Seit seinem achten Altersjahr ist David Knapp geschäftlich engagiert. Damals her er angefangen, Grusskarten an die anderen Schüler zu verkaufen - mit Erfolg. Kein Wunder also, dass er es mit seinen heute 31 Jahren weit gebracht hat. Inzwischen besitzt der ehemalige Rechtsstudent die Kette von Pizzarestaurants, in der er einst als Pizzabäcker und Fahrer angefangen hat; er ist ferner mit seiner Frau Denise im Parfümeriebusiness engagiert und ausserdem Eigner eines Verkaufsunternehmens für nachgemachten Schmuck mit Filialen in mehreren Bundesstaaten. Seine Aktivitäten dirigiert David Knapp von einem winzigen, schmucklosen Büro in der Fussgängerzone von Asheville aus. Alles in allem bringt es der junge Selfmade-Man auf einen Detailhandelsumsatz von rund sechs Millionen Dollar im Jahr. Neben diversen anderen Auszeichnungen hat er jüngst auch die des «Jungunternehmers des Jahres» von North Carolina bekommen.
David Knapp wuchs in Kentucky auf und hat bereits in einigen Staaten gelebt. Nach Asheville kam er der Kinder wegen, damit sie, so hoffen die Eltern, in Ruhe und fern der Grossstadtgefahren aufwachsen können. Aber das ist nicht der einzige Grund. «Ich finde hier das wirtschaftliche Umfeld günstig: Die Mieten sind billig, und die Arbeitsmoral ist sehr hoch», sagt er.
Mit dieser Meinung ist er nicht allein, das sagt ungefähr jeder, den man nach den Vorteilen fragt, hier im etwas abgelegenen westlichen North Carolina ein Unternehmen zu betreiben. Schon Thomas Wolfe hat die Leute von Asheville in seinem Roman «Schau heimwärts, Engel» als «Menschenschlag schottisch-irischen Blutes» beschrieben, der «hinterwäldlerisch, fleissig, handfest, intelligent» sei. Bis heute klingen so und ähnlich auch die Argumente lokaler Wirtschaftsförderer. Sie loben fast unisono Fleiss und Einsatzbereitschaft der Einheimischen, in der Konsequenz die hohen Produktionsraten und niedrigen Ausfallquoten.
Niedriger als im Landesdurchschnitt sind auch die Löhne, und das dürfte mindestens so ausschlaggebend sein wie der vielgelobte Fleiss. In den bodenständigen und ländlichen Südstaaten waren auch die Gewerkschaften nie so stark verwurzelt wie im industrialisierten Norden. In den letzten Jahren haben sie an Einfluss noch verloren. Auf Asheville bezogen, erklärt Becky Williams von der örtlichen Handelskammer das damit, dass sie als «Bergler» unabhängig seien und gewöhnt, für sich selbst zu kämpfen. Weniger als 2 Prozent der Industriebetriebe sind heute gewerkschaftlich gebunden. Das mag mit ein Grund dafür sein, dass der Durchschnittslohn hier knapp 18 000 Dollar im Jahr beträgt; wer so wenig verdient, ist daher oft darauf angewiesen, noch einen zweiten oder gar dritten Job zu haben, ungewöhnlich ist das hier nicht. Ein Ingenieur dürfte um die 40 000 Dollar verdienen. Allerdings ist beispielsweise ein hübsches Einfamilienhäuschen auch bereits für 60 000 Dollar zu haben.
Abgelegen, wie es ist, immerhin aber erschlossen mit einem nationalen Flughafen und zwei Autobahnen, ist Asheville wirtschaftlich-industriell gesehen kein Entwicklungsland. Metall- und Maschinenindustrie, Elektrotechnik, Präzisionsinstrumente, Kunststoff- und Textilindustrie sind die Säulen der lokalen Produktion. Zweitwichtigster Arbeitgeber ist der Gesundheitssektor (Asheville besitzt ein regionales Spitalzentrum), dann folgen Handel und Tourismus. Hingegen spielt die Landwirtschaft in dieser hügeligen Gegend eine geringe Rolle. Ein für Asheville ganz spezifischer Wirtschaftsfaktor ist die «retirement industry». Weil vergleichsweise viele wohlhabende Pensionäre herziehen, profitieren Bauindustrie, Immobilienmarkt, Dienstleistungssektor und Gewerbe, und ausserdem belasten die Pensionäre die Infrastruktur nur wenig.
