda so: Aufstehen am späten Nachmittag, Schminken und Auftakeln, Telefonieren mit Schicksalsgenossinnen, verheerende Shoppingtouren in gesonderten Einkaufszentren, Besuche zum Tee mit ziellosem Geschwätz, aufwendigste Dinnerparties in Galakleidern mit rein weiblichem Publikum – ein Leben in totaler Abhängigkeit, ohne jegliche Verantwortung oder Zuständigkeit.

Die Schwierigkeiten des Hauses Saud liegen in der mangelnden Konsequenz sich selber gegenüber: Die königliche Sippe zählt heute mehrere tausend bis über zehntausend erwachsene männliche Mitglieder, die meis ten mit einer Reihe von Frauen und Kindern. Sie alle beanspruchen Privilegien, monatliche Zahlung von Apanagen, freie Nutzung staatlicher Dienstleistungen wie Flüge, Wasser, Strom sowie einen umso höheren ge sellschaftlichen Status, je weniger sie ihn durch ihre Leis tung verdienen. Für hohe Prinzen soll die Apanage etwa anderthalb Millionen Dollar jährlich betragen, doch das ist bei manchem nur das Taschengeld. Oppositionelle Saudi legen den Finger darauf, dass mancher Minister-Prinz sich bei der Vergabe von Staatsaufträgen schamlos durch Kommissionen von oft über 10 Prozent bereichert. Andere eignen sich Staatsland an und verkaufen es für Grossprojekte an die Regierung zurück.

Kronprinz Abdallah, ein allem Anschein nach religiöser und moralischer Mensch, stösst sich daran; doch ist von ihm nie mehr bekannt geworden als jene verschleierte Warnung vor dem neuen Jahrtausend: «Die fetten Jahre sind endgültig vorbei und werden nie mehr zurückkommen.» Dass er damit die parasitären Prinzen meinte, die sich jahrzehntelang im Speck des Petrodollar-Überflusses bereichert hatten, erkannte man erst später. Und das war am Ende zweier Jahrzehnte, während deren die Ministerien im Königreich das Geld sackweise verschwendet hatten. Seit es am rechten Flügel Amerikas zum guten Ton gehört, über die Saudi zu lästern, werden alle erdenklichen Anklagen wie mit dem Salzstreuer verbreitet: Hinterziehung von öffentlichem Gut, Korruption, Misshandlung von Dienstpersonal, Saufereien und Sexparties mit eingeschmuggeltem Whisky und Callgirls, Orgien mit harten Drogen, Einkauf von «Spendernieren» und anderen Organen aus Afrika oder aus dem Fernen Osten, kurz: alles, was sich alle Superreichen dieser Welt so leisten. Freilich sind diese Skandale besonders würzig in der Führungsschicht des wohl weltweit bigottesten Staats mit einer quasi in reiner Moral aufgeführten Rechtsordnung.

Mit dem aufwendigen Lebensstil der Prinzen machen viele, die keine unangenehmen Fragen stellen, gutes Geld. Seit Amerika mit seiner antiarabischen Terrorphobie ungemütlich geworden ist, zieht Libanon mit seiner Sommerfrische wieder viele Besucher an. Die Mittelklasse der Kuwaiter und Saudi drängt sich während der fünf heissesten Wochen in den Kurorten Bhamdoun und Aley. In den kühlen Hügeln oberhalb von Beirut findet täglich eine Kirmes mit Karussells, Terrassencafés und exotischen Speiserestaurants statt.

Am kühlsten ist die Brise 750 Meter über Meer in Brummana. Dort steht seit einem Jahr ein eigens für Ölscheichs konzipiertes Luxusparadies: das Grand Hills Hotel & Spa. «Wir wollen ein Gefühl der Öffnung und der Befreiung vom Alltagszwang erwecken», lautet die Devise; dafür weht auch auf der offenen Terrasse noch ein besonderes Lüftchen – aus der Klimaanlage.

Das «Grand Hills» begnügt sich nicht mit seinen 52 imperial suites, «voll eingerichtet und ausstaffiert nach den höchsten Standards von Geschmack und Eleganz», seinen 12 Restaurants und Gartencafés, Ballsälen, Piano- und Zigarrenbars. Als einziges Hotel der Welt bietet es die «Royal Residence», ein völlig eingefriedetes Hotel im Hotel mit eigener Bedienung und Sicherheitspersonal, 3 Luxuspavillons, einem 7-geschossigen Haupttrakt, ge trennten Saunen, Schwimmbad, türkischem Bad, Jacuzzi, Weinkeller (sic), Aquarium, Diwan, Rauchzimmer für die Wasserpfeife und vielem mehr.

