DER KULT der multikulturellen Gesellschaft ist passé, seit am 11. September 2001 die Türme des World Trade Center zusammenkrachten – aber keineswegs nur deswegen. Ein schönes, jedenfalls erstaunliches Stück Menschenliebe hatte sich da aufgebaut: mit Rousseau beginnend, der sich im lieblichen Herzen Europas den «edlen Wil den» ausdachte; fortgesetzt mit der «Brüderlichkeit» im Kampfruf der Französischen Revolution; gespeist vom schlechten Gewissen der Abendländer über die Ausrottung der Indianer, die Versklavung der Schwarzen und schliesslich den Holocaust; das Ganze mit christlicher Nächstenliebe vermählt und zu guter Letzt von den 68ern auf ihre Fahnen geschrieben: Alle Menschen sind gleich, alle Kulturen sind gut – holt sie her, bei uns sollen sie blühen!
In diesem Geist formten sich, als in Deutschland mehrere von türkischen Familien bewohnte Häuser angezündet worden waren, 1992 in vielen Grossstädten «Lichterketten» gegen Ausländerhass; und noch vor vier Jahren war das Multikulti-Ideal unter Deutschlands Meinungsführern so unangefochten gültig, dass der prominente CDU-Politiker Friedrich Merz sich Empörung einhandelte, als er forderte, die in Deutschland lebenden Ausländer hätten sich einer deutschen «Leitkultur» anzupassen. Das Wort ist nach wie vor verpönt – die Gesinnung jedoch, die in ihm steckt, hat längst das Abendland erobert.
Die Niederlande, jahrzehntelang gerühmt für ihre Toleranz gegenüber Einwanderern und Asylbewerbern, haben seit dem Wahltriumph der Partei des fremdenfeindlichen Pim Fortuyn vor zwei Jahren ihre Politik drastisch geändert: Ausweisung von Illegalen, gebremste Einwanderung, Pflicht zur Erlernung der Landessprache, forcierte Integration. Da dürfe keine «Parallelgesellschaft» entstehen – so der neue Leitbegriff. Selbst die Einwanderung von zunächst erwünsch ten Arbeitskräften wird inzwischen kritisiert: Da würden arme Teufel an gelockt, um für die Reichen die Drecks arbeiten zu erledigen.
In den USA, mindestens in Kalifornien, ist ähnlich gross wie die Sorge vor dem Terror die Angst vor der rapiden Hispanisierung: Die Zahl der Hispanics oder Latinos – meist Mexikaner – hat 40 Millionen erreicht und damit die der Schwarzen als stärkste Minderheit überholt. In Los Angeles machen sie schon die Hälfte der Einwohner aus; Kinderfreudigkeit und anhaltender Zuzug werden ihnen bald in ganz Kalifornien zur Mehrheit verhelfen. Anders als die meisten Einwanderer vor ihnen ballen sich die Latinos zusammen, sie weigern sich, Englisch zu lernen und sich den Landessitten anzupassen.
Samuel Huntington, der 1993 mit seinem «Kampf der Kulturen» Furore machte, hat 2004 in seinem jüngsten Buch, «Wer sind wir?», vor der «bikulturellen Gesellschaft» gewarnt, die von Kalifornien aus im Entstehen sei; sie würde das Ende Amerikas bedeuten, so wie die Welt es kenne. Wem aber bikulturell schon zu viel ist – wie soll der multi ertragen?
Dass die Einwanderer muslimischer Religion einen schweren Stand haben, versteht sich in den USA seit dem 11. September von selbst; in Spanien, in England, in Frankreich ist die Sorge nicht geringer. Gern werden dabei die Selbstmordattentate gegen die friedliche Gesinnung abgegrenzt, die im Koran walte, und gewiss ist es schrecklich übertrieben, den Koran «das dümmste und gefährlichste Buch der Welt» zu nennen, wie die berühmte italienische Journalistin Oriana Fallaci das in ihrem 2004 erschienenen Buch «Die Kraft der Vernunft» behauptet.
Harmlos aber ist der Koran nicht: «Der Lohn derer, die sich gegen Allah empören, wird sein: dass sie getötet oder gekreuzigt werden» (Sure 5, 34). Europa, schreibt die Fallaci, schwebe in tödlicher Gefahr: Längst werde es islamisch unterwandert, mit der Absicht, es zu unterjochen. In Marseille seien 60 Prozent aller Neugeborenen Muslime – und habe der algerische Staatschef Boumedienne nicht 1974 vor der Uno prophezeit: «Der Leib unserer Frauen wird uns den Sieg bescheren»?
In London griff der liberale «Guardian» solche Engländer an, «die die Empfindlichkeiten eingewanderter Minderheiten höher bewerten als die britischen Grundwerte der Toleranz, der Freiheit, der Gesetzestreue». In Deutschland warnte ein 2004 erschienenes Buch, zu dem der sozialdemokratische Innenminister Otto Schily das Vorwort beisteuerte, vor einem «Kulturrelativismus», der allzu leicht bereit sei, sich einer anderen, «vermeintlichen» Kultur unterzuordnen.
Die Frage «Ist Religion für dich wich tig?» bejahten unter 12 000 in Deutsch land befragten Schülern die christlichen zu 17 Prozent, die muslimischen zu 73 Prozent, und das Buch stellt dazu fest: Anders als in allen anderen Religionen nehme im Islam mit der Religiosität die Gewaltbereitschaft zu.
Kein Kulturrelativismus also! Keine Parallelgesellschaft im eigenen Land! Aussperrung – oder Integration! Toter könnte «Multikulti» nicht sein. Nur das Wort ringt noch ums Überleben. Ein neues multikulturelles Modell, wie es der Schweiz unter besonderen historischen Umständen alles in allem gelungen ist, scheint nirgends in Sicht.