NZZ Folio 03/95 - Thema: Mit den Augen   Inhaltsverzeichnis

Ohne die Augen

Mit einem Blinden unterwegs.

Von Eleonore Frey

ICH GEHE MIT EINEM HERRN SPAZIEREN, der nicht sieht. Der nichts vor Augen hat. Auch nicht Schwarz oder Grau. Wie ich mir das denken soll, dieses Nichts? «Denken Sie sich», ist die Antwort, «Sie sähen mit den Augen soviel wie mit Ihrem Arm oder mit Ihrem Haar.» Für einen Augenblick dämmert mir auf . . . wird spürbar, dass es angesichts dieses Nichts weder einen Augenblick gibt noch ein Dämmern, noch ein Angesicht. Unsere Sprache ist durchsetzt von Metaphern aus dem Bereich des Visuellen, besonders dicht dort, wo es ums Erkennen geht. Von der «Einsicht» sprechen wir und vom «Licht des Verstandes», vom «Geistesblitz» und von der «Erleuchtung». Immer wieder erhellt sich eine Finsternis, in der wir verdüstert leben. Es gehen uns die Augen auf, wo wir eben noch im dunkeln tappten, und statt dass wir blindlings ins Unglück rennen, haben wir jetzt unser Ziel fest im Blick: Der Kontrast von Licht und Finsternis strukturiert nicht nur im Wechsel von Tag und Nacht, sondern auch als ein Bild für Gut und Böse, Glück und Verzweiflung, Wissen und Nichtwissen unsere Erfahrung. Schwarz und Weiss, schwarz auf weiss - wo bleiben die Zwischentöne?

Auch von den Blinden spricht eine gewisse Tradition in harten Gegensätzen. Weise sieht man in ihnen, Seher wie Teiresias, während sie das Sprichwort zum Inbegriff der Hilflosigkeit und Beschränkung macht. Die Urangst des Menschen vor dem Anderssein kommt nach Ursula Burkhard - blind geboren und Lehrerin für blinde Kinder im Vorschulalter - in solchen Ansichten zum Ausdruck. Hilflosigkeit und Beschränkung in andern Worten. - Ich gehe mit einem Blinden spazieren. Schritt für Schritt berichtet er mir, was er wahrnimmt. Durch die Haut und mit den Ohren. Als Geschmack und als Geruch. Es schneit. Der Schnee ist für meinen Begleiter wahrnehmbar im Gesicht und unter den Füssen. Am Geruch der Luft auch und an der Veränderung der Akustik: es kann im Schnee schwierig werden, sich zu orientieren. Ein Echo, das eine Mauer oder - aussetzend - eine Seitenstrasse anzeigt, wird schwächer. Die Stadt, die sich mit ihrem Geräuschpegel zu unserer Rechten in der Tiefe ständig in Erinnerung hält, liegt weiter weg. Für mich ist der Schnee vor allem weiss; ein Hintergrund, vor dem sich die wenigen Farben besonders lebhaft abheben. Hätte es einen Sinn, meinem Begleiter mitzuteilen, dass dort drüben am Zaun eine blaue Wassertonne steht und dass das Kind, das um die Ecke verschwindet, eine rote Mütze trägt?