Mit 26,5 Prozent sind die meisten Arbeitskräfte auch in Asheville im Dienstleistungssektor beschäftigt, 25 Prozent im Handel, 23,5 Prozent in der Industrie, 12 Prozent in der Landwirtschaft und 10,8 Prozent im Tourismus. Ein typisches Erbe der hier, im baumwollreichen Süden, einstmals dominierenden Textilindustrie ist der mit 52 Prozent hohe Anteil der Frauen, die im Berufsleben stehen.
Die Region hat freilich Mühe, neue Betriebe in gewünschter Zahl anzuziehen. Zu unbekannt ist sie als Industriestandort im Vergleich mit den städtischen Zentren. Und weil es bergig ist, ist der Boden für gutes (ebenes) Industrieland relativ teuer. Ausserdem ist der Landstrich nicht eben reich an hochqualifiziertem Fachpersonal. Wo es um Anforderungen einer High-Tech-Industrie ginge, genügt der Ausbildungsstand der lokalen Bevölkerung oft nicht. Zudem fehlt es in Asheville und Umgebung an höheren Lehranstalten in genügender Zahl. Andererseits bringen viele Firmen ohnehin ihre Kaderleute selber mit, und die sind es gewöhnt, dorthin zu ziehen, wo sie gebraucht werden.
In den letzten zehn Jahren war die Wirtschaft von Asheville und dem umgebenden Buncombe County einem starken Umbildungsprozess ausgesetzt. Mehrere Textilunternehmen mussten ihre Tore schliessen - auch hier hatten sie keine Chance mehr gegen die asiatische Konkurrenz. Dafür zogen neun neue Unternehmen her. Gingen 1250 Arbeitsplätze verloren, wurden 1700 neu geschaffen. Genug ist das nicht, denn die Zahl der neuen Arbeitskräfte wächst schneller als die der Jobs.
Die Arbeitslosigkeit ist mit 5 Prozent indessen geringer als im Landesdurchschnitt, wo sie an die 8 Prozent heranreicht. Denn die Rezession hat hier unten nicht die einschneidende Wirkung wie im Norden. Die Geschäftswelt im konservativen Süden profitiert heute von ihrer Zurückhaltung. Der Boom der achtziger Jahre war hier weit schwächer ausgeprägt, da es immer auch schwieriger war, an (Risiko-)Kapital heranzukommen. Dafür blieb North Carolina entsprechend verschont vor den Zusammenbrüchen, namentlich im Bankensektor, die mit dem Ende des Booms einhergingen und noch -gehen. Ob aus Glück oder Weisheit, Banken aus North Carolina treten heute sogar als Aufkäuferinnen und damit Krisengewinnlerinnen auf. «Ein gesundes, aber langsames Wachstum» ist es denn auch, was Shirley Brown, Ökonomieprofessor an der hiesigen Universität, der Wirtschaft Ashevilles für die nächsten Jahre voraussagt.
Somit untypisch rasant ist das Wachstum eines Unternehmens wie ITT-Teves. ITT-Teves ist der weltweit grösste Hersteller von Bremssystemen mit 75 Produktionsstätten verteilt über den Globus. 1989 wurde in Asheville ein Werk in Betrieb genommen, das Antiblockiersysteme (ABS) produziert. Vom amerikaweiten dramatischen Einbruch in der Automobilindustrie spürt die Firma nichts. Der ABS-Markt ist relativ jung, und es gibt noch Millionen von Autofahrern, die sich ein Auto mit ABS wünschen.