«Die Scheichs sind überaus nette und zugängliche Leute», sagt der Troubleshooter des Hotels. «Wenn sie ihre spezielle Diät brauchen oder jeden Morgen ihre Lieblingszeitung und dazu ihren Kaffee auf eine besondere Art zubereitet haben wollen, dann muss man dies eben so liefern. Und ein Scheich darf sich nie langweilen, da sorgen wir vor.»

In einem der opulenten Schmuckläden des Hotels, der schweres Gold und ausschliesslich echte Diamanten ausstellt, vertreibt sich eben eine junge Prinzessin ihre Zeit, eifrig und unablässig bestätigt durch ihre Dienstmädchen. Das Hotel ist im Juli «voll belegt», die königliche Residenz eingeschlossen, und wir dürfen nicht erfahren, durch wen; etwa 85 Prozent der Besucher reisen vom Persischen Golf an. Die Preise reichen von 270 Dollar für ein Zimmer bis zu 30 000 Dollar im Tag für die Königsresidenz.

Was ist mit dem Harem der Scheichs? Die Frage erhält in allen libanesischen Hotels die Standardantwort: Das Gesetz verbietet Zuhälterei in Gastbetrieben. Doch mancher Scheich kommt nur mit seiner Lieblingsfrau, um die Ferien gemeinsam zu geniessen. Wenn die Fremden herumhuren wollen, schafft ihr eigenes Personal die Damen vom Gewerbe an. Jeder Libanese glaubt, dass junge Frauen aus dem Zedernland für das grosse Geld empfänglich sind. Einer der besten Strände im Zentrum von Beirut ist der kleine Streifen beim «Café d’Orient»; hier drängen sich besonders deshalb die Bikini-Girls, weil die Scheichs vom benachbarten Hotelbalkon aus mit dem Feldstecher die schönsten auszuwählen pflegen. Nach einer eigenartigen Gepflogenheit ist jeweils die zweite Frau eines saudischen Prinzen aus Libanon oder Syrien; das trifft auch auf Kronprinz Abdallah zu.

Sind die Scheichs gute Staatsmänner? Oder verstehen die, die sich durch das Intrigenlabyrinth eines orientalischen Herrscherhofs emporgearbeitet haben, weniger von der Macht als der Ausstoss einer arabischen Armee oder einer herrschenden Partei? Nach den Massstäben der selbsternannten neuen amerikanischen Schutzherren der Welt haben sie alle versagt und brauchen Reformen. Doch der Vergleich mit Öldiktatoren wie Saddam Hussein oder Muammar Ghadhafi fiel für lange Jahre zugunsten der Monarchen am Golf aus. Dann erkannte man, dass sich in ihrer jungen Generation eine gefährliche Mischung von Jihad-Militanz, Chauvinismus und antiwestlichem Sendungsbewusstsein zusammengebraut hatte. Sie kommt seit den Anschlägen vom September 2001 in New York und Washington als Kaida-Terrorismus nach Saudiarabien und dem Irak zurück.

Saudiarabien ist nichtsdestoweniger über die letzten drei Generationen relativ stabil geblieben. Es blieben ihm eine islamische Revolution und Golfkriege im eigenen Land erspart, es ist auf einem Kurs vernünftiger Wirtschaftsreformen und einer zaghaften politischen Öffnung. Die Stabilität der westlichen Wirtschaftssysteme beruhte jahrzehntelang mit auf der Ölpreispoli tik der Saudi, die mit der Steuerung der Opec-Produktion die Ausschläge des Weltmarktpreises abfingen.

Gewiss erwecken die dekadenten Auswüchse und die Rösselsprünge der Entwicklung Besorgnis. Doch welcher westliche Staat hätte eine derart brutale Modernisierung innerhalb eines halben Jahrhunderts – von einer quasi mittelalterlichen Handels- und Nomadengesellschaft in eine urbane Industriezivilisation – intakt überstanden? Welche Planer in der Alten Welt wären durch die ungeheuren Ausschläge der Öleinnahmen zwischen riesigen Haushaltsdefiziten und zigfachen Über schüssen nicht in die Grossmannssucht verfallen? Gegen über dem Grössenwahn eines irakischen Raketenarsenals zur Terrorisierung der ganzen Region ist die Nostalgie lauschiger Palmengärten oder der Prestigewettbewerb mit Glaspalästen wohl das geringere Übel.

Victor Kocher ist Nahostkorrespondent der NZZ. Er lebt in Zypern.


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