Ursula Burkhard berichtet in ihrem Buch «Farbvorstellungen blinder Menschen» vom Anfang ihrer Beziehung zu Farben: «Als Kind besass ich eine grosse Schachtel mit Stoffrestchen. Damit spielte ich gern. Alle warmen Wollstoffe waren rot, Baumwolle gelb oder grünlich. Kalte Leinwand war weiss. Seide, die sich kühl anfühlte, war blau wie die frische Seeluft.» Sicher, das Kind hat seine Begriffe von Farben hergeleitet aus dem, was es über die Farben hat sagen hören. Giftgrün oder gelb vor Neid. Rot vor Zorn, rot vor Freude oder - die Märchen spielten eine wichtige Rolle - so rot wie Blut, so weiss wie Schnee, so schwarz wie Ebenholz. Die rote Hälfte des Apfels ist vergiftet. Die weisse ist gut. So haben sich nach und nach die vorerst schematisch erfassten Farben zu lebendigen Empfindungen gemischt. «Das Wort Grün», sagt Ursula Burkhard, «erweckt in mir sofort die Erinnerung an den herrlichen Geruch von frischgemähtem Gras. Das duftet für mich einfach grün.» Wir gehen durch den Wald. Ich frage nach der Präsenz der Bäume. Nein, die Föhren sind nicht zu riechen. Im Sommer, in der Wärme wäre das anders. Auch hören kann man die Bäume nicht, es ist windstill. Der Wald schweigt. Dann und wann ein Vogel. Ein Schwarzspecht, sagt mein Begleiter. Ich frage nach der Ausstrahlung der Bäume, von der ich schon gehört habe; dass lebendiges Holz sich anders ankündige als totes, habe ich sagen hören, und dass ein Baum schon aus einer gewissen Distanz wahrnehmbar sei als Baum. Ja, das sei möglich, bekomme ich zur Antwort. Es handle sich hier um den sogenannten Fernsinn der Blinden. Ursula Burkhard spricht einmal von der Empfindung einer «ganz zart differenzierten Wärme auf der Stirne», die sie gespürt hat, als sie vor den Kirchenfenstern in der Kathedrale von Chartres stand; von einer Art von «Farbwahrnehmung durch die Haut».

Schon vor einer Weile haben wir festgestellt, dass Holzfäller am Werk sind. Wir kommen näher. Achten auf anderes. Da fällt ganz nah, mit Getöse, ein Baum. Akutes Gefühl der Bedrohung. Der Hund, der uns begleitet, läuft frei. Er ist ausser Sicht, aber doch in Hörweite und kommt auf den Befehl «Piede!» - Blindenhunde werden auf italienisch dressiert - unversehrt zurück. Viel schlimmer noch als andere Male habe ich das Krachen, das Geräusch der splitternden Äste empfunden, die Zerstörung erfahren. Wie - ich will es genau wissen - erfährt ein Blinder einen Baum?

«Auch Blinde können sich ein Bild machen», erklärt mir mein Begleiter. Ein Baum wächst in der Vorstellung - aus den ertastbaren Wurzeln, aus seinem Stamm heraus - in die Höhe im Geräusch der kahlen Zweige, die sich im Wind bewegen und aneinander reiben, oder, im Sommer, im je andern Rieseln oder Rauschen der Blätter. In solchen Beobachtungen, und auch in den wechselnden Ausdehnungen des Schattens, wird die Grösse des Baumes erfahrbar und sogar seine Form. Auch der Hintergrund, vor dem sich für mich die Bäume abzeichnen, liesse sich mit geschlossenen Augen ins Bild einfügen, denke ich mir. Eine Wolke kann sich zu erkennen geben, wenn sie vor die Sonne tritt und wenn es vorübergehend kühl wird. Die Sonne situiert sich am Himmel im Gefühl der Wärme, auf die sich suchend ein Gesicht ausrichtet, und der Himmel selber . . . Ein Flugzeug bringt ihn plötzlich erschreckend nahe. Ein unerträglicher Lärm für jemanden, der sich auf seine Ohren zu verlassen hat: «Ich werde vorübergehend taubblind», sagt der Herr, der sich von mir führen lässt, obwohl es meistens kaum nötig zu sein scheint. «Die Welt verschwindet. Nichts ist mehr da als das Dröhnen.» Langsam baut sich die Umgebung in leiseren Geräuschen wieder auf.

Was uns vorher - vor dem Sturz der grossen Buche - von den Holzfällern abgelenkt hat, war ein Brunnen. «Man sollte ganz genau sagen können, wie ein Brunnen rauscht und wie ein Bach», sagt mein Begleiter. «Jedesmal, wenn ich hier vorbeigehe, klingt es anders.» Je nach Luftfeuchtigkeit und Temperatur? frage ich mich. Hört ein Blinder im Geräusch des Wassers die Qualität der Luft und damit indirekt das Licht?

