NZZ Folio 07/98 - Thema: Privacy   Inhaltsverzeichnis

Raucherfreuden -- Big Boom

Von Peter Haffner

EIN ITALIENER, der dieser Tage Verwandte in New York besuchte, so geht die Anekdote, zeigte sich entzückt über die unvermutete Sauberkeit der Stadt, die er ganz anders in Erinnerung hatte. Bloss dass überall Prostituierte herumstünden, wunderte ihn - warum denn der Bürgermeister in seiner «Nulltoleranz»-Kampagne nicht auch damit aufgeräumt habe? Befragt, wo er solche angetroffen habe, erwiderte er, sie stünden doch gut sichtbar vor jedem Gebäudeeingang: adrett gekleidete Damen, die nichts anderes täten, als Zigaretten zu rauchen.

Wundern kann man sich in der Tat. Just in dem Land, in dem Zigarettenrauchen als achte Todsünde gilt, ist die Zigarre zum Kultobjekt avanciert, dem ein Tempel nach dem andern errichtet wird. Und da in Amerika ein Bekenntnis erst gilt, wenn es in aller Öffentlichkeit zelebriert wird, ist - neben den zahllosen Zigarrenläden und Clubs - vorab die Strasse der Ort, wo der frisch Bekehrte sein Rauchopfer darbringt. Damit das auch niemand übersieht, ist das Ding, das er sich zu diesem Zweck in den Mund steckt, womöglich ein paar Nummern grösser als die Doppelcoronas, die einem Churchill angemessen waren. So bewaffnet, mit einer Baseballmütze auf dem Schädel, Sneakers an den Füssen und einem Mädchen am Arm, das Feuer und Flamme für des Liebsten Leidenschaft mimt, gibt sich der Mann der Neuen Welt als Mann von Welt. Wieder einmal kann man lernen von Amerika. Zum Beispiel, dass man Zigarren niemals im Gehen raucht, eigentlich überhaupt nicht im Freien, wo der Wind einen um die Düfte bringt, die Nase und Gaumen sollen umschmeicheln können.

Ausnahmen von der Regel gibt es nicht. Es sei denn, man heisse Churchill. Der rauchte, wo immer er war. Aber niemals mit einer Baseballmütze auf dem Kopf.


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