Deswegen wird bei ITT-Teves in drei Schichten 24 Stunden lang an sieben Tagen der Woche gearbeitet, Auftragsvolumen und Optimismus reichen noch für viele weitere Jahre. 1991 betrug das Umsatzwachstum 400 Prozent, bei immer noch steigender Tendenz. ITT-Teves ist bereits zum drittgrössten industriellen Arbeitgeber von Asheville avanciert. Im letzten Jahr wurden 400 neue Mitarbeiter eingestellt, bis Ende dieses Jahres wird das Werk um die 1000 Beschäftigte haben. 70 Prozent von ihnen sind übrigens Frauen - ABS werden am Fliessband hergestellt.
ITT-Teves hat für diese neue Fertigungsstätte Asheville aus über 200 möglichen Standorten ausgewählt. Weshalb? Man kennt die Antwort schon: «Die Arbeiterschaft ist hier qualifizierter als anderswo, die Leute sind geschickter mit den Händen, sie sind smart, lernen schnell. Ihnen kommt zugute, dass es hier in den Bergen eine Handwerkertradition gibt», fasst Ed Anderson, der Leiter des Betriebs, die Gründe zusammen.
Ähnlich äussert sich Johannes Mohn, einer der Erben des deutschen Bertelsmann-Medienkonzerns: «Bodenständiger sind die Leute hier, sie arbeiten mit mehr Einsatz als Grossstädter.» Johannes Mohn leitet für einige Jahre die hiesigen Operationen der Sonopress Inc. und das Werk in Mexiko. Bertelsmann hat Sonopress mit dem Kauf des Musikkonzerns RCA übernommen, und das Unternehmen gehört zu den weltgrössten Herstellern von Musikkassetten mit Fabriken in aller Welt. Im Werk bei Asheville stellen die 350 Angestellten jährlich 90 Millionen Kassetten her und erwirtschaften damit einen Umsatz von 50 Millionen Dollar. Ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann. Zum Beispiel stellt sich das Kosten-Profit-Verhältnis der amerikanischen Tochter um einiges günstiger dar als im Mutterhaus in Gütersloh, was nur schon damit zu tun hat, dass in Deutschland niemand für solch niedrige Löhne zu arbeiten bereit wäre.
Man muss suchen, bis man etwas kritischere Töne zu hören bekommt. Der Zufall hilft. Im Sekretariat von Sonopress arbeitet eine junge Schweizerin, die den Kontakt zu Rolf Wild vermittelt. Ihm gehört in Asheville ein kleiner Holzverarbeitungsbetrieb, fast eine Schreinerei nur. Rolf Wild stammt aus Dübendorf, doch ist er - er nähert sich langsam dem Pensionsalter - seit Jahrzehnten Amerikaner. Lange stand er im Dienst eines Grossunternehmens und hat sich erst 1987 selbständig gemacht -in Asheville, weil er mit einer Ashevillerin verheiratet ist. Wild produziert solide gebaute «Schweizer Fenster», die sich nach innen öffnen statt nach oben schieben lassen, wie das bei amerikanischen Fenstern üblich ist. Das Unterfangen ist so harzig, wie es der Versuch wäre, Amerikanern beizubringen, dass man auch Brot backen kann, das nach Brot schmeckt.
Rolf Wild also lobt nicht: er schimpft. «Die Banken sind nicht hilfreich, und das nicht nur, wenn man Kredite für ein nicht eingeführtes Produkt will. Wir leben im Land der unbegrenzten Bürokratie, und das hohe Arbeitsethos ist ein patriotischer Mythos.» Es sei schwierig, gute Leute zu finden. Die meisten seien nur angelernt und hätten ausserdem ein mangelhaftes Pflichtbewusstsein. Das liege auch an den Schulen, die bis hin zur Universität viel zu geringe Ansprüche stellten.
Spricht hier der anspruchsvolle Schweizer, der sich noch an das Schweizer «Arbeitsethos» und an die Schweizer Qualitätsschulen erinnert, oder jemand, der einfach auf das falsche Produkt gesetzt hat?