Von ihrer «Wassermusik» hat mir Ursula Burkhard erzählt und damit die Tropfen gemeint, die aus dem Wasserhahn in den Ausguss fallen. Lauter, leiser. Heller könnte man auch sagen oder dunkler; in wechselnden Abständen den Takt schlagend. Ein Ereignis, das auch Sehenden durchaus zugänglich wäre. Nur nehmen sie es in ihrer Orientierung auf Sichtbares meistens nicht wahr.

Die Schwierigkeit, das Rauschen des Brunnens in Worten zu beschreiben, macht mir bewusst, dass eine Sprache, die einem Subjekt ein mindestens grammatikalisch scharf umrissenes Objekt gegenüberstellt, zur Beschreibung der nicht einzugrenzenden und nicht aus Distanz zu begutachtenden akustischen Eindrücke nicht sehr geeignet ist. Was wir hören, breitet sich aus ins Unbestimmte; es geht durch uns hindurch und verliert sich wieder. Nicht nur die Metaphorik wird in unserer Kultur vorwiegend vom Gesichtssinn beeinflusst, sondern der Bau der Sprache überhaupt. Zu den grossen praktischen Schwierigkeiten, die die Blinden zu bewältigen haben, gehört - oft wohl nicht erkannt - auch die, dass die sprachlichen Mittel, die zur Verfügung stehen, dem «Weltbild» der Blinden nicht entsprechen. Von dem, was sie wahrnehmen, kommt vieles - in der Alltagssprache mindestens - nicht zum Zug. Wie ich jetzt über die differenzierten, herkömmliche Begrenzungen überspielenden Wahrnehmungen nachdenke, in denen sich - anders strukturiert als die der Sehenden - die Welt der Blinden aufbaut, erinnere ich mich an eine Ausstellung, die ich vor ein paar Jahren gesehen habe.

Es wurden Zeichnungen blinder Kinder gezeigt. Glühbirnen haben sie gezeichnet, Autos und Tiere, die - alle Viere von sich gestreckt - aussahen wie der Eisbär als Bettvorleger. Ein eindrückliches Zeugnis für eine Vorstellungskraft, die sich um jeden Umriss eigens bemühen muss; für einen Willen, sich ins Bild zu setzen um jeden Preis. Eines dieser Kinder, Lukas, hat - in der linken Hand einen roten, in der rechten Hand einen schwarzen Stift - im Verzicht auf Gegenständlichkeit feinste Schwingungen und Erschütterungen registriert. Das Wetter wollte er zeigen oder das Rauschen der Bäume. «Schwimmbad im Sommer» hiess eines seiner Bilder, und ein anderes schlicht «Zick-Zack». Mit den Fingern stellte er, über die leicht vertieften Linien hinweggleitend, fest, wo auf dem Blatt noch Platz war. Die verschiedenen Farben, so wurde berichtet, erkannte er am Geruch.

Ich frage mich im Stillen, wie Lukas die Bewegung des Wassers notieren würde, das - wir sind stehen geblieben, weil der Hund mit einem andern Hund zu spielen angefangen hat - noch immer für uns hörbar aus der Röhre in den Holztrog fliesst. Auch wenn wir jetzt weitergehen, sind wir doch mit dem Wasser nicht zu Ende gekommen. Unaufhörlich, und als ob es aus meinem eigenen Ohr wie aus seiner Quelle hervorträte, fliesst es in der Erinnerung weiter. Teilt es sich wortlos mit. - Wie machen sich die Menschen bemerkbar, die uns auf dem Spaziergang begegnen? «Nichts als Schritte», hat einmal ein blindes Kind gesagt, als es durch die Stadt ging. «Warum darf ich nicht die Leute anfassen?» Es fällt mir auf, dass wir - was sonst in dieser Gegend kaum üblich ist - oft gegrüsst werden, besonders von Kindern. In aufmerksamer Höflichkeit wollen sie sich wohl zu erkennen geben; wollen sie vermeiden, dass der Blinde erschrickt. Auf meine Frage, worauf er bei Menschen vor allem achte, sagt mein Begleiter: «Auf die Stimme. Auf die Hand. Und wenn jemand mich eine Viertelstunde lang führt, weiss ich mehr über ihn, als wenn er eine Viertelstunde lang spricht.» Der Herr geht an meinem Arm: Soll ich mich durchschaut fühlen? Das Wort ist nicht nur falsch, weil es wieder einmal die Augen ins Spiel bringt, sondern vor allem, weil es eine restlose Erkenntnis behauptet. «Ich weiss mehr . . .», hat mein Begleiter gesagt. Aber «mehr» ist bei weitem nicht alles. Vieles bleibt im Unbestimmten oder im dunkeln, wie man zu sagen pflegt; entzieht sich der Definierungssucht, in der man abschliesst, statt zu eröffnen - in der die Aufmerksamkeit stirbt.

Urteilen die Blinden weniger hart, weniger endgültig als die Sehenden? kann man sich hier fragen. «Den Blinden» oder «die Blinde» gibt es nicht, wie Ursula Burkhard im Gespräch immer wieder betont. «Jeder», sagt sie, «reagiert nach seiner Art.» Dass die Blinden in ihrer Unfähigkeit, mit einem Blick eine Situation zu erfassen, sich weniger rasch auf einen bestimmten Eindruck festlegen, lässt sich aber wohl allgemein sagen. Nach dem Klang ihrer Stimme, nach der Lautstärke und - das alles sind Kriterien für präzise Stimmanalysen - nach der Artikulation kann man eine Person wohl ebenso verlässlich beurteilen wie nach dem Aussehen. Oder vielleicht sogar besser?

In der Résistance hat der blinde Jacques Lusseyran, der nachher durch seine Bücher über die Welt der Blinden berühmt geworden ist, sich als Lügendetektor zur Verfügung gestellt und untrüglich sicher an ihrem Tonfall Spitzel erkannt. «Nie wird mir ein schöner Mann den Kopf verdrehen», sagt die blinde junge Frau, von der Diderot in seinem «Brief über die Blinden. Zum Gebrauch derer, die sehen» berichtet. Wer seinen Ohren traut, wird nicht so leicht überrumpelt. Der Eindruck bildet sich, überprüfbar und ständig sich verändernd, nach und nach. - Wir gehen weiter. «Hier ist es schön», sagt mein Begleiter. Ich frage ihn, wie er hier Schönheit wahrnehme? Wir sind aus dem Wald heraus auf eine breite Strasse gekommen, rechts liegen Schrebergärten, links, in grossen Abständen, Einfamilienhäuser. «Es ist hier weit und offen», sagt er. «Wir gehen durch Gärten, ich kann das an den Vögeln erkennen. Es sind andere als im Wald, sie sind dichter beisammen.» Nicht nur die Vogelarten kann mein Begleiter nach ihrem Ruf unterscheiden, sondern auch die zwei Amseln, die in seinem Garten wohnen. «Schon im Februar werden die Vögel lauter, heller singen», kündigt er an. «Am stillsten sind sie im August, wenn sie sich mausern.»

Aufmerksam geworden höre ich ein paar Tage später, wie ich bei grosser Kälte durch die Stadt gehe, links von mir einen Busch in Gezwitscher aufgehen, wie man sonst sagt, dass etwas in Flammen aufgeht. Beim Näherkommen sehe ich, dass in den Zweigen ein gutes Dutzend Spatzen sich aufplustern, Schutz suchen vor der Bise, mit ihrem Lärm von innen heraus den Busch ins Leben rufen. Als sträubte - akustisch - auch der Busch seine Federn. Die Vögel, denke ich mir, erzählen dem Blinden die Tages- und die Jahreszeiten, die Wälder, die Wiesen, die Hecken, die Gärten, den Himmel: Dass die Vögel ihr eigenes Alphabet hätten, wird in einer der «Erzählungen der Chassidim» berichtet, die Martin Buber überliefert hat. «Man braucht nur gut zu hören und zu fassen, um ihre Sprache zu verstehn.»

«Hier ist es schön» - erfahrbar in der Veränderung der Luft, der Geräusche, der Gerüche: Ich erinnere mich daran, dass Ursula Burkhard mir erzählt hat, dass für sie das Amphitheater in Arles zu singen angefangen habe, als der Wind über die Stufen strich, und frage meinen Begleiter, ob er gern reise? «Ja, aber vor allem zu Fuss», gibt er zur Antwort. «Ich fahre gern im Sommer in die Berge.» Es stellt sich dann heraus, dass er schon Viertausender bewältigt hat. «Nur leichte», sagt er. Ich frage, was ihm am Bergsteigen gefalle? «Jeder Schritt ist anders», sagt er; «jeder Schritt ist ein Erlebnis. Es ist nichts mehr da als die Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft verschwinden. Nur Jetzt. Nur Hier.»

Wir kommen aufs Wandern zu sprechen, nicht nur im konkreten Sinn, sondern auch als Bild für eine Lebensform. Unmittelbar ist für Blinde erfahrbar, was sich die Sehenden erst sagen müssen: dass nicht das Ziel wichtig ist, sondern der Weg. Blinde können nicht auf etwas zugehen, was sie vor Augen haben, sondern es ereignet sich für sie eins nach dem andern. Lückenhaft manchmal oder in einer Fülle von Eindrücken bis zur Verwirrung sich vermischend. «Ich gehe von den Einzelheiten aus», hat mir Ursula Burkhard gesagt. «Von dem, was ich ertasten, was ich deutlich hören kann. Den Zusammenhang muss ich mir dann erschliessen. Ich muss einen Weg zurücklegen. Es ist nicht immer schon alles da.»

«Mir ist lieber, dass Emil Augen in den Fingerspitzen hat als im Laden eines Kerzenziehers», sagt Rousseau im «Emil» in seinen Überlegungen zum Tastsinn der Blinden. Er empfiehlt dann in der Erziehung der Kinder Nachtspiele; eine langsam sich aufbauende Erkundung der Welt, die vom - buchstäblich - eigenhändig Erfahrenen ausgehend, allmählich ihren Kreis erweitert.

Mein Begleiter erzählt mir, wie er jeden Tag an den Pflanzen, die er selber pflegt, die Veränderungen beobachtet: das Wachstum, das Aufgehen und das Welken der Blüten. Am Gewicht des Topfes erkennt er noch genauer als an der Feuchtigkeit der Erde, wieviel Wasser eine Pflanze braucht. Mir ist beim Zuhören, als ob mir unter der Hand eine Blume wachse. Mit der Zeit mache ich mir ein Bild. Dabei lege ich einen Weg zurück. Was das Wort Erfahrung sagt, hat sich wirklich ereignet. Nicht nur das Wort Bild, sondern auch das Wort Blume hat für mich eine neue, lebendige Bedeutung. Ich «sehe» die Blume anders, wie zum erstenmal.

«Wie ein Blinder von den Farben reden» ist eine sprichwörtliche Wendung. Damit ist der sogenannte Verbalismus der Blinden gemeint: dass sie Wörter brauchten - «Regenbogen» oder «Stern» zum Beispiel - ohne zu wissen, worauf sich diese Wörter bezögen. Ist das nicht auch ein Problem der Sehenden? Verschärft dadurch, dass ein vermeintliches Wissen sie von der Einsicht abschirmt, dass sie nicht wissen, wovon sie reden, worum es ihnen eigentlich geht?

Man soll nicht allgemein über die Erfahrungen der Blinden sprechen, ich weiss. Aber vielleicht darf man doch - wie es Rousseau tut - mit einem Vergleich, der aus der Sphäre der Blinden stammt, die Möglichkeit einer unter Sehenden wohl weniger häufigen, behutsameren Erfahrungsweise andeuten? Als Vorbild oder - um im Bild der «Augen in den Fingerspitzen» zu bleiben - als Anstoss? «Was man von den Blinden lernen kann», hat mir die Frau meines blinden Gewährsmannes zu bedenken gegeben, «ist der Sinn für das Wesentliche. Was nicht wirklich wichtig ist, fällt ausser Betracht.»

Eleonore Frey ist Schrift- stellerin und Professorin für Germanistik in Zürich